Vater Unser …
Das Vaterunser ist das wichtigste Gebet der Christen. Jesus selbst hat es gelehrt. Bruder Marinus Parzinger erläutert anhand der Anreden und Bitten in loser Folge Inhalt und Wirkung des Vaterunsers.
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„Unser tägliches Brot gib uns heute"
Als ehemaligen Bäcker reizt mich gerade diese Bitte. Ein Stück Brot ist mir kostbar. Und wer richtig Hunger hat, ist dankbar dafür. Brot ist zum Zeichen geworden für alles, was wir zum Leben nötig haben.
Der leibliche Hunger meldet sich immer wieder und wir essen. Der seelische Hunger ist nicht weniger ernst zu nehmen: Hunger nach Geborgenheit, Verständnis, Annahme … Wir sind unersättlich, nimmer-satt; wir suchen, was unseren Hunger stillt. Dass wir Hunger spüren und dann suchen, was satt macht, ist gut für uns, gehört zu uns, ist menschlich. Hunger, das heißt einen Mangel spüren, das macht uns erst wieder fähig, das Gute zu genießen. Das Schlaraffenland würde uns nicht guttun. Nicht nur der Magen knurrt, auch die Seele braucht Nahrung.
„Das Brot spielt so viele Rollen! Wir haben gelernt, in ihm ein Mittel für die Gemeinschaft der Menschen zu erkennen, wenn wir das Brot gemeinsam brechen. Wir haben gelernt, im Brot das Bild für den Wert der Arbeit zu sehen, wenn wir unser Brot im Schweiße unseres Angesichts verdienen müssen. Und wir haben gelernt, im Brot das wichtigste Mittel der Frömmigkeit und des Erbarmens zu sehen, wegen des Brotes, das man in Stunden des Elends austeilt. Der Geschmack des geteilten Brotes hat niemals seinesgleichen.“ (A. de Saint-Exupéry, in: Flug nach Arras, Paris 1942)
Die Bitte um Brot erscheint uns als die „menschlichste“, sie meint das Lebensnotwendige für jeden Tag. Wir können den Geist fliegen lassen, abstrakt denken und in tiefer Meditation versinken, aber unsere Existenz hängt immer noch an einem Stück Brot und einem Schluck Wasser.
Mit der Bitte um das tägliche Brot nimmt Jesus die leibliche Dimension des Menschen ernst. Sind nicht Hunger, materielle Not und unsolidarisches Verhalten oft die Ursachen von menschlicher Unzufriedenheit, Aggressivität und Bosheit? – Diese Bitte benennt auch die Grenze unserer Möglichkeiten. Wir können nicht alles machen. Wir überwinden die Angst vor der Zukunft, indem wir Gott vertrauen.
„Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn!“ – ein Stoßgebet, drückt aus, was wir glauben. Wir leben mit einer Verheißung Gottes. Wir trauen Gott zu, dass er uns nährt. Satt macht nicht allein Brot; leben lässt uns die Treue und Zuverlässigkeit Gottes. Als Glaubende schlüpfen wir (wie in ein Kleid) in die Lebensweise Jesu Christi, der sein Leben Gott anvertraute. Jesus begleitet und führt uns zu einem tieferen Verständnis. Er ist das lebendige Brot, das leben lässt.
Wer um das tägliche Brot betet, der muss Gott die Chance geben, Brotvater zu werden. Sind wir da nicht oft sehr kleingläubig? Die in der Bibel festgehaltene Glaubenserfahrung hilft uns weiter. Jahwe hat für sein Volk in der Wüste gesorgt. Er hat es „durchgebracht“ und ins Gelobte Land geführt.
Auch wir dürfen leben mit der Zuversicht, dass Gott uns gibt, was wir täglich zum Leben brauchen. Wann immer wir das Vaterunser sprechen, sagen wir in menschlicher Grammatik wirkmächtige Worte, die von Gott selbst stammen. Sie verschaffen uns gleichsam Zugang zum Herzen Gottes.
Das Volk Israel auf dem Weg durch die Wüste ist mit eigenen Mitteln am Ende, es ist völlig auf Gott gestellt. Hier entdecken wir etwas Grundsätzliches: Der Akt des Vertrauens, der Glaube muss gelernt sein, er hat eine Vorgeschichte. „Im Normalfall muss geübt werden, was im Extremfall gekonnt werden muss! Ernstfall des Todes ist das Leben, nicht umgekehrt.“ (L. Mader)
An der Gestalt des Mose können wir einiges ablesen. Am brennenden Dornbusch erfährt er seine Berufung. Er soll das Volk in die Freiheit herausführen. Mose fragt nach dem Namen dessen, der ihn ruft; denn das Volk wird fragen, in wessen Auftrag er redet. Und Gott offenbart seinen Namen: „Ich bin der ich bin da; bei euch, mit euch, für euch, so wie ich je und je da sein werde.“ (Martin Buber)
Mose und jede/r von uns muss sich einmal entscheiden, auf welchem Weg er/sie gehen will. Ob der Name trägt, kann ich nur erfahren, wenn ich mich auf diesen Namen einlasse.
Etwas zugespitzt formuliert haben wir zwei Möglichkeiten:
- Der Asphalt-Weg setzt auf Sicherung, Gesundheit, Bildung, Image, Erfolg, Geld …, eben das, was einer für sich selbst und für andere tun kann. Damit lässt sich ein Stück weit leben.
- Die Alternative nennen wir Botschaft-Weg. Diesen Weg können wir gehen, weil Gott uns dazu ermächtigt. Seine Botschaft ist wie eine Straße. Dass sie trägt, kann nur erfahren, wer sich einlässt.
Um Brot bitten diejenigen, die arm sind. Um Brot bitten heißt: Sorge tragen für die Schöpfung und das Leben. Um Brot bitten nimmt Schwester und Bruder in den Blick und schließt die Bereitschaft zum Teilen ein. Um Brot bitten wird zur Haltung und zum Zeichen für andere: Ich braue mein Leben auf den, der reichlich schenkt. Menschen, die so beten, ermutigen uns, Gott zu trauen.
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Vierte Vaterunser-Bitte ist Eucharistie-Bitte
Unser Brot, das notwendige, gib uns heute! Was wir mit „täglich“ übersetzen, ist im Griechischen ein ungewöhnliches Wort, das verschiedene Deutungen zulässt.
- mehr auf die Gegenwart gerichtet: „das zum Dasein nötige [Brot]“; gib uns heute das Brot, das wir brauchen, um leben zu können.
- mehr auf die Zukunft gerichtet: „das zukünftige [Brot]“ – das für den folgenden Tag.
Es ist wohl eher das wahrhaft zukünftige Brot, das Manna Gottes, gemeint. Die Kirchenväter verstanden einmütig die vierte Vaterunser-Bitte als Eucharistie-Bitte. Damit ist der schlichte Sinn der Bitte nicht fortgenommen. „Die Väter denken an verschiedene Dimensionen des Wortes, das mit der Brotbitte der Armen für diesen Tag beginnt, aber gerade so – auf den uns ernährenden Vater im Himmel schauen – an das wandernde Gottesvolk erinnert, das von Gott selber gespeist wurde. Das Manna-Wunder wies von der großen Brot-Rede Jesu her für die Christen von selbst über sich hinaus auf die neue Welt hin, in der der Logos – das ewige Wort Gottes – unser Brot, die Speise des ewigen Hochzeitsmahles sein wird.“ (Benedikt XVI.)
Man muss vor einer „Theologisierung“ keine zu große Angst haben, sollte schlicht „den größeren Zusammenhang der Worte und Taten Jesu im Auge behalten, in dem wesentliche Inhalte des menschlichen Lebens eine große Rolle spielen: das Wasser, das Brot und – als Zeichen der Festlichkeit und Schönheit der Welt – der Weinstock und der Wein.“ Ich erinnere an die große Brot-Rede in Johannes 6, die über das menschliche Bedürfnis hinausgeht. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Munde kommt.“ (Mt 4,4; Dtn 8,3)
„Das wunderbar vermehrte Brot erinnert zurück an das Mannawunder in der Wüste und weist so zugleich über sich hinaus: darauf, dass die eigentliche Nahrung des Menschen der Logos ist, das ewige Wort, der ewige Sinn, aus dem wir kommen und auf den hin wir leben.“ (Benedikt XVI.)
Vielen bleibt aufgrund von Not und Brot-Losigkeit, die sie gefangen hält, die Tür zur Gottesherrschaft verschlossen. Dass sich das ändert, liegt auch in unserer Verantwortung, denn Gott ist „nicht der ‚Ersatzmann‘ für Versäumnisse und die Unersättlichkeit von Menschen, die andere hungern lassen, um selbst im Überaß konsumieren zu können.“ (J. Werbick)
Wir bitten ums tägliche Brot und schließen alle Menschen mit ein, damit sie in Lebens- und Überlebensnot nicht allein gelassen sind. Wir wissen, dass sich in unseren Motiven auch Egoismus (eigener Vorteil, Absicherung …) findet. So beten wir auch, betroffen vom Scheitern unserer Verantwortung. Niemand soll entbehren, was er zum Leben braucht: Nahrung für Leib und Seele.
Die gerechte Verteilung der knappen Lebensmittel spitzt sich noch zu, weil wir aus Unersättlichkeit schnell zu Konkurrenten werden. Die Angst, zu kurz zu kommen, engt den Blick ein und übersieht leicht den „stummen“ Nachbarn, greift in der Zeit zu kurz und belastet die nächsten Generationen.
Betend machen wir uns die Sorge Gottes des Vaters zu eigen, der allen Menschen das Lebensnotwendige verheißt. „Der Mensch lebt nicht vom Brot der Machbarkeit allein, er lebt als Mensch, und gerade in dem Eigentlichen seines Menschseins vom Wort, von der Liebe, vom Sinn.“ (Joseph Ratzinger)



