Rituale
28.01.2026

Vater Unser …

Dass Vaterunser ist das wichtigste Gebet der Christen. Jesus selbst hat es gelehrt. Bruder Marinus Parzinger erläutert anhand der Anreden und Bitten in loser Folge Inhalt und Wirkung des Vaterunsers.
    

Foto: © AdobeStock - Africa Studio

„Dein Reich komme“

Mit der zweiten Bitte des Vaterunsers machen wir uns das zentrale Anliegen der Verkündigung Jesu zu eigen. Das Reich Gottes ist das Leitmotiv seines Denkens, Wollens und Wirkens. In Ihm hat es Gesicht und Gestalt bekommen. Wer herrschen will, muss dienen!

„Mit dieser Bitte anerkennen wir zuallererst den Primat Gottes: Wo er nicht ist, kann nichts gut sein. Wo Gott nicht gesehen wird, verfällt der Mensch und verfällt die Welt. In diesem Sinn sagt der Herr zu uns: ,Sucht zuerst das Reich (Gottes) und seine Gerechtigkeit, dann wird euch alles andere dazugegeben‘ (Mt 6,33).“ (Papst Benedikt XVI.) 

Die Botschaft Jesu (besonders die Bergpredigt und die Gleichnisse) geht uns als Hörer des Wortes an, uns persönlich einzusetzen; dann aber bei allem Engagement das Ergebnis allein der Initiative Gottes zu überlassen (Lk 10,17). Die Bitte um das Kommen des Reiches Gottes ist nicht die Bitte auf der Grenze zwischen Diesseits und Jenseits, sondern ruft Gott herein in unsere Gegenwart. Wir bitten um seine Nähe, besonders dort, wo Misstrauen, Hass und Gewalt, Menschenverachtung und Unfreiheit das Antlitz der Erde verunstalten. 

Wir fliehen nicht die Welt und die uns gegebene Verantwortung, wenn es nötig ist, Gott vertrauend das Reich der Freiheit und der Gerechtigkeit in dieser Welt gegen die Mächte der Unterdrückung und Ausbeutung herbeizukämpfen. 

Was soll noch kommen? Haben wir tatsächlich noch etwas vor uns? Der Prophet Daniel wird zum Traumdeuter des Königs Nebukadnezar, dessen Reich untergehen wird. Es kommt der Menschensohn, der Messias und mit ihm die Herrschaft mit menschlichem Antlitz, ein Reich nach Menschenmaß, ohne Waffen und Gewalt. So hoffen die Unterdrückten und Bedrängten.

Der Blick in die Geschichte zwingt die Frage auf: Kann Herrschaft überhaupt etwas Gutes sein? Doch ja, Herrschaft schützt Frieden unter Menschen, bewahrt die Schwachen davor, durch Stärkere ausgebeutet zu werden. Die Herrschaft Gottes bedeutet Frieden (Schalom) für sein Volk. 

„Jesus ist das Reich Gottes in Person; wo er ist, da ist ,Reich Gottes‘. Wir bitten um die Gemeinschaft mit Jesus Christus, um die wahre Nachfolge, die Gemeinschaft wird und uns zu einem Leib mit ihm macht.“ (Papst Benedikt XVI.) 

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In der Nachfolge Jesu kommt sein Reich an bei Menschen, die „so … handeln, als sei Gottes neue Welt bereits Realität, als gelten bereits die Regeln der Gottesherrschaft: Feinde werden geliebt und als Söhne und Töchter Gottes behandelt. Brot und Fisch werden geteilt, obwohl es davon viel zu wenig hat. Menschen erhalten den ganzen Tageslohn, obwohl sie nur eine Stunde gearbeitet haben“. (Daniel Kosch)

So zu beten, so zu leben verlangt Mut, Phantasie und Konsequenz gegen den Augenschein und gegen die Macht der Verhältnisse. Verständlicher wird uns das Reich Gottes, wenn wir einige Gleichnisse Jesu näher betrachten. Sie sind auf verschiedene Adressaten hingesprochen. Immer geht es um die gleiche Frage: Wie geht es zu, wenn das Reich Gottes auf die Erde kommt, wenn Gott für unser Leben maßgebend wird? 

Das Gleichnis vom Unkraut (Mt 13, 24-30): Wir sind gewohnt, im Garten zu jäten. Was wir dort nicht haben wollen, wird ausgerissen. Das Unkraut im Gleichnis ist der sogenannte Taumel-Lolch. Anfangs, wenn man ihn noch ausreißen könnte, kann man es nicht, weil man ihn nicht als solchen erkennt (gleiche Triebzeit und -art wie der Weizen), später geht es nicht mehr, weil er sich unter der Erde mit den Weizenwurzeln verknotet; man würde automatisch den Weizen mit ausreißen; also beides wachsen lassen bis zur Ernte. Wollte ich die Seiten aus der Bibel ausreißen, auf denen von gebrochenen Menschen die Rede ist, dann bliebe nicht mehr viel übrig.

Wir sind Architekten im Reich Gottes: Das verlangt, dass jeder mit sich und den anderen umgeht entsprechend dem Gleichnis, das heißt in Langmut, Geduld, Liebe. 

Ein erster Kernsatz könnte lauten: „Sein Reich wurzelt ein und zwar in dem Maß, in dem ein Mensch mit sich und den anderen umgeht in Güte und Geduld.“ 


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  • Gott will zum Menschen kommen durch Menschen hindurch. Gott wird sein Reich nicht durchsetzen ohne uns und nicht gegen uns.

  • Er gibt nie nur Weisung – so und so soll es sein, sondern immer zur Weisung hinzu die Kraft, um seinen Auftrag leben zu können (Jer 1,3f; Mt 28,20; 1 Kön 19).

  • Der Gerufene ist immer ein Gesandter. Denn jede Bekehrung zu Gott hat einen zweiten notwendigen Akt zum Menschen und zur Welt hin.

  • Wer um das Kommen des Gottesreiches bittet, muss sich zur Verfügung stellen und mitarbeiten. 


Aus dem Gleichnis vom Senfkorn/Sauerteig (Mt 13,31-33) lernen wir, dass aus Kleinem etwas Großes werden kann, dass im Reich Gottes andere Maßstäbe gelten. Als Haltungen sind Treue, Geduld und Vertrauen gefragt.

Ein zweiter Kernsatz könnte daher lauten: „Das Reich Gottes wurzelt auf der Erde, sein Reich entsteht, wenn und in dem Maße, als wir dem winzig kleinen Guten die explosive göttliche Macht zutrauen.“


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Marinus Parzinger
Artikel von Marinus Parzinger
Autor
Br. Marinus Parzinger leitet die Gemeinschaft der Kapuziner im bayerischen Altötting. Der Ordensmann und Priester ist außerdem gewählter Provinzrat und damit Mitglied der Leitung der Deutschen Kapuzinerprovinz.