Rituale
26.02.2026

Vater Unser …

Das Vaterunser ist das wichtigste Gebet der Christen. Jesus selbst hat es gelehrt. Bruder Marinus Parzinger erläutert anhand der Anreden und Bitten in loser Folge Inhalt und Wirkung des Vaterunsers.
    

Foto: © AdobeStock/innatyshchenko


„Und führe uns nicht in Versuchung"

Die sechste Vaterunser-Bitte hat den Betern durch die Jahrhunderte immer schon zu schaffen gemacht. Das Vaterunser erscheint „wie eine Partitur, die mit einer Dissonanz aufhört. Ein Notschrei“ (Lohfink). 

Der Inhalt rührt an unser Selbstverständnis, denn die Bitte weiß um die „Macht des Bösen, die Schwäche des Menschen und rechnet realistisch mit seiner täglichen Gefährdung, seine Freiheit zu missbrauchen und sein Leben zu verfehlen“ (Köster).

Helmut Schlegel formuliert verschiedene Versuchungen:

„Versuchungen, Herr, kenne ich viele.

Die Versuchung, meine Ziele auf Biegen und Brechen durchzusetzen. 

Die Versuchung, mich zu rächen für das Unrecht, das man mir angetan hat. 

Die Versuchung, meinen Stimmungen freien Lauf zu lassen. 

Die Versuchung, den Druck, den ich von oben bekomme, nach unten weiterzugeben. 

Die Versuchung, unbeherrscht zu sein im Konsum von Alkohol und Nikotin; unbeherrscht in meinen Gefühlen, in meiner Sexualität. 

Aber die größte Versuchung, Herr, bin ich selbst. Das Ich, das sich breitmachen will wie eine Krebsgeschwulst. Meine Ehre, mein Image, mein Ansehen, mein Ruf, meine Geltung, mein Glück, meine Zeit, meine Selbstverwirklichung.“ 


„Peirasmos“, das griechische Wort für „Versuchung“, meint bei Lukas die Gefahr des Glaubensabfalls. Wir bitten darum, dass wir in der Jüngerschaft bewahrt bleiben. Dasselbe Wort kann auch allgemein „Bedrängnis“ oder „Leiden“ heißen, also Schicksalsschläge, die uns zusetzen und denen wir aus eigener Kraft nicht gewachsen sind, die unseren Glauben an den barmherzigen Vater in Frage stellen. Schließlich die uns vertraute Bedeutung: „Verlockung und Bedrohung, hinter der die Macht des Bösen steht.“ 

Derlei Versuchung kann von unserem persönlichen und gesellschaftlichen Umfeld kommen, das heißt, dass „uns Zeiten der Verkehrung und Verwirrung von Gut und Böse, Zeiten kollektiver Verblendung und Bedrohung kaum erspart bleiben“ (Köster). 
     

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Der Jakobusbrief (1,13) stellt klar: Gott führt nicht in Versuchung! Wer versucht wen? Wem ist was zuzurechnen? Hier muss die Spannung zwischen Gott und Mensch gehalten werden. Der griechische Text wie auch die Nachbarsätze sprechen von einem direkten Handeln Gottes! Gib uns unser Brot! Erlass uns die Sünden! Führe uns nicht in Versuchung. Jedes Mal ist Gott der Handelnde. Zugleich ist der Part des Menschen in keiner Weise ausgeschlossen. Jedoch behält das Handeln Gottes sein unaufgebbares Gewicht. („führen“ – sichert, dass Gott der Handelnde ist. „Versuchung“ lässt es offen, wer der Versucher ist.) 

Wie können wir diese Bitte deutend übersetzen? 

Wir werden von Gott in Jesus ernst genommen und bitten: 

Erspare uns jene Orte, Zeiten, Vorgänge des Lebens (vielleicht auch Menschen), denen wir nicht gewachsen sind. 

Erspare uns Notlagen, Gefahrenzonen. Führe uns nicht in eine Situation, die für uns zu schwer wird. 

Führe uns nicht in eine Situation, in der die Versuchung uns überwältigt. Du weißt, wie schwach wir Menschen sind. Erspare uns, dass wir es uns beweisen müssen, dass wir keine Helden sind.
 

Eine Tafel Schokolade kann eine Versuchung sein. In seinem Beleidigtsein stecken zu bleiben, nicht minder. Vergessen wir nicht, dass es auch im geistlichen Leben Versuchungen gibt, die wir, weil sie fromm/radikal klingen, nicht gleich als solche erkennen: drei Beispiele mit ähnlichem Muster (vgl. Leopold Mader): 

Alles oder nichts: Gott schätzt die hilflose Gebärde des Liebenden hoch ein; unser Tun muss nicht vollkommen sein. Zum Beispiel weil ich keine Zeit für den Rosenkranz habe, lasse ich ihn ganz bleiben. Mit dieser Einstellung komme ich zu nichts. Ein Gesätzchen ist besser als nichts, ein Kreuzzeichen oder eine Kniebeuge zur Anbetung ist besser als nichts. Wer voran kommen will, beginne mit kleinen Schritten. 

Ähnlich: Freiwillig oder nicht – kann keine Alternative unseres Lebens sein. Kommt denn das Wesentliche aus guter Laune oder aus der Bindung an eine Ordnung? Müssen wir uns nicht in Pflicht nehmen lassen, uns binden? Die Bibel gibt uns Anhaltspunkte, die das Verständnis erleichtern. Erzählung von der Opferung Isaaks, (Gen 22): Nach diesen Ereignissen erprobte Gott den Abraham. Gott erprobt den Glauben Abrahams. Das gleiche griechische Wort kommt auch im Vaterunser vor. „Versuchung“ heißt in der Bibel nicht unbedingt „Versuchung zum Bösen“. Gott führt Abraham in eine Situation hinein, in der er sich gegen oder für Gott entscheiden muss. 

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Jesus selbst wird versucht. Es gehört zu seiner messianischen Aufgabe, „die großen Versuchungen zu bestehen, die die Menschheit von Gott weggeführt haben, immer wieder wegführen“. (Ratzinger) 

Klar ist: Gott selbst tut nicht das Böse. Er versucht auch nicht zum Bösen. Diese Erprobung steht in engem Zusammenhang mit der Berufung durch Gott. Es geht um das Treubleiben in der Sendung. Die Bitte will nicht vor jeglicher Erprobung bewahren. Sie kann nur meinen: „Führe uns nicht in eine Erprobungssituation, die über unsere Kraft geht.“ 


Dreimal tritt der Versucher an Jesus heran, dreimal will er ihn von seinem Auftrag abbringen, dreimal antwortet Jesus mit einem Wort aus der Bibel und zeigt so, dass er seinem Auftrag treu bleibt. Jesus erfüllt, was Gott ihm aufgetragen hat. Er dient und gibt Gott die Ehre. Er stellt sich nicht selbst dar, sondern zeigt auf den Ursprung. „Kaum eine Verlockung ist größer, als andere zu beherrschen, vor allem durch moralischen Druck, der die Freiheit nimmt, sowie durch geistliche Macht, die nicht dienen, sondern herrschen will.“ (Werbick) 

Ijob wird geprüft. Ihm wird das Kostbarste genommen und so sein gutes Verhältnis zu Gott erschüttert. Hier hilft die Unterscheidung zwischen Prüfung und Versuchung weiter.

Zum Reif-Werden braucht der Mensch die Prüfung (Reinigung, Verwandlung, Verzicht).


Es kann kein Zufall sein, dass Jesus seine Jünger (die ihm nachfolgen) im Vaterunser beten lässt: „Und führe uns nicht in Versuchung“.

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Marinus Parzinger
Artikel von Marinus Parzinger
Autor
Br. Marinus Parzinger leitet die Gemeinschaft der Kapuziner im bayerischen Altötting. Der Ordensmann und Priester ist außerdem gewählter Provinzrat und damit Mitglied der Leitung der Deutschen Kapuzinerprovinz.