Porträt
Daheim in zwei Welten
Barthlomew Aondo stammt aus Kenia. Seit zehn Jahren lebt der 46-jährige Priester in der Bundesrepublik, seit 2018 im Erzbistum München und Freising. Er hat die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen. Sein Herz schlägt für beide Kulturen – und für den Fußball.
Typisch bayerisch: In Trachtenjanker und Lederhose posiert Pfarradministrator Barthlomew Aondo mit dem Garchinger Burschenverein. Foto: © Herbert Bauernfeind
Die Fußmatte vor der Pfarrerswohnung in Garching bei München ist Programm. „MEINE HEIMAT – MEIN VEREIN“ steht darauf in weißen Großbuchstaben. Dazwischen sind vor einer Bergkulisse das Logo des FC Bayern München, die Silhouette der Stadt und die Allianz-Arena abgebildet. Die Matte war ein Geburtstagsgeschenk an Pfarradministrator Barthlomew Aondo, der dort vor gut einem Jahr eingezogen ist. Den FC Bayern kennt der 46-Jährige bereits aus seiner kenianischen Heimat, schaute er dort nach den Fernseh-Nachrichten der Deutschen Welle doch immer eine halbe Stunde Bundesliga. So war es für ihn selbstverständlich, dass er sich hier den Hardcore-Fans aus der „Südkurve“ anschloss. Passend dazu schenkte ihm die Pfarrjugend in Wolfratshausen zum Abschied ein Fußball-Trikot mit seinem bayerischen Spitznamen „Bartl“. Außerdem ist „Pfarrer Barti“, wie er in Garching genannt wird, Mitglied im dortigen Burschen-, Heimat- und Schützenverein sowie bei der Freiwilligen Feuerwehr.
Der Geistliche findet dieses Engagement wichtig. Er nimmt einen Stift und notiert einen Satz in seiner Muttersprache Kisuaheli: „Mwacha mila ni mtumwa.“ Dieses Sprichwort bedeutet: „Wer seine Traditionen aufgibt, ist ein Sklave.“ Der Seelsorger schätzt das bayerische Brauchtum deshalb genauso wie das seiner eigenen Kultur. Er trägt nicht nur Trachtenjanker und Lederhose, sondern auch eine traditionelle kenianische Tracht: die rot karierten Umhänge der Maasai. Gelegentlich kocht er mit anderen Kenianern Gerichte aus der Heimat und singt mit ihnen landestypische Lieder.
Heimatverbunden: Zu besonderen Anlässen trägt „Pfarrer Barti“ kenianische Tracht. Foto: © privat
Deutsche Ordnung, kenianische Spontaneität
Dabei sind die Mentalitäten in beiden Ländern durchaus unterschiedlich, hat er festgestellt: „Deutschland ist sehr gut organisiert und strukturiert. Viele Dinge funktionieren zuverlässig und planbar. In Kenia dagegen sind die Menschen oft spontaner und flexibler.“Diese Unterschiede machen sich auch in der Kirche bemerkbar: „Die Kirche in Deutschland verfügt über gut ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie eine hervorragende Organisation. In Kenia erlebt man dagegen oft eine große Begeisterung für den Glauben. Die Kirchen sind voll, die Menschen feiern lebendig, singen mit Freude und bringen sich selbstverständlich ein“, hat Aondo beobachtet. Zudem präge der Glaube dort stärker den Alltag. Zum Beispiel beginne jede Sitzung, jeder Schultag und jede Mahlzeit mit einem Gebet, während die Menschen in Deutschland mitunter von Sonntag bis Sonntag warteten, „bis sie wieder katholisch sind“. Aondo wünscht den Deutschen deshalb „etwas mehr Freude daran, den Glauben öffentlich zu leben“.
Gemeinschaftsmensch: Pfarradministrator Barthlomew Aondo mit Frauen des Katholischen Frauenbunds Garching. Foto: © Herbert Bauernfeind
Ubuntu: „Ich bin, weil wir sind“
Wichtig ist dem Geistlichen auch das Gemeinschaftsdenken – entsprechend der afrikanischen Lebensphilosophie des „Ubuntu“. Deren Leitgedanke lautet: „Ich bin, weil wir sind.“ „Dieses Verständnis begleitet mich bis heute“, betont Aondo, der seit zehn Jahren in Deutschland lebt und mittlerweile die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt. „Niemand lebt nur für sich allein. Deshalb ist es mir wichtig, dass sich Menschen in der Pfarrei nicht nur als Besucher verstehen, sondern als Mitglieder einer großen Familie Gottes.“Besonderen Wert legt „Pfarrer Barti“ deshalb auf persönliche Begegnungen mit seinen Gemeindemitgliedern und Gastfreundschaft: „Nach den Gottesdiensten Zeit für Gespräche zu haben oder Menschen mit Namen zu kennen, ist für mich selbstverständlich.“ Regelmäßig lädt er Pfarreiangehörige zum Essen ein: „Ich esse selten alleine. Jede Woche habe ich drei Familien zu Besuch.“
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Das Oktoberfest als Gemeinschaftserlebnis
Und er wird auch selbst eingeladen, etwa zum Geburtstag eines Ministranten aus seiner früheren Wirkungsstätte Germering auf das Oktoberfest: Die Gemeinschaft und die Stimmung dort gefallen dem Geistlichen: Ähnlich wie bei Fußballspielen kämen auf der Wiesn Menschen unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Generationen zusammen. „Das hat Christus auch für unsere Kirche gewollt“, ist der Priester überzeugt.
Zwar hat der dunkelhäutige Mann vereinzelt auch Rassismus erfahren, etwa bei einer Ausweiskontrolle auf dem Rückweg von einer Jugendfahrt nach Rom. Dennoch fühlt er sich in seiner zweiten Heimat „sehr wohl“: „Als Christ versuche ich, Menschen nicht nach einzelnen negativen Erfahrungen zu beurteilen. Ich glaube an das Gespräch, an gegenseitiges Kennenlernen und daran, Brücken zu bauen. Vorurteile verschwinden oft dort, wo Menschen sich persönlich begegnen“ – zum Beispiel in der Garchinger Pfarrerswohnung mit der FC-Bayern-Fußmatte.



