Rituale
04.02.2026

Vater Unser …

Das Vaterunser ist das wichtigste Gebet der Christen. Jesus selbst hat es gelehrt. Bruder Marinus Parzinger erläutert anhand der Anreden und Bitten in loser Folge Inhalt und Wirkung des Vaterunsers.
    

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„Dein Wille geschehe“

„Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden“: Wie geht es Ihnen mit dieser Bitte? Können Sie das ehrlich beten?

Ich höre: „Es fällt mir schwer, die Bitte ,Dein Wille geschehe‘ zu beten.“ Oder: „Ich tue, was mir gefällt. Ich lasse mir nichts vorschreiben. Ich weiß selbst, was ich will.“ Ist das nicht eine gehörige Portion Selbstüberschätzung? Oder: „Ich bin total unsicher. Ich weiß nicht, was ich will.“ Franz von Assisi hat gefragt: „Herr, was willst Du, das ich tun soll?“ Es war ihm nicht genug zu wissen, was er für sich will. Er wollte wissen, was Gott von ihm will.
 
Was ist der Wille Gottes, von dem die Bibel häufig spricht? Die Gebote erfüllen, werden viele sagen! In der Deutungslinie der ersten Bitten des Vaterunsers lässt sich Folgendes sagen: „Wer den Willen meines himmlischen Vaters tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter“ (Mt 12,50). Jesus ist gekommen, den Willen Gottes zu erfüllen. Er sagt: „Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat“ (Joh 4,34). Mit ihm ist Jesus ganz eins. Die Welt aber widerstrebt dem göttlichen Geschichtsplan, weil sie nicht Gott will, sondern sich selbst. 

Jesus will uns Menschen für seinen Auftrag gewinnen, wir sollen sein Werk fortsetzen. „Euch aber muss es zuerst um das Reich Gottes und um seine Gerechtigkeit gehen“ (Mt 6,33). Das bezieht sich auf unsere eigene kleine Lebenswelt ebenso wie auf den Raum des gesellschaftlichen und politischen Handelns. 
     

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Ein christlicher Lebensstil lässt uns wie Fremde erscheinen in einer Welt, die weithin lebt, als ob es Gott nicht gäbe, und sich über Leistung und Erfolg definiert. Jesus hat seinen Jüngern prophezeit, dass sie auf Unverständnis und Ablehnung stoßen werden.

Wir sind zwar in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt. Denn wir wurzeln im Himmel, wir haben im Himmel unseren Ursprung, wir kommen von weit her. Dieser Weg Jesu kostet Mühe. Um frei und selbstbestimmt, das heißt anders als die „Masse“ leben zu können, brauche ich eine tiefe Begründung. 

Gottes Wille geschehe nicht nur durch uns, sondern auch an uns: Der Evangelist Matthäus gibt uns das dadurch zu verstehen, dass er das Gebetswort Jesu im Garten von Gethsemani ganz parallel zur Vaterunser-Bitte formuliert: „Dein Wille geschehe“ (Mt 26,42). 

Wir dürfen uns nicht täuschen: Der Glaube macht (auch) einsam. Du kannst nicht erwarten, dass alle deiner Meinung sind. Diese Maße Gottes sind nur durch eine klare Entscheidung zu erreichen, nicht (nur) durch Kollegialität oder Mehrheitsbeschluss. 

Wie im Himmel so auf Erden! Wo Gottes Wille geschieht, ist der Himmel. Jesus ist gekommen, den Willen seines Vaters im Himmel zu erfüllen. Er verbindet Himmel und Erde, er versöhnt Gott und Menschen. 

„Erde wird ,Himmel‘, wenn und soweit Gottes Wille in ihr geschieht, und sie ist bloß ,Erde‘, Gegenpol zum Himmel, wenn und soweit sie sich dem Willen Gottes entzieht.“ (Papst Benedikt) 

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Wie erkennen wir Gottes Willen?
Und wie können wir ihn tun? 

Irgendwie haben alle Menschen eine Ahnung von dem, was gut ist. Es ist uns ins Herz gegeben, was gut ist. Aber was der Wille Gottes für uns ist, kann uns auch fremd werden oder verschüttet sein. In Jesus ist Gottes Wille leibhaftig geworden, zum Anfassen. Er ist gekommen, zu heilen und zu retten. Gott ist uns gut!
 
Die Weisung Gottes in den Zehn Geboten gibt eine erste Orientierung, die Bergpredigt verstärkt und erfüllt sie.

Den Willen Gottes erkennen wir und können wir erfüllen, indem wir hinschauen auf Jesus. „Er zieht uns zu sich hinauf, in sich hinein, und in der Gemeinschaft mit ihm erlernen wir auch den Willen Gottes.“ (Papst Benedikt) 

Gregor von Nyssa, ein Theologe der frühen Kirche, empfiehlt, uns beschenken und erfüllen zu lassen von Gottes Liebe: „Da bekommt der Mensch seine edelste Figur, wo er nur Gefäß ist.“ Wenn wir beten, dann öffnen wir bittend die Hände. Wir klammern uns nicht ängstlich an vermeintliche Sicherheiten, wir lassen uns los und erwarten von Gott, dass er unsere leeren Hände füllt. Um diese Haltung bitten wir, wenn wir sprechen: Dein Wille geschehe. 

Die Bitte, dass Gottes Wille geschehe, ist „eine gefährliche Bitte – gleichgültig, ob man sie stärker im Blick auf die Welt oder auf die eigene Person betet. Sie fleht wie die beiden ersten Bitten darum, dass Gott jetzt eingreift. Dass er Herr wird und wir ihn Herr sein lassen. Dass er sein Volk neu sammelt und heiligt, damit über sein Volk die Erde ins Heil kommt. Das ist der Plan, das ist der Wille Gottes, und wer das Vaterunser betet, tritt in diesen Willen ein. Dergleichen verändert das Leben – oder das Beten der dritten Vaterunserbitte war leeres Gerede“. (Gerhard Lohfink)

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Marinus Parzinger
Artikel von Marinus Parzinger
Autor
Br. Marinus Parzinger leitet die Gemeinschaft der Kapuziner im bayerischen Altötting. Der Ordensmann und Priester ist außerdem gewählter Provinzrat und damit Mitglied der Leitung der Deutschen Kapuzinerprovinz.