Glaubenswelten
15.07.2025

Feindliche Nähe überwinden

In seinem Buch „Feindliche Nähe" beschäftigt sich der Historiker Michael Wolffsohn mit den gemeinsamen Wurzeln von Judentum, Christentum und Islam. Im Interview erklärt der Publizist, wie Polemik und Missverständnisse die Gemeinsamkeiten zwischen den drei abrahamitischen Religionen überdecken - und warum Bildung, Offenheit und historische Tiefe der Schlüssel sein können, um in einen friedlichen Dialog einzutreten.

Foto: © AdobeStock - Godong Photo

Herr Professor Wolffsohn, was war der Anlass für Ihr Buch „Feindliche Nähe"? Ein aktuelles Ereignis oder ist das Verhältnis von Juden, Christen und Muslimen Ihr zentrales Lebensthema geworden?

Letzteres. Ich komme ursprünglich aus der historischen Analyse von Judentum und dem Staat Israel. Wer das tiefgehend verstehen will, muss sich zwangsläufig auch mit Christentum und Islam befassen. Diese Themen sind nicht nur aktuell, sondern auch historisch untrennbar miteinander verbunden.

Aber der zunehmende Antisemitismus in Deutschland – war das nicht ein zusätzlicher Beweggrund?

Nicht unmittelbar. Als Historiker betrachte ich längere Zeiträume. Antisemitismus ist leider kein neues Phänomen. Ebenso wenig die Rivalität zwischen den Religionen. Juden und Christen ringen seit rund 2.000 Jahren miteinander, und auch zwischen Juden, Christen und Muslimen gibt es seit etwa 1.400 Jahren Spannungen – mal friedlich, mal gewalttätig.

Ihr Buch hat einen starken religionsgeschichtlichen Zugang. Ist das Neuland für Sie?

Ich bin kein Theologe, aber ein Historiker mit großem Interesse an Theologie – und zwar nicht nur jüdischer, sondern auch christlicher und islamischer. Mein Leitgedanke ist: Alle drei Religionen stammen aus derselben Ursubstanz. Trotz aller Unterschiede sind es letztlich Variationen eines Themas.

Und dennoch gibt es viel Polemik, wie Sie auch im Buch zeigen.


Ja, und nicht nur Missverständnisse, sondern bewusste theologische Abgrenzung, die oft mit Macht und Gewalt verknüpft ist. Juden hatten historisch meist keine Machtmittel – sie waren häufiger Opfer. Christen hingegen verfügten seit dem römischen Kaiser Konstantin über staatliche Macht, und im Islam war Religion von Anfang an eng mit Politik verbunden.

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Sie sprechen auch das christliche Gottesbild der Heiligen Dreifaltigkeit an – ein klassischer Streitpunkt.

Aus jüdischer Sicht wird sie oft als Götzendienst gesehen. Der Koran lehnt die Vorstellung „Drei ist Eins“ polemisch ab. Doch wenn man die Bilder ernst nimmt: Der Heilige Geist – Ruach Elohim – ist bereits im Alten Testament präsent. Gott ist heilig, also ist dieser Geist der Heilige Geist. Hier zeigt sich die gemeinsame Substanz, die jedoch zu selten wahrgenommen wird.


Ein weiteres Beispiel in Ihrem Buch ist auch die Jungfrauengeburt.

Natürlich wussten die Verfasser des Neuen Testaments, dass eine Jungfrau keine Kinder bekommt. Es geht um die bildhafte Überhöhung einer außergewöhnlichen Persönlichkeit. Auch das Alte Testament kennt solche Bilder – etwa Sarah, die mit 90 noch einen Sohn gebiert. Die Botschaft ist dieselbe.


Prof. Michael Wolffsohn Prof. Michael Wolffsohn Foto: © Till Eitel

Wie können wir denn nun mehr Offenheit im Umgang der Religionen miteinander erreichen?

Zuerst: Wissen. Die meisten kennen kaum ihre eigene Religion, geschweige denn die der anderen. Unsere Gesellschaft ist weitgehend säkularisiert. Viele Christen wissen kaum noch, was Weihnachten oder Pfingsten bedeutet. Auch im Judentum gibt es eine gewisse Engführung. Die Menschheit wurde über Jahrhunderte religiös auf Abgrenzung programmiert – das sitzt tief.


Und die Institutionen?

Institutionen wollen sich nicht selbst abschaffen. Die katholische Kirche etwa ist hierarchisch ähnlich aufgebaut wie der jüdische Tempel einst. Jesus sagte selbst, er sei nicht gekommen, das Gesetz zu verändern – sondern es im wahren Geist neu zu deuten. Das ist das Entscheidende: Interpretation aus innerer Überzeugung, nicht aus institutionellem Eigeninteresse.


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Sie sprechen im Buch auch von Vernunft. Meinen Sie damit die Vernunft der Aufklärung?


Ich bin skeptisch, was die Wirkung der Aufklärung betrifft. Viele ihrer Vertreter hatten selbst Toleranzdefizite. Bildung allein macht den Menschen nicht besser. Es beginnt mit Menschsein – mit offenem Herzen und offenem Kopf. Manche der mutigsten Helfer im Dritten Reich waren einfache Leute, keine Professoren.

Also beginnt Veränderung bei der Haltung?

Ja. Man muss sein eigenes Kollektiv nicht für das einzig Wahre halten. Das lehrt das historische Denken. Und wenn man sich ernsthaft fragt: Woher kommen wir? Warum sind wir? – dann geben Religionen tiefere Antworten als der Lärm der Gegenwart.

Wird diese Haltung in unserer heutigen Gesellschaft überhaupt gehört werden?

Ich fürchte, der Mensch bleibt, wie er ist. Die Technologie verändert sich, nicht der Mensch. Schon in der Bibel begegnen uns edle wie niederträchtige Menschen. Selbst Jesus – der reine Mensch – wurde von Schuften ans Kreuz geschlagen. Und rief verzweifelt: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Das ist die Botschaft: Der Mensch ist fähig zum Guten – und zum Bösen. Deshalb: Mehr Weisheit, weniger Selbstgewissheit.

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Paul Hasel
Artikel von Paul Hasel
Redakteur, Channel-Management