Rituale
19.02.2026

Vater Unser …

Das Vaterunser ist das wichtigste Gebet der Christen. Jesus selbst hat es gelehrt. Bruder Marinus Parzinger erläutert anhand der Anreden und Bitten in loser Folge Inhalt und Wirkung des Vaterunsers.

Foto: © AdobeStock - LIGHTFIELD STUDIOS

„Vergib uns unsere Schuld"

„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“: Diese Bitte im Vaterunser geht unter die Haut und stellt uns eine lebenslange Aufgabe. 

„Die Überwindung von Schuld ist eine zentrale Frage jeder menschlichen Existenz; die Religionsgeschichte kreist um diese Frage. Schuld ruft Vergeltung hervor; so bildet sich eine Kette der Verschuldungen, in der das Unheil der Schuld fortwährend wächst und immer unentrinnbarer wird. Mit dieser Bitte sagt uns der Herr: Schuld kann nur überwunden werden durch Vergebung, nicht durch Vergeltung. Gott ist ein Gott, der vergibt, weil er seine Geschöpfe liebt; aber die Vergebung kann nur in denjenigen eindringen, nur in dem wirksam werden, der selbst ein Vergebender ist.“ (Benedikt XVI.) 

Wo ich gekränkt bin oder mich ungerecht behandelt fühle, da fällt es schwer zu vergessen, geschweige denn zu vergeben. Vergeben ist anspruchsvoller als Verzeihen. Verzeihen meint, jemanden nicht mehr eines Vergehens zu „zeihen“, es ihm nicht länger vorzuwerfen. Wer vergibt, lässt auch ab von der Neigung zurückzugeben, was ihm widerfahren ist. Erlittenes Unrecht soll nicht zum Anlass weiterer Feindschaft, Rachsucht und Unversöhnlichkeit werden. 

Oft genug denken und handeln wir nach der Logik der Selbstbehauptung: Wie du mir, so ich dir! Du hast mich „klein“ gemacht, jetzt werde ich dir eine Niederlage beibringen, dich kleinmachen. Eben diesen Kreislauf will das Vergeben unterbrechen. Egal, wie sehr sich ein Mensch in Schuld verstrickt haben kann, wir glauben, dass Gottes Erbarmen größer ist und die zerstörerische Dynamik aufbricht. Der Weg hin zur Versöhnung ist mitunter lang und schmerzhaft. Und Jesus fordert sogar die Liebe zu Feinden.
„Jesu Aufforderung zur Feindesliebe führt an eine Grenze und ist wie eine Überforderung unseres menschlichen Instinktverhaltens.“ (Köster) 

Du bist bejaht – so nimm dich an! Werden Menschen ihm (Gott) gegenüber schuldig – und nicht eher, ja ausschließlich Menschen gegenüber? Was geht das Gott an? Niemand lebt aus sich selbst. Ein anderer – Gott – hat uns ins Leben gerufen, wollte, dass wir sind.

Es fiele uns sehr schwer, uns selber zu vergeben, wenn nicht Gott uns vergibt. Weil er mich bejaht und annimmt, kann ich zu mir stehen und mir vergeben: Mein Zuwenig – dass ich meinem Selbstbild, dem eigenen Anspruch, meinem Lebensentwurf, meiner Sehnsucht schuldig geblieben bin. 

     

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Folgende Bibelstellen helfen zu tieferem Verständnis: Das Thema Vergebung durchzieht das ganze Evangelium. Zum Beispiel in der Bergpredigt Mt 5,23f: Für den Glauben des Gottesvolkes muss festgehalten werden: „Alles Beten, aller Opferbetrieb, aller Gottesdienst ist nutzlos, wenn er nicht ein neues Miteinander erzeugt.“ (Lohfink)

Damit knüpft Jesus an der Kultkritik der Propheten an. Egal, wer schuld ist – das interessiert Jesus nicht – es braucht die Bereitschaft zur Versöhnung. Das 18. Kapitel des Matthäus-Evangeliums spricht vom Leben in der Gemeinde: Gleichnis vom verlorenen Schaf, Verantwortung für den Bruder, Pflicht zur Vergebung, Gleichnis vom unbarmherzigen Gläubiger. „Die Vergebung gehört zum Lebensatem der Jüngergemeinde. Immer und überall muss es in ihr vorbehaltloses Verzeihen geben – schon allein deshalb, weil auch Gott immer wieder verzeiht. Dieser nicht nachlassende Vergebungswille stößt nur dort an seine Grenze, wo ein Mitglied der Gemeinde die Ermahnung durch die anderen nicht annimmt und sich so selbst aus dem Raum der Vergebung herausbegibt.“ (Lohfink)

Keine Frage: Jeder Mensch macht Fehler. Aber davon reden wir nicht so gern. Schon gar nicht von Schuld und Sünde. Dass wir einem andern etwas schuldig sind, erfüllt uns eher mit Unbehagen.

Wofür brauchen wir Vergebung? 
Ein paar Stichworte zu diesem großen Thema. 

Wo werden wir schuldig? – Wo wir den Ursprung vergessen! Darum der biblische Zuspruch: Mensch, vergiss ja nicht die Taten Gottes! Wir Menschen vergessen, wo wir herkommen, was wir wert sind, was uns trägt und hält, woher unsere Energien kommen, wohin wir unterwegs ist, von wem wir erwartet werden. Die Ursprungsvergessenheit hat drei Felder: Gedanke, Gefühl, ausgeführte Tat. 

Was ist Sünde? – „Entfernung von einem geliebten Menschen“ (nicht Verstoß gegen einen Regelkatalog). Das Wort „Sünde“ kommt von absondern; das geschieht in Gedanken, Gefühlen, in ausgeführten Taten. 

Von Schuld kann ich nur reden, wenn ich ein Maß an mein Leben anlege. „Schuld = ein Urteil aufgrund einer Messung“ (Mader). Das heißt, niemand wird Sünder, wenn er sein Leben nicht an Maßen misst. Wenn ich nicht das Maß der Liebe habe, kann ich nicht gegen die Liebe sündigen. Jesus Christus ist das uns von Gott gegebene Maß. Wir müssen uns nicht gegen Maße wehren, an denen wir in der Messung zu Sündern werden, weil Gott so großzügig mit uns umgeht. Gott rettet, heilt, befreit … 

Mit der Sünde kommt die Verheißung. Gott schafft die Sünde fort. Das häufigste biblische Wort (in Ableitungen und verschiedenen Formen) ist Gott der „Retter“. Gott schafft in der Vergebung immer alle Schuld aus der Welt. Dadurch entsteht punktuell ein radikal (von der Wurzel her) neues Leben.

Gott fragt nicht, wie lange noch. Er ist ein Gott der Geduld. Weil ich nicht weiß, wie weit ich kommen kann und kommen muss, soll ich immer wieder aufbrechen. Ich darf nie sagen, mir reicht es. 

„Wer im Wissen um die eigene Schwachheit Gottes Barmherzigkeit im eigenen Herzen keine Grenze setzt und dem Nächsten immer wieder die Chance des Neuanfangs gibt (Mt 18,21 f.), von dem wird sich Gott an Großmut nicht übertreffen lassen.“ (Köster)

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Was geschieht, wenn Gott vergibt?

Schuld ist eine Wirklichkeit, eine objektive Macht, sie hat Zerstörung angerichtet, die überwunden werden muss. Ignorieren und Vergessenwollen genügt nicht. Schuld muss aufgearbeitet, geheilt und so überwunden werden. Das tut weh (durchleiden, verwandeln, überwinden). Wir kommen an die Grenzen unserer Kraft. Vergebung hat ihren Preis. 

„Der Gedanke, dass Gott sich die Vergebung der Schuld, die Heilung der Menschen von innen her, den Tod seines Sohnes hat kosten lassen, ist uns heute sehr fremd geworden: Dass der Herr ,unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen‘ hat, dass er ,durchbohrt wurde wegen unserer Missetaten, wegen unserer Sünden zermalmt‘, dass wir ,durch seine Wunden geheilt wurden‘ (Jes 53,4-6), will uns heute nicht mehr einleuchten.“ (Benedikt XVI.) 

Vor dem Empfang der Kommunion in der heiligen Messe wird das Vaterunser gesprochen. Anschließend der Friede Christi erbeten und weitergeschenkt. Das soll unser ganzes Leben verändern. Wir zeigen einander, dass wir zur Versöhnung bereit sind. Doch geht dieser Versöhnungstat die Tat Christi längst voraus. Wen Gottes Liebe angerührt hat, der weiß sich gefordert, auch zu vergeben. Wir sind in die Pflicht genommen, andern zu vergeben, andern nicht die Zukunft zu verbauen.

„Schulden haben nimmt die Zukunft; Zukunft wird verbraucht, um das schuldig Gebliebene und zu wenig Geleistete zurückzuzahlen. Sie steht nicht mehr dafür offen, das Neue zu bauen.“ (Werbick)

Darum gilt: Menschen schenken einander Zukunft, wenn sie vergeben! 

Wer muss anfangen? 

Die Vaterunser-Bitte setzt die Vergebung des Menschen voraus, ehe er von Gott Vergebung erbitten kann. Von Anfang an sind wir einander in Lebenszusammenhängen geschenkt und zugemutet. Vergebung wird gewährt oder verweigert, Vergangenheit losgelassen oder festgehalten. Darauf bezieht sich die Bitte im Vaterunser. Sie setzt die Erfahrung des Menschlichen und die in ihr liegende Herausforderung zur Vergebung voraus. 

Der Franziskaner Helmut Schlegel betet:

„Herr, ich bin ein Durchschnittsmensch, ein mittelmäßiger Typ mit positiven und negativen Seiten. Ich nehme mir vor, offen und ausgeglichen zu sein, ehrlich und engagiert. Ich bin entschlossen, meine Fehler aufzugeben, mich um meine Familie und Freunde zu kümmern, nicht mehr so empfindlich zu sein. Ein paar Tage geht es gut ... Und dann überfallen mich die alten Launen und Süchte, die Unordnung im Denken und Fühlen, meine Unbeherrschtheit und Rechthaberei ... Ich weiß, Herr, du vergibst mir. Du stellst keine Bedingungen. Nur die eine: dass ich liebe und mich lieben lasse, dass ich mir vergeben lasse und selbst zu vergeben bereit bin. Und du willst, dass ich diese Bewegung weitergebe: Versöhnung empfangen und schenken. Sie schafft ungeahntes Leben und öffnet den Raum der Freiheit. Herr, vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ 

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Marinus Parzinger
Artikel von Marinus Parzinger
Autor
Br. Marinus Parzinger leitet die Gemeinschaft der Kapuziner im bayerischen Altötting. Der Ordensmann und Priester ist außerdem gewählter Provinzrat und damit Mitglied der Leitung der Deutschen Kapuzinerprovinz.