Ökumene in München
Gemeinsames Kirchenzentrum
In beiden christlichen Kirchen werden die Gläubigen weniger und das Geld knapper. Auch deshalb arbeiten Gemeinden inzwischen häufig zusammen, etwa in München-Riem. Sie teilen sich Räume, feiern miteinander Gottesdienste und engagieren sich gemeinsam sozial.
In München teilen sich katholische und evangelische Nachbarn einen Kirchturm. Foto: © SMB/Bierl
Oft sind Gäste von auswärts überrascht: Wenn Ulrike Feher eine Taufe feiert, dann ist fast immer eine Taufkerze dabei. „Das ist für die meisten evangelischen Christen ungewohnt, aber bei uns ist das üblich geworden.“ Das hat sich die Pfarrerin an der Sophienkirche in München-Riem von den katholischen Nachbarn aus Sankt Florian abgeschaut, mit denen sie ein ökumenisches Zentrum bildet, dieselbe Adresse und einen gemeinsamen Kirchturm teilt. „Durch das Miteinander haben wir viel über die Kraft von Symbolen gelernt“, erzählt Feher.
Der Anfang des Jahrtausends auf dem ehemaligen Münchner Flughafengelände entstandene Stadtteil München-Riem beherbergt heute Menschen aus rund 110 Nationen, viele davon Muslime. Nur etwa ein Viertel der rund 16 000 Bewohner gehört einer der großen Kirchen an. An Sonn- und Feiertagen kommen noch etwa 100 weitere Christen hinzu. Sie stammen vor allem aus Indien und gehören der Malankara Syrisch-Orthodoxen Kirche an. Seit einigen Jahren zählen auch sie zum 2005 eingeweihten Ökumenischen Zentrum und feiern in Sankt Florian Gottesdienste. Die Gläubigen reisen aus ganz Süddeutschland an, berichtet ihr Seelsorger, Vikar Thomas Jakob Manimala, „und geben ein Zeugnis davon, wie wichtig ihnen ihr Glaube ist“.
Thomas Jakob Manimala, Ulrike Feher und Mateusz Jarzebowski stimmen ihr Miteinander genau ab. Foto: © SMB/Bierl
Traditionelle Gottesdienste
für indische IT-Experten
Es sind vor allem immer mehr junge IT-Experten aus Kerala mit ihren Familien, die in Riem Gottesdienste in ihrer Tradition feiern wollen. Die reicht weiter zurück als die der katholischen und der evangelischen Kirche in Bayern. Die Christen aus Südindien führen ihre Missionierung auf den Apostel Thomas und damit bis ins 1. Jahrhundert zurück. Große Teile ihrer Liturgie feiern sie auf Aramäisch, jener Sprache, die auch Jesus gesprochen hat.
Das Miteinander will jedoch genau abgestimmt sein. So zieht die Gemeinde am Karfreitag in den Keller von Sankt Florian. „Denn unser Gottesdienst dauert da zwischen sechs und acht Stunden“, erklärt Vikar Jakob, „und um 15 Uhr brauchen die Katholiken ja die Kirche für ihre Karfreitagsliturgie.“
Das Eigene deutlicher erkennen
Pfarrerin Feher und der katholische Pastoralreferent Mateusz Jarzebowski sind durchaus stolz darauf, dass diese syrisch-orthodoxe Gemeinde Teil des Zentrums ist. Bald kommt noch eine Gruppe evangelisch-lutherischer Christen aus Südkorea hinzu. „Um räumlich zu sehen, braucht es ein zweites Auge“, sagt Jarzebowski. Und so sei es auch mit den anderen Gemeinden in Riem: „Sie helfen uns, tiefer zu blicken, auch auf den eigenen Glauben, das Eigene deutlicher zu erkennen und gleichzeitig die Vielfalt zu schätzen, die er in unterschiedlichen Kulturen entfaltet.“Das große soziale Engagement tragen in Riem angesichts der Gemeindestärken jedoch vor allem katholische und evangelische Christen. Etwa eine weitgehend ehrenamtlich geführte Tafel mit kostenlosen Lebensmitteln für Bedürftige. Doch auch institutionell kooperieren die Kirchen eng: Die von der Caritas angebotene Schülerhilfe für Migrantenkinder findet in der evangelischen Sophiengemeinde statt, weil dort nachmittags die Räume leichter verfügbar sind. Hauptamtliche Mitarbeitende haben zudem gemeinsame Vorbereitungstage für Konfirmanden und Firmlinge etabliert.
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Gemeinsame Gebete und Gottesdienste
Gemeinsam wirken sie auch beim Gesundheitstag der Stadt mit, informieren über kirchliche Hilfsangebote bei seelischen Erkrankungen und hören den Sorgen der Besucher zu – selbstverständlich auch denen ohne Konfession oder Muslimen. In Schulen gestalten sie vor den Sommerferien gemeinsam mit islamischen Lehrkräften interreligiöse Gebete. Dass alle drei Konfessionen zusammengehören, machen sie beim jährlichen Kirchenfest deutlich, das sie Anfang Juli mit einem gemeinsamen Sonntagsgottesdienst gefeiert haben.
All das nehmen die Christen in Riem als selbstverständlich wahr und kaum noch als ökumenische Besonderheit. „Vielen unserer katholischen Gemeindemitglieder etwa aus Afrika, Asien oder auch aus Polen ist die Ökumene in Deutschland nur vage vertraut, für sie ist das nicht historisch aufgeladen“, sagt Jarzebowski. Welche Fortschritte in den vergangenen Jahrzehnten im konfessionellen Miteinander erreicht wurden, ist oft nur den hauptamtlichen Seelsorgern und älteren Ehrenamtlichen bewusst. Gleichzeitig stehen beide Gemeinden vor strukturellen Veränderungen und die ökumenische Weiterentwicklung tritt in den Hintergrund. „Die evangelische wie die katholische Kirchengemeinde müssen sich durch neue Zusammenlegungen gerade selbst neu finden“, erklärt Pfarrerin Feher. Zugleich werde man jedoch bei sinkenden finanziellen Mitteln und wachsenden Aufgaben zu einer „Ökumene der Ressourcen“ gezwungen sein, ergänzt Jarzebowski.
Viele Menschen spüren eine Sehnsucht
Denn Riem wächst weiter. Rund 2500 neue Wohnungen werden entstehen – und mit ihnen neue Aufgaben. Einen ökumenischen Kindergarten etwa kann sich Jarzebowski gut vorstellen. Ebenso, dass sich das ökumenische Zentrum zu einem „Labor und spirituellen Zentrum“ entwickelt: Räume, in denen sich Menschen über evangelisches Schriftverständnis, katholische Heiligenverehrung oder das unter indischen Christen gepflegte Stundengebet austauschen und vielleicht sogar gemeinsame Gebetsformen entwickeln.
„Es gibt ja eine spirituelle Sehnsucht bei vielen Menschen jenseits konfessioneller Grenzen, und es ist ein gemeinsamer Auftrag, darauf zu antworten“, sagt Jarzebowski. Perspektiven für eine gemeinsame Spiritualität und neue Aufbrüche seien denkbar – „ohne ständig die Abendmahlsfrage zu traktieren“, ergänzt Feher. Da ist eine Grenze, selbst für ökumenische Zentren.



