Rituale
26.08.2026



Urlaub und aufhören

Wir haben viele „Herren“, die uns in Beschlag nehmen – Hektik und Angst, Bilder und Informationen. Urlaub ist die Erlaubnis, sich von ihnen für einige Zeit zu verabschieden. Dabei könnten wir neu lernen, auf die Stimme Gottes zu hören, meint Pater Karl Kern.
    

„Haben wir den Mut, aufzuhören und die innere Tretmühle zu stoppen!“, ermutigt Pater Karl Kern. „Möge ein täglich gepflegtes religiöses Leben für uns das ganze Jahr über ‚Urlaub für die Seele‘ sein!“ „Haben wir den Mut, aufzuhören und die innere Tretmühle zu stoppen!“, ermutigt Pater Karl Kern. „Möge ein täglich gepflegtes religiöses Leben für uns das ganze Jahr über ‚Urlaub für die Seele‘ sein!“ Foto: © AdobeStock/Elnur

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass in dem Verb „aufhören“ eine doppelte Bedeutung steckt? Normalerweise verstehen wir darunter „etwas beenden oder abbrechen“. Wenn wir nach der Präposition „auf“ einen Bindestrich setzen, wird „auf-hören“ zu „hinauf“ oder „nach oben“ hören.  

In der jüdischen Tradition ist diese Art des Hörens die Urform des Glaubens. „Höre, Israel“ (Dtn 6,4) hat Jesus wie jeder gläubige Jude täglich gebetet. Biblische Spiritualität ist „Hingegebensein an die göttliche Stimme“ (Martin Buber). Salomos Wunsch nach einem „hörenden Herzen“ hat Gott so sehr gefallen, dass er ihn mit einzigartiger Weisheit und mit Verständnis erfüllte (1 Kön 3,8–11). Der junge König hatte nämlich den einzig wesentlichen Wunsch geäußert.

[inne]halten - das Magazin 17/2026

Ich bin für dich da

Wie die Kirche Menschen im Urlaub besondere Momente schenkt

Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.


Wir Menschen bleiben meist in vordergründigen Wünschen stecken: Reichtum, Gesundheit, langes Leben, Anerkennung und Wohlbefinden. Wer auf die geheimnisvolle Stimme Gottes hört und darauf antwortet, kann eine ganz eigene Art von Glück und Erfüllung erfahren. Jesus nannte dieses gesteigerte Glück „Seligkeit“. Sie verheißt er – ganz gegen normales Empfinden – den Armen, Trauernden, Friedensstiftern und Verfolgten (Mt 5,3–12). Wir alle müssen es ein Leben lang lernen, mit einem „reinen Herzen“ durch unsere irdischen Wünsche hindurch- und über sie hinaus zu hören.

Die Stimme Gottes erspüren

Glauben heißt: die geheimnisvolle Stimme Gottes in uns erspüren, darauf eingehen und danach handeln, um so innerlich zu wachsen. Jesus vergleicht die „Sorgen des Alltags“ und den „trügerischen Reichtum“ (Mt 13,22) mit Dornen, die das Wachstum des göttlichen Samens ersticken. Sind wir nicht meist besetzt von unseren Wünschen, Plänen, von Pflichten, Aufgaben und Sorgen – und nicht zuletzt von den Verletzungen, die wir in uns tragen, durchmischt mit all dem, woran wir leiden? Diese Stimmungen, Gefühle und Gedanken haben uns meist fest im Griff und bestimmen unser Reden und Handeln.
    

Die innere Tretmühle stoppen

„Urlaub“ ist vom Wortursprung her die „Erlaubnis“, sich zu entfernen. Ein Lehensherr erlaubte zum Beispiel einem Leibeigenen, für eine Zeitlang fortzugehen. In der heutigen Zeit haben wir viele „Herren“, die uns in Beschlag nehmen. Viele Menschen sind von Hektik getrieben oder von untergründiger Angst besetzt. Das Handy überflutet uns mit Bildern und Informationen. Diese Dauerberieselung macht – nicht nur Kinder und Jugendliche – abhängig und süchtig. Urlaub ist die wohltuende Erlaubnis, sich von den heutigen Zwingherren für einige Zeit zu verabschieden. Haben wir den Mut, aufzuhören und die innere Tretmühle zu stoppen! Im gelösten Zusammensein mit vertrauten Menschen, in der Begegnung mit dem Fremden, inmitten der Natur, in Kunst und Kultur könnten wir neu lernen, über uns hinaus, vielleicht gar auf die Stimme Gottes zu hören! Mein Wunsch: Möge ein täglich gepflegtes religiöses Leben für uns das ganze Jahr über „Urlaub für die Seele“ sein! 

Pater Karl Kern SJ

Pater Karl Kern SJ ist Rektor der Bürgersaalkirche in München und Präses der dortigen Marianischen Männerkongregation. Pater Karl Kern SJ ist Rektor der Bürgersaalkirche in München und Präses der dortigen Marianischen Männerkongregation. Foto: © privat