Münchner Opernfestspiele
Wütend ruft er den Teufel herbei ...
An der Bayerischen Staatsoper ist Charles Gounods Oper „Faust“ derzeit in einer furiosen Neuinszenierung zu erleben.
Ganz in Schwarz: Der amerikanische Bassbariton Kyle Ketelsen gibt den Mephisto. Foto: © Bayerische Staatsoper, Geoffroy Schied
Wohl in keiner anderen klassischen Oper ist so oft von Gott die Rede wie in dieser. Das ist insofern nicht verwunderlich, als sie von Charles Gounod 1859 komponiert wurde – Gounod war zunächst Kirchenkapellmeister und Organist in einer Pariser Kirche, wollte zu diesem Zeitpunkt Priester werden und studierte zwei Jahre lang Theologie. Hin und hergerissen, entschied er sich dann doch für eine Tätigkeit als Opernkomponist. Im Alter wandte sich der tiefreligiöse Gounod erneut der Kirchenmusik zu und seine Oratorien machten ihn zu einem reichen Mann. 1859 schrieb er mit dem „Ave Maria“ (basierend auf Bachs „Präludium C-Dur“) eines der weltweit populärsten Stücke der klassischen Musik überhaupt.
Doch die Oper „Faust“, die nach Goethes gleichnamiger Tragödie benannt ist und zu Gounods bekanntesten Opern zählt, beginnt alles andere als hoffnungsvoll und beseligt. Das erste Wort, das der Protagonist in dieser Oper singt, ist „Nichts“! Der alte Gelehrte, blind im Rollstuhl sitzend wie ein lebender Leichnam, ist verzweifelt und voller Zorn darüber, dass er nicht alles wissen kann. Im fahlen Dämmerlicht zwischen Leben und Tod gefangen, will er sterben, doch der Tod kommt nicht. Von fern hört er einen Mädchenchor, der das Leben und Gott preist. Nun verflucht er alles, die Wissenschaft, das Gebet, den Glauben, Gott. Und wütend ruft er den Teufel herbei. Dieser erscheint augenblicklich, in Gestalt von Mephisto – aber eigentlich war er schon die ganze Zeit da, nur hat ihn keiner bemerkt.
So bildstark und intensiv beginnt die Münchner Neuinszenierung von Lotte de Beer, seit 2022 künstlerische Leiterin der Volksoper Wien. Ab da nimmt die Tragödie, hier konzentriert auf die drei Hauptfiguren Faust, Margarethe und Mephisto, ihren bekannten Verlauf, in stark verdichteten und einprägsamen, nicht so leicht vergessbaren Szenen.
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Faust bleibt unerlöst
Im Kern geht es zwar um eine tragische Liebesgeschichte, aber de Beer zielt mit ihrer Interpretation tiefer: Mephisto ist hier nicht das Böse, das über die Menschen hereinbricht, sondern derjenige, der uns vor die Wahl zwischen Gut und Böse stellt, unsere Verantwortung herausfordert. De Beer versteht das Böse als Egoismus, der immer nur an seine eigenen Bedürfnisse denkt. „Und die andere Stimme in uns“, so die künstlerische Leiterin, „die uns zum Guten anregen will, unser Gewissen, haben wir Gott genannt. Gott ist das in uns, was Verbundenheit, Liebe und Gemeinschaftsgefühl ausdrückt.“
Letztlich ist es genau diese Verantwortung für ihr eigenes Handeln, das Margarethe am Ende rettet. Sie will nicht von Faust mit Hilfe von Mephisto aus dem Gefängnis befreit werden, sondern hat sich entschieden, für ihre Taten einzustehen: Sie bringt unfreiwillig ihre Mutter mit einem Schlafmittel um, um mit dem jungen Mann zusammen sein zu können, lässt sich von Faust schwängern, wird von ihm verlassen und bringt in ihrer Ausweglosigkeit das eigene, uneheliche Kind um. Die versehentliche Tötung des Babys im Taufwasser geht besonders unter die Haut.
Faust bleibt unerlöst. Er verkauft Mephisto seine Seele, um seinen größten Wunsch erfüllt zu bekommen: ewige Jugend, Lust und Liebe. Das ist alles, was er will, und dafür opfert er sein Seelenheil. Er übernimmt keine Verantwortung für sein Tun und Lassen, will Margarethe zwar aus Liebe befreien – aber auch diese „Liebe“ ist zweischneidig, weil egoistisch (er will weiter mit ihr zusammen sein).
Der von Mephisto verjüngte Faust (Jonathan Tetelmann) bezirzt Margarethe (Olga Kulchynska). Foto: © Bayerische Staatsoper, Geoffroy Schied
Bombastische Choräle
Als Margarethe stirbt, fällt Mephisto sein endgültiges Urteil: „Sie ist gerichtet!“ Doch das Volk löst ihre Gitterstäbe, hält sie wie Kreuze in die Höhe und hält dem entgegen: „Gerettet!“ Und der Chor singt: „Christ ist erstanden. Er ist wiedergeboren. Friede und Glückseligkeit den Dienern des Herrn!“ Margarethe ist in die Gemeinschaft der Erlösten aufgenommen. Faust will sich ihnen nähern und streckt die Hände nach ihnen aus. Aber er hat noch nichts aus seinem Verhalten gelernt, läuft in die Dunkelheit und bricht zusammen. Ein kleiner Hoffnungsschimmer: Von oben fällt ein Licht auf ihn.Dieses dramatische Geschehen, in kargen, aber höchst stimmigen Bühnenbildern (Christof Hetzer), mit schlicht-zeitlosen Kostümen von Jorine van Beek (alle tragen wie vom Leben Versehrte Leinenbinden darüber oder darunter), bannt Lotte de Beer in eindringliche Bilder, die nicht nur das äußere Geschehen illustrieren, sondern das Seelenleben dieser Menschen sichtbar werden lassen. Dies verstärken noch mehr als nachdrücklich die drei sing- und spielstarken Hauptpersonen: der Startenor Jonathan Tetelmann als Faust, die Ukrainerin Olga Kulchynska als Margarethe und allen voran der amerikanische Bassbariton Kyle Ketelsen als Mephisto: der „Fürst der Welt“ ganz in Schwarz, ein „Maître de Plaisir“ für alle Bedürfnisse. Nur Ketelsen singt seine Partie auch bei den diesjährigen Opernfestspielen; die Rolle des Faust übernimmt Piotr Beczała und die der Margarethe Ailyn Pérez.
Ein außerordentlich musikalisches Erlebnis und nicht genug zu loben ist das Dirigat von Nathalie Stutzmann. Sie erzeugt mit dem Orchester ein Klangfarben-Feuerwerk voller Nuancen und vergisst dabei nie den großen romantischen Bogen, der alles zusammenhält. Für jedes musikalische Thema findet sie einen speziellen „Sound“, für die bombastischen Choräle genauso wie für Soldatenszenen oder den mächtigen Orgelklang.
Ein überwältigender Opern-Abend, der noch lange nachwirkt. Fast wie ein spirituelles Erlebnis.
Karl H. Prestele



