Düfte
Die Schöpfung duftet
Düfte sind für den Apotheker Georg Schmitz-Remy etwas Spirituelles, dem Gebet nicht unähnlich. Sie laden dazu ein, Achtsamkeit zu üben und Sinnlichkeit neu zu erfahren.
Eine Rose: Für Georg Schmitz-Remy haben Düfte nicht nur mit der Nase zu tun, sondern auch mit der Erinnerung und mit dem Herzen. Foto: © imago/Wolfgang Maria Weber
Als Ministrant gehörte der Duft von Weihrauch für mich ganz selbstverständlich zum Gottesdienst. Noch heute sehe ich das Weihrauchfass vor mir und bestaune, wie der Rauch langsam nach oben steigt. Damals verstand ich noch nicht alles, aber ich spürte: Hier geschieht etwas, das Worte allein nicht erklären können. Der Weihrauch erfüllte den Raum und machte Unsichtbares beinahe sichtbar. „Mein Gebet steigt empor“ – dieser Gedanke ist mir geblieben.
Für mich als Kölner verbindet sich damit ein weiteres Bild: Die Heiligen Drei Könige brachten dem neugeborenen Kind Gold, Weihrauch und Myrrhe dar – wahrhaft königliche Geschenke. Gold als Zeichen der Würde, Weihrauch als Zeichen der Verehrung, Myrrhe als kostbares Harz, das die Verletzlichkeit des Lebens ahnen lässt. Zwei dieser Gaben sprechen auch durch ihren Duft. Vielleicht erzählen sie deshalb so eindringlich von Anbetung, Hingabe und Geheimnis.
Rosmarin, Bienenwachs, Zimt
Düfte erreichen uns, bevor wir nachdenken. Ein einziger Atemzug kann genügen, und eine vergangene Szene ist wieder da. Feuchte Erde nach Sommerregen, Rosmarin, Bienenwachs oder Zimt – diese Düfte öffnen in uns Türen.
Der Geruchssinn ist eng mit den Bereichen des Gehirns für Gefühle und Erinnerungen verbunden. Deshalb wirken Düfte so unmittelbar. Sie erklären nichts. Sie sind einfach da – und mit ihnen manchmal eine ganze vergangene Welt.
Lavendel kann an den Garten der Großmutter erinnern, Tannennadeln an einen Waldweg, ein Parfum an einen vertrauten Menschen. Ein Duft ruft Vergangenes nicht nur ins Gedächtnis. Er lässt es für einen Augenblick wieder gegenwärtig werden.
[inne]halten - das Magazin 18/2026
Spirituelle Kraftorte
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Besondere Form der Achtsamkeit
Darin liegt eine besondere Form der Achtsamkeit. Wer bewusst riecht, bleibt nicht ganz bei den Sorgen von gestern oder den Aufgaben von morgen. Der Duft führt in diesen Augenblick zurück. Er lädt dazu ein, wahrzunehmen, ohne sofort zu bewerten. Was löst dieser Duft in mir aus? Welche Erinnerung, welche Sehnsucht steigt auf?
Achtsamkeit bedeutet nicht, die Welt auszublenden, sondern ihr wieder näherzukommen. Unsere Sinne verbinden uns mit dem Leben. Wir sehen das Licht, hören den Wind, schmecken Brot, spüren Wärme – und wir riechen die Zeichen einer lebendigen Welt. Minze, Rose, Harz, Moos, Heu, Erde, Rauch und Regen erzählen davon, dass die Schöpfung nicht stumm ist. Sie spricht zu uns in Farben, Formen, Klängen und Düften.
Schönheit und Vergänglichkeit
Schöpfungssinnlichkeit meint deshalb mehr als Genuss. Sie ist eine Haltung des Staunens. Wer den Duft einer Blüte bewusst wahrnimmt, begegnet nicht nur einer angenehmen Duftnote, sondern einem kleinen Wunder aus Licht, Wasser, Erde und Zeit. Eine Rose wächst in ihrem eigenen Rhythmus, öffnet sich, verströmt ihren Duft und vergeht. In ihr zeigen sich Schönheit und Vergänglichkeit.
Vielleicht können Düfte gerade deshalb zu einer Brücke zum Göttlichen werden. Sie sind unsichtbar und dennoch gegenwärtig. Man kann sie nicht festhalten oder für immer bewahren. Sie erfüllen einen Raum, verändern seine Atmosphäre und entziehen sich unserem Zugriff. Darin ähneln sie dem Gebet. Auch das Gebet ist nicht greifbar, und doch kann es einen Raum öffnen: in uns, zwischen Menschen und hin zu Gott.
Weihrauch steigt in Kirchen, Tempeln und Heiligtümern auf. Sein Rauch steht für Verehrung und die aufsteigende Bitte des Menschen. Foto: © imago/Godong
Weihrauch, Myrrhe und duftende Öle
In vielen Religionen spielen Düfte seit Langem eine bedeutende Rolle. Weihrauch steigt in Kirchen, Tempeln und Heiligtümern auf. Sein Rauch steht für Verehrung und die aufsteigende Bitte des Menschen. Auch Myrrhe, duftende Öle, Kräuter und Blüten begleiten religiöse Rituale. Sie erinnern daran, dass der Glaube nicht nur den Verstand anspricht. Gemeint ist der ganze Mensch – mit Leib und Seele, Sehnsucht und Sinnen.Im christlichen Glauben ist die Schöpfung nicht bloß Kulisse. Sie ist Gabe. Die Welt trägt Spuren ihres Schöpfers. Wer aufmerksam lebt, kann sie entdecken: im Duft der Erde, in der Wärme der Sonne, im Rhythmus der Jahreszeiten, im stillen Werden einer Pflanze. Dankbarkeit ist vielleicht die angemessenste Antwort. Nicht alles muss erklärt werden. Manches darf empfangen werden.
Düfte können uns dieses Empfangen neu lehren. Dazu braucht es kein aufwendiges Ritual. Ein Zweig Rosmarin zwischen den Fingern, eine Orangenschale, eine Tasse Tee, ein Gang durch den Wald oder etwas Weihrauch in einer stillen Stunde können genügen. Entscheidend ist die innere Haltung: langsamer werden, den Atem und den Duft wahrnehmen. Nicht sofort benennen oder urteilen, sondern lauschen – mit der Nase, mit der Erinnerung, mit dem Herzen.
Georg Schmitz-Remy ist Apotheker, Heilpflanzenexperte und Duftliebhaber. Foto: © Schmitz-Remy
Sich berühren lassen
Schöpfungssinnlichkeit beginnt vielleicht hier: in der Bereitschaft, sich berühren zu lassen. Düfte erinnern uns daran, dass wir nicht außerhalb der Natur stehen. Wir sind Teil dieser duftenden, atmenden, vergänglichen Schöpfung. Jeder Atemzug verbindet uns mit ihr. Wenn wir also bewusst riechen, nehmen wir die Welt nicht nur genauer wahr – wir werden auch dankbarer. Und vielleicht beginnt genau dort etwas, das dem Glauben sehr nahe ist.Und manchmal, wenn Weihrauch aufsteigt und sich langsam im Raum verliert, kehrt die Erinnerung an meine Zeit als Ministrant zurück. Dann wird aus dem Duft wieder ein stilles Bild: Mein Gebet steigt empor. Vielleicht ist es genau dort, wo der Duft endet und das Geheimnis beginnt, dass wir eine leise Spur des Göttlichen ahnen.



