Glaubenswelten
18.08.2026



Franziskus hat sie gepackt

Manuela Roscher wurde evangelisch getauft, befasste sich mit Esoterik und Magie, trat aus der evangelischen Kirche aus – und gemeinsam mit ihrem Mann in die katholische ein. Heute ist die 66-Jährige Sekretärin der franziskanischen Laiengemeinschaft in Bayern.
    

Manuela Roscher zwischen Krippenfiguren in Assisi. Manuela Roscher zwischen Krippenfiguren in Assisi. Foto: © Foto: privat

„Der Herrgott wird es schon richten.“ Dieser Satz ihrer evangelischen Urgroßmutter hat sich Manuela Roscher eingeprägt. Als Heranwachsende verbrachte sie jedes Wochenende bei der älteren Dame im Schwarzwald, wo sie bei ihrer Tante und ihrem Onkel eine wenig glückliche Kindheit erlebte, geprägt von Alkohol, Missbrauch und Schlägen. Als ihre Tante ein viertes eigenes Kind bekam, ging Manuela mit gerade einmal 15 Jahren zu anderen Verwandten nach Köln, bezog eine kleine Wohnung und absolvierte eine Ausbildung zur Sekretärin. Doch als Landei fühlte sie sich in der Großstadt unwohl. Bei einem Urlaub in ihrem Sehnsuchtsort Garmisch-Partenkirchen – „Ich habe als Kind immer gesagt: Da zieh ich mal hin!“ – lernte die 22-Jährige ihren ersten Ehemann kennen – und blieb.  

1984 kam Tochter Andrea zur Welt und wurde katholisch getauft, „weil die Schwiegermutter das so wollte“, sagt Roscher. Sie selbst hatte in all den Jahren mit der Kirche nicht viel am Hut, befasste sich mit Esoterik und Magie, trat im Jahr 2000 sogar aus der evangelischen Kirche aus, ging aber „unheimlich gerne in die katholische Messe“, in der ihre Tochter ministrierte. „Ich finde diese in Anführungszeichen altmodische Liturgie wunderschön“, unterstreicht Roscher. Kennen und schätzen gelernt hatte sie diese noch im Schwarzwald über ihre katholische Mitschülerin Rita: „Ich wusste zwar nicht, was da vorne vor sich geht, aber ich fand das immer sehr feierlich.“ Auf die Idee gekommen, in die katholische Kirche einzutreten, wäre sie zu dieser Zeit jedoch nicht.

In Assisi nimmt ihr Glaubensweg eine Wende

Das änderte sich 2013 von einem Tag auf den anderen. Damals schlug ihr kunstinteressierter jetziger Ehemann Lothar vor, im Urlaub nach Assisi zu fahren, um die Ausstattung der dortigen Kirchen in Augenschein zu nehmen. Manuela Roscher war sofort begeistert: „Der heilige Franziskus, das ist der einzige Heilige, den ich aus der evangelischen Kirche kenne!“ Der Geist dieses Heiligen war für sie in Assisi auf Schritt und Tritt spürbar: „Wenn ich so durch die Straßen von Assisi gelaufen bin, habe ich wirklich gefühlt, wie diese Dunstglocke des heiligen Franziskus über Assisi liegt“, erinnert sie sich. Angesichts dieses Erlebnisses fasste sie einen Entschluss: „Lothar, ich muss katholisch werden“, sagte sie zu ihrem Mann noch auf der Rückfahrt. „Wenn du katholisch wirst, dann trete ich wieder in die Kirche ein“, entgegnete ihr dieser. 
    

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Schon am nächsten Tag gingen sie gemeinsam zum Pfarrer von Immenstadt, wo sie damals wohnten: „Das war gleich erledigt. Das war eine Unterschrift und fertig“, umreißt Roscher den bürokratischen Vorgang. Der eigentliche Glaubensweg begann für die nun katholischen Eheleute erst danach – im wahrsten Sinne des Wortes. Sie besuchten verschiedene Wallfahrtsorte. „Wir haben uns ganz viel angeschaut. Wir waren in Fátima. Wir waren in Santiago de Compostela. Wir waren bei Teresa von Ávila. Wir waren auch in Turin und in Manoppello“, berichtet Roscher. „Ich stelle dann immer die Frage: Heiliger Geist, sag mir, stimmt das so? Oder gehe ich jetzt irgendeiner Versuchung nach? Und vom Herzen her kriege ich dann eine Antwort“, betont sie und kreuzt die Hände über der Brust.

Manuela Roscher empfing als Erwachsene die Firmung. Manuela Roscher empfing als Erwachsene die Firmung. Foto: © Foto: privat

Im Alltag dem heiligen Franziskus folgen

Einmal im Jahr unternimmt die 66-Jährige zudem eine Fußwallfahrt, zu der ihr gleichaltriger Mann körperlich nicht mehr in der Lage ist, in diesem Jahr zum Beispiel von Passau nach Altötting. Vor vier Jahren hat sie das dort ansässige Sekretariat des „Ordo Franciscanus Saecularis“ (OFS) – früher „Franziskanische Gemeinschaft“ genannt – in Bayern übernommen, dem sie gemeinsam mit ihrem Mann seit 2013 angehört: „Wir haben gesagt: ,Wir suchen jetzt etwas Franziskanisches‘ – und dann sind wir auf den dritten Orden des heiligen Franziskus gestoßen.“ Die bayernweit rund 450 Mitglieder – vor 20 Jahren waren es laut Roscher noch 14 000 – verpflichten sich, im Geist des Heiligen aus Assisi zu leben. Dazu zählt neben den monatlichen Treffen auch mindestens eine Gebetszeit täglich: „Wir haben daheim eine kleine Marienecke. Da steht eine Marienstatue, da ist der heilige Josef, da ist das Kreuz und da liegt unser Stundenbuch. Wenn wir frei haben, beten wir morgens die Laudes. Wenn wir arbeiten, beten wir abends die Vesper oder die Komplet“, erläutert Roscher. Sie ist im Ruhestand nach wie vor einige Stunden als Altenpflegerin im Einsatz, ihr Mann als Pflegeberater im Landratsamt.  

Zudem beteiligen sich die beiden an der Gebetsbewegung „Gott kann“, deren Teilnehmer täglich ein Rosenkranz-Gesätz beten. Manuela Roscher knüpft auch selbst Rosenkränze, lässt sie segnen und verschenkt sie. Darüber hinaus gehört das Ehepaar der Konfraternität St. Petrus an. Diese Vereinigung von katholischen Laien und Priestern steht der Priesterbruderschaft St. Petrus nahe, die die Roschers bei der tridentinischen Messe in der Partenkirchener Kirche St. Sebastian kennengelernt haben: „Da sind wir ab und zu in die lateinische Messe gegangen und haben uns dann mit Pater Eugen angefreundet“, erzählt Manuela Roscher. Bei ihm legte sie eine zweistündige Lebensbeichte ab. 

Mit Briefen gegen Einsamkeit

Die Eheleute engagieren sich überdies im Franziskanischen Krankenapostolat, indem sie Briefe an andere Mitglieder schreiben: „Da sind Menschen dabei, die alleine zu Hause sind und nicht mehr aus der Wohnung rauskommen. Auf diese Art und Weise haben sie immer noch Kontakt“, verdeutlicht Manuela Roscher den Sinn dieses Austausches.

Was ihren eigenen Lebensabend betrifft, macht sich Manuela Roscher keine Sorgen – nicht nur, weil sich ihre Wohnung in dem Altenheim befindet, in dem sie arbeitet. Sie hält es mit ihrer Urgroßmutter: „Der Herrgott wird es schon richten.“ Für das kommende Jahr plant sie eine Reise zu Papst Leo XIV. nach Rom und eine Fußwallfahrt von Köln nach Kevelaer. Ihr Traum ist es, von Garmisch-Partenkirchen aus zu Fuß nach Santiago de Compostela zu pilgern. Sie sagt: „Irgendwann mache ich das – und wenn ich mit 75 laufe.“

Karin Hammermaier
Artikel von Karin Hammermaier
Redakteurin
Recherchiert und schreibt Geschichten für [inne]halten.