Rituale
15.01.2026


Neue Serie

Vater unser ...

Das Vaterunser ist das wichtigste Gebet der Christen. Jesus selbst hat es gelehrt. Es verbindet die Gläubigen über alle Konfessionen und Sprachen hinweg. Bruder Marinus Parzinger erläutert anhand der Anreden und Bitten in loser Folge Inhalt und Wirkung des Vaterunsers.
     

Foto: © AdobeStock - Prostock-studio

"Vater unser im Himmel"

Das Vaterunser überliefert uns Jesusworte, Worte über Gott, die wir zu jeder Zeit sagen dürfen. Sie sind ein Vermächtnis: – Machtworte, die einen Zugang zum Herzen Gottes öffnen – und bewirken, was sie benennen. „Dem Wort unseres Herrn und Erlösers gehorsam, wagen wir zu sprechen“: Das ist keine Anmaßung, kein Frevel, sondern von Gott erlaubt. 

Bald jeder große Theologe hat sich mit dem Vaterunser beschäftigt. In der frühen Kirche war das Vaterunser die Grundlage für Gebetskatechese. Der Katechismus der Katholischen Kirche erschließt im vierten Teil das Gebet anhand des Vaterunsers. 

„Das Vaterunser ist ein Kompendium des ganzen Evangeliums.“ (Tertullian) 

„Der glaubende, erst recht der betende Mensch lebt von vertrauten Worten. Er braucht vertraute Worte, an die er sich halten, auf die er in eigener Sprachlosigkeit zurückgreifen kann. Diese sind mühelos abrufbar, selbst dann, wenn ein Mensch vor Glück oder Trauer kein Wort mehr findet, sprachlos geworden ist. Vertraute Worte und Gebete können Oasen der Selbstfindung, auch der Gottfindung, der Heilung, der Tröstung, der geistig-religiösen Regenerierung werden. Zu den wichtigsten Schlüsselworten unseres Lebens, zu den existentiell bedeutsamsten aller vertrauten Worte gehört das Vaterunser.“ (Alfred Läpple
     

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Ein Problem macht uns immer wieder zu schaffen, gerade bei den Inhalten, die uns vertraut, ja alltäglich geworden sind. Wir nehmen sie selbstverständlich. Wir leiern Gebete herunter, ohne mit dem Herzen dabei zu sein.

Schon beim ersten Wort sollten wir innehalten: Vater unser! Jesus nimmt uns in sein Gottesverhältnis hinein. Sein Gottesverständnis trägt väterliche und mütterliche Züge. „Alles genuin Väterliche und Mütterliche hat in Gott seinen Ursprung. Mit der Vater-Anrede eröffnet uns Jesus den Zugang zum Herzen Gottes. Sie vermittelt einerseits familiäre Nähe, andererseits ehrfürchtige Distanz, ein Gespür, dass Gott Geheimnis ist. Sie sammelt unser Herz, unser ganzes Sein auf dieses ,Du‘ wie in einem Brennpunkt und führt uns über uns selbst hinaus.“ (P. Köster SJ) 

[inne]halten - das Magazin 03/2026

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Mit dem Vater-unser-Gebet anerkennen wir Gott als den Vater aller Menschen. Das verbindet uns untereinander, verpflichtet uns und muss Konsequenzen haben. 

Das Wort „Vater“ klärt unseren Ursprung: Wir kommen von weit her! Das Wissen, woher wir kommen, ist grundlegend für unser Leben.

Jeder stammt aus dem Ideenreichtum Gottes. Jeder ist ein Wunschkind Gottes. Wie immer unsere Lebensgeschichte aussieht, Gott ist verantwortlich dafür, dass wir sind, die Eltern dafür, dass wir da sind. 

Das Wort „Vater“ fasst unsere Würde: Kinder werden gefragt: Wo stammst du her? Wo bist du daheim?  Wenn du deine Würde wissen willst, dann achte darauf, woher du kommst. Die Liturgie sagt: Gott hat uns wunderbar geschaffen und noch wunderbarer erneuert. Das Glaubenswissen geht unendlich weit über das Allerweltswissen hinaus: Ihr seid alle einen Gott wert. Franziskus, der mit seinem Vater gebrochen hatte, gibt alles zurück und sagt: „Von jetzt an sage ich nicht mehr Vater Pietro Bernadone, sondern mein Vater im Himmel.“ 

Das Wort „Vater“, das die Zuständigkeit regelt: Menschlich gesprochen: Ein Vater wird zur Verantwortung gezogen. Er kann kein Kind in die Welt setzen und sich dann zurückziehen. Wer verantwortlich zeichnet, ist zuständig. Die Bibel argumentiert: Du Gott hast uns herausgeführt (aus Ägypten), du kannst uns jetzt nicht (in der Wüste) zugrunde gehen lassen.

Gott, der du den Anfang gemacht hast, du bist verantwortlich und zuständig für mich. Und weil das so ist, kann ich alles aus der Hand geben.

Spannend, was in diesem Gebet steckt. Und das ist erst der Anfang.

Innehalten-Leseempfehlung
Marinus Parzinger
Artikel von Marinus Parzinger
Autor
Br. Marinus Parzinger leitet die Gemeinschaft der Kapuziner im bayerischen Altötting. Der Ordensmann und Priester ist außerdem gewählter Provinzrat und damit Mitglied der Leitung der Deutschen Kapuzinerprovinz.