Rituale
22.07.2026


Gebet

Gott in allen Dingen finden

Beten bedeutet, sich auf eine persönliche Beziehung zu Gott einzulassen und alles, was ich erlebe, mit Gott ins Gespräch zu bringen: Freude und Dankbarkeit, aber auch Not und Leid.
    

Ignatius empfiehlt eine einfache, aber tiefgreifende Gebetspraxis: den „Tagesrückblick“. Ignatius empfiehlt eine einfache, aber tiefgreifende Gebetspraxis: den „Tagesrückblick“. Foto: © AdobeStock/New Africa

Oft spreche ich im Beichtstuhl über das Beten oder wie schwer es einem manchmal fällt. Für den heiligen Ignatius von Loyola war nicht wichtig, wie lange oder mit welchen Worten jemand betet, sondern dass wir überhaupt den Kontakt zu Gott suchen. Von daher wäre, so schreibt er einmal, jedes Gebet zu kurz, das nicht 24 Stunden am Tag dauerte.

Beten bedeutet ja: sich auf eine persönliche Beziehung zu Gott einlassen und diese Beziehung ausdrücken. Alles, was ich wahrnehme und erlebe, soll ich ins Gespräch mit Gott bringen: die erlebte Freude und Dankbarkeit, die eigenen Hoffnungen und Wünsche, aber auch die Not und das erfahrene Leid.

Aus der Vertrautheit mit Gott leben

Wenn Paulus rät: „Betet ohne Unterlass!“ (1 Thess 5,17), dann meint er genau das: aus der Vertrautheit mit Gott leben – Gott in allen Dingen finden. Nicht nur in außergewöhnlichen Momenten, im Gottesdienst oder in Zeiten des Gebets sollen wir Gottes Gegenwart suchen, sondern gerade auch im Alltag, in den kleinen und ganz gewöhnlichen Dingen des Lebens. Arbeit und Beziehungen, Natur und Kunst, Leib und Seele – alles soll zum Ort der Begegnung mit Gott werden. Wer so in allem nach Gottes Willen sucht, versucht aus dem Glauben heraus zu handeln und sich für Gerechtigkeit, Frieden und das Wohl anderer einzusetzen.

Achtsamkeit und Aufmerksamkeit sowie innere Unabhängigkeit sind dafür Voraussetzungen. Immer wieder betont Ignatius, wie wichtig es ist, sich die Freiheit des Geistes zu bewahren. Doch im vom Leistungsdruck geprägten Alltag verlieren wir bei Erfolgen wie auch bei Rückschlägen leicht den Kontakt mit uns selbst.
    

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Einfache, aber tiefgreifende Gebetspraxis

Um dem entgegenzuwirken, empfiehlt Ignatius eine einfache, aber tiefgreifende Gebetspraxis: den „Tagesrückblick“. Dieses Gebet, das nicht länger als 15 Minuten dauert, ist nicht einfach nur ein Gebet unter vielen. Ignatius hielt es für so wichtig, dass er uns Jesuiten eindringlich auffordert, diese Gebetpraxis, selbst wenn wir auf alles andere verzichten müssten, niemals auszulassen.

Wenn ich mir am Abend diesen Moment der Stille und des Innehaltens gönne und auf meinen vergangenen Tag zurückschaue, kann ich aus dem Strom der Ereignisse des Tages heraustreten und wieder bei mir selbst ankommen – und das im Wissen um den liebenden Blick Gottes auf mich und mein Leben.

Pater Martin Stark SJ ist Kirchenrektor von St. Michael in München. Pater Martin Stark SJ ist Kirchenrektor von St. Michael in München. Foto: © Kiderle

Den Tag Revue passieren lassen

Zunächst werde ich still und stelle mich in Gottes Gegenwart. Mir hilft es, einige Minuten langsam und entspannt zu atmen. Danach lasse ich gedanklich meinen Tag Revue passieren: Was habe ich erlebt oder gemacht? Wen habe ich getroffen? Was hat mich bewegt? Ich lasse mich von meinen Gefühlen leiten, weniger von meinen Gedanken, und versuche, Angenehmes los- und Unangenehmes da sein zu lassen. Zum Schluss danke ich Gott für das, was gut war, und vertraue ihm an, was schwierig, schmerzhaft oder unangenehm war. Und bitte noch für das, was mich am nächsten Tag erwartet.

Diese Gebetsweise des „Tagesrückblicks“ möchte ich Ihnen ans Herz legen und wünsche Ihnen, dass Sie – im Gebet – in der Beziehung zu Gott wachsen und in der Freundschaft zu ihm, zu dem wir sprechen dürfen „wie ein Freund zu einem Freund“.

Pater Martin Stark SJ

Anleitung zum Ignatianischen Tagesrückblick

  • Still werden. Den Atem spüren.
  • Mich in Gottes Gegenwart stellen.
  • Gott um einen ehrlichen Blick bitten.
  • Auf den Tag schauen.
  • Verweilen, wo ich angesprochen bin.
  • Danken für alles, was gut war.
  • Bitten um Verzeihung für alles Ungute.
  • Meine Pläne für morgen Gott anvertrauen.
  • Vaterunser beten. 
  • Amen.