Glaubenswelten
14.07.2026



Zehn kuriose Kirchen in Deutschland

Vom architektonischen Kleinod bis zum Gotteshaus im einstigen Niemandsland: Deutschlands Kirchenbauten bieten dem Besucher allerlei Überraschendes - und ein wenig Ruhe in unruhigen Zeiten.
    

Schiff Evangelisch-Lutherische Flussschifferkirche im Hafen von Hamburg. Schiff Evangelisch-Lutherische Flussschifferkirche im Hafen von Hamburg. Foto: © Isabel Barragan/KNA

Im Felsen, unter der Erde oder auf dem Wasser: Kirchen gibt es an den ungewöhnlichsten Orten. Im Sommer lohnt ein Besuch ganz besonders: Ist es draußen zu heiß, bleibt es drinnen angenehm kühl. Wir stellen zum Auftakt der Urlaubssaison zehn besonders lohnende Ausflugsziele vor - von Nord nach Süd, von Ost nach West: 

Hamburg - die Flussschifferkirche im Binnenhafen

Status: Ein Schiff wird kommen   

Auf den ersten Blick wirkt sie wie ein kleines, etwas aus der Zeit gefallenes Schiff. Erst Glocke, Kreuz und die hohen Fenster verraten: Im Hamburger Binnenhafen liegt eine Kirche vor Anker. Die Flussschifferkirche ist nach Angaben des Trägervereins Deutschlands einzige schwimmende evangelische Kirche dieser Art.  

Gebaut wurde das Wasserfahrzeug 1906 als Lastkahn für die Weser, 1952 wurde es zum Gotteshaus für Binnenschiffer und Hafenmitarbeiter umgestaltet. Heute schaukelt es nahe der berühmten Speicherstadt an seinem Ponton und bietet Raum für Gottesdienste, Taufen, Trauungen, Konzerte und stille Minuten auf dem Wasser - sogar eine Orgel ist an Bord. Immer am zweiten und vierten Sonntag im Monat wird dort Gottesdienst gefeiert, am vierten Sonntag jeweils in plattdeutscher Sprache. 
    

[inne]halten - das Magazin 14/2026

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Potsdam - Heilandskirche an der Havel

Status: Jedermann und Niemandsland   

Die Heilandskirche an der Havel in Potsdam-Sacrow hat eine inoffizielle Badestelle - und ihre Mauern nutzen Besucher als Gästebuch. An dieser Kirche lässt sich die deutsche Geschichte ablesen. Viele haben sich hier verewigt, die vielleicht nur zufällig des Weges kamen. Eine Marie Helbig aus Liegnitz war am 9. August 1879 da, steht etwa auf den Steinen zu lesen. Und wer notierte 1942, mitten im Krieg, „Carpe Diem"?  

Das Gotteshaus, im Jahr 1844 in Anwesenheit von König Friedrich Wilhelm IV. eingeweiht, steht abseits von menschlichem Trubel am Ufer des Jungfernsees - fast wie auf einer Insel. Auf der einen Seite: blühende Wiesen und auf der anderen Seite: Wasser. Hier kommt man nur zu Fuß hin - oder mit einem Boot.  

Völlig unerreichbar war das Gotteshaus tatsächlich einmal. Es lag so nah an der innerdeutschen Grenze zwischen Ost und West, dass es im Jahr nach dem Mauerbau zum Niemandsland erklärt wurde. Heiligabend 1961 wurde der letzte Gottesdienst gefeiert, kurz danach der Innenraum mit Axt und Säge zerstört. Erst nach der Wiedervereinigung 1990 wurde die Kirche saniert. 


Heilandskirche Potsdam-Sacrow. Heilandskirche Potsdam-Sacrow. Foto: © Nina Schmedding/KNA.

Störmthaler See bei Leipzig - die "schwimmende Kirche"

Status: Rekordhalterin   

Südlich von Leipzig erstreckt sich das sogenannte Neuseenland, ein renaturiertes ehemaliges Braunkohle-Tagebaurevier. Es ist ein Eldorado für Rad- und Wassersportler. Mitten auf dem Störmthaler See befindet sich ein besonderes Kunstwerk: die „schwimmende Kirche" Vineta. Sie ist dem Turm der ehemaligen Dorfkirche von Magdeborn nachempfunden und Mahnmal für die 20 Orte, die hier dem Tagebau bis Mitte der 1990er Jahre weichen mussten.  

Vineta ist zugleich der Name einer sagenumwobenen reichen Stadt an der Ostseeküste, die vor 1000 Jahren bei einem Sturmhochwasser versunken sein soll - als Strafe für Hochmut, Gottlosigkeit und Prunksucht der Bewohner.  

Mit einer Traufhöhe von 15 Metern gilt die Vineta-Installation derzeit als höchstes schwimmendes Bauwerk auf einem deutschen See. Sie wird für Kulturveranstaltungen und standesamtliche Trauungen genutzt. An Wochenenden und Feiertagen in den Sommermonaten startet täglich mehrmals eine Fähre zu einer kleinen Vineta-Tour - samt einer Einführung über Geschichte der Region. 


Das Kunstwerk VINETA, eine Das Kunstwerk VINETA, eine "schwimmende Kirche" auf dem Störmthaler See bei Leipzig. Foto: © Karin Wollschläger/KNA.

Wachendorf in der Eifel - die Bruder-Klaus-Kapelle

Status: Die große Stille   

Ein Bau von Star-Architekt Peter Zumthor auf einem Feld - wo gibt's denn sowas? In der Eifel unweit des Städtchens Bad Münstereifel. Trudel und Hermann-Josef Scheidtweiler ließen den eigentümlichen, fünfkantigen „Betonklotz" auf ihrem Grund errichten. Das Licht im Innern kommt aus einer Öffnung in der Spitze der Kapelle. Nach einem Regenguss spiegelt sich der kleine Innenraum in einer Pfütze am Boden. Das Summen von Insekten, manchmal ein Windhauch - viel mehr regt sich nicht. Wanderer und Radler kommen hierher. Ansonsten: Ruhe - himmlisch.

Walldorf in Thüringen - Deutschlands erste "Biotop-Kirche"

Status: Fledermausfreundlich   

Auf dem Werra-Radweg in Thüringen, zwischen Meiningen, der Karnevalshochburg Wasungen und Schmalkalden, liegt auf einem Felssporn die Kirchenburg Walldorf: Ort des Willkommens für Mensch und allerlei Getier der Schöpfung. 1587 erbaut als Fliehburg für die Dorfbewohner, ist sie Deutschlands erste „Biotop-Kirche".  

2010 beschlossen die Walldorfer, durchziehenden Störchen eine Nisthilfe anzubieten. Auch Eulen und Fledermäuse wählen gern Kirchen, Fabriken und Burgen als Wohnort. Doch dann die Katastrophe: Im April 2012 brennt die Kirche lichterloh. Kunstschätze, Hunderte Jahre alt, werden vernichtet.  

Die Dohlen waren die ersten, die schon wenige Tage später zurückkehrten und neues Leben in die Ruine brachten. Die Idee der Biotop-Kirche war geboren. Heute gibt es allein am Außenbau der Kirche über 100 Einfluglöcher für Dohlen, Falken, Mauersegler, Singvögel und Bienen. Und im Zentrum des hell gestalteten Inneren steht ein Altar aus Brandbalken.  

In den vielen Kellern unter der Kirchenburg halten vier Fledermausarten Winterschlaf: Mausohr, Braunes Langohr, Fransen- und Mopsfledermaus. Ausgezeichnet „fledermausfreundlich", fand auch Thüringens Umweltminister. 


Garten der Garten der "Biotop"-Kirche von Walldorf an der Werra mit Bauerngarten und Liegebank. Foto: © Alexander Brüggemann/KANN

Frankfurt - Kirche auf Rädern in der Bürostadt

Status: Klein aber fein   

Die „Bürostadt Niederrad" gehört zu eigenartigsten Stadtvierteln Frankfurts. In den 1960er Jahren entstand auf der grünen Wiese neben der Autobahn eine Monokultur riesiger Bürobauten. Seit einiger Zeit denken die Stadtplaner aber um. Das Viertel heißt seit 2017 „Lyoner Quartier", Gewerbe-Immobilien werden zu Wohnhäusern umgenutzt. 10.000 bis 12.000 Frankfurter sollen mittelfristig hier leben. Für sie gibt es im Herzen des Viertels nun auch eine Kirche - die „Tiny Church".  

„Dem Quartier fehlen derzeit Atmosphäre, Wohlgefühl, Orte der Begegnung, Entspannung, Heimat sowie Gemeinschaft, etwas Nicht-Kommerzielles", schildern die Träger des Projektes, die katholische Kirchengemeinde Sankt Jakobus und die evangelische Schöpfungsgemeinde. Es fehle eben an gewachsenen Strukturen. „Eine kirchliche Aufgabe, der wir uns stellen wollen." Projekte vom Café bis zum Wettlesen sollen Kontakte fördern und Zusammenleben stärken.  

Das Wort "Tiny Church" leitet sich von „Tiny House" ab, das ist seit ein paar Jahren in den USA der letzte Schrei der Wohnkultur. Statt ein großes Haus zu bauen, wird nur das Nötigste an Platz verbraucht. Der besondere Gag: „Tiny Houses" werden auf einem fahrbaren Gestell aufgebaut, können also wenn nötig jederzeit den Standort wechseln. „Wir gehen raus zu den Menschen - und warten nicht darauf, dass sie zu uns kommen", sagt Projektleiter George Kurumthottikal. 


Ökumenisches Projekt Ökumenisches Projekt "Tiny-Church", eine mobile kleine Kirche. Foto: © Harald Oppitz/KNA

Idar-Oberstein - die Felsenkirche über der Nahe

Status: Begehrte Halbhöhenlage   

Potzblitz - was für eine Lage! Wie hineingehauen in den Felsen, hängt über den Häusern der rheinland-pfälzischen Edelsteinstadt Oberstein eine Kirche an der steilen Felswand. Erbaut Ende des 15. Jahrhunderts, ranken sich um ihre Entstehung mehrere Sagen. 

Am weitesten verbreitet ist eine Variation der biblischen Geschichte von Kain und Abel, dass nämlich zwei Grafenbrüder dasselbe Burgfräulein liebten, Bertha von Lichtenberg. Und dass am Ende der eine den anderen aus dem Fenster der schräg oberhalb gelegenen Burg warf. Wo dieser zerschmettert liegen blieb, stehe heute die Felsenkirche. 

Als Sühne für seine Tat, so will die Überlieferung, haute der überlebende Grafensohn mit eigener Hand die Kapelle in den Felsen, bevor er tot zusammenbrach - und am Ende gemeinsam mit seinem Bruder dort bestattet wurde.  

Zu betreten ist die Kirche seit den 1980er Jahren nur durch einen Felsentunnel - und mit einer Führung (zu festgelegten Zeiten). Die größte der kunsthistorischen Kostbarkeiten im Inneren ist ein gotischer Flügelaltar aus der Zeit um 1400.


Felsenkirche in Idar-Oberstein. Felsenkirche in Idar-Oberstein. Foto: © Alexander Brüggemann/KNA

Unterregenbach in Baden-Württemberg - eine verschwundene Basilika

Status: Im Untergrund   

Unterregenbach ist eigentlich ein beschaulicher Weiler von Langenburg im Landkreis Schwäbisch Hall. Doch hier stand einmal eine riesige Basilika: fast 50 Meter lang und 17 Meter breit. Pilger am Ende des 10. Jahrhunderts hätten sie wohl schon aus großer Entfernung gesehen, so die Stiftung Unterregenbach. Denn es müsse das größte Gebäude auf dem Gebiet des heutigen Württemberg gewesen sein. Doch heute sind nur noch Fundamente des Bauwerks im ehemaligen Pfarrgarten zu sehen.  

Erhalten ist zudem eine 1880 wiederentdeckte Krypta. Der übrige Gebäudekomplex wurde wohl durch einen Brand im 11. Jahrhundert schwer beschädigt. Doch warum stand in dem kleinen Ort eine so große Basilika?  

Für die zuständigen Archäologen des baden-württembergischen Landesamts für Denkmalpflege, Olaf Goldstein und Moritz Foth, ist das Rätsel größtenteils gelöst: Es handele sich „um die Hauptkirche einer geistlichen Gemeinschaft, die in der Karolingerzeit errichtet wurde". 


Krypta einer verschwundenen Basilika in Unterregenbach. Krypta einer verschwundenen Basilika in Unterregenbach. Foto: © Moritz Foth/Landesamt für Denkmalpflege/KNA

Gößweinstein in Franken - Kunstwerk der Natur  

Status: freistehende Immobilien   

Die Fränkische Schweiz war ein Sehnsuchtsort der Romantiker. Und ist bis heute beliebtes Urlaubsziel und Naherholungsgebiet. Besonders schätzt das Klettervolk für seinen Sport die weiträumig verstreuten Wände und Zinnen aus Jurakalk. Etliche Felsen tragen den Beinamen „-kirche". Allein die „Geißkirche", „Gaiskirche" oder „Geiskirche" gibt es mindestens vier Mal: malerische Durchgangshöhlen, die früher als Unterstand für Ziegen und anderes Vieh dienten. Und deren Portale zugleich an Sakralbauten erinnern.  

In Türkelstein südwestlich des bekannten Wallfahrtsorts Gößweinstein zum Beispiel liegt eine Geiskirche versteckt im Buchenwald. Einen markierten Wanderweg gibt es nicht, wohl aber das ein oder andere verwitterte Schild. Auf stillen Pfaden lässt sich eine kleine Runde drehen, bei der auf engem Raum gleich neun Felsentore passiert werden. Die bizarren Formen regen nicht nur die Fantasie von Kindern an. 

Übrigens: Wer lieber eine richtige Kirche besichtigen will, wird in der Basilika von Gößweinstein fündig - ein Werk des berühmten Barockarchitekten Balthasar Neumann. 


Felsformation Geiskirche in der Fränkischen Schweiz bei der Ortschaft Türkelstein. Felsformation Geiskirche in der Fränkischen Schweiz bei der Ortschaft Türkelstein. Foto: © Christoph Renzikowski/KNA

München-Fröttmaning - Heilig Kreuz

Status: Doppelgängerin   

Nein, das ist nicht die katholische Fröttmaninger Kirche Heilig Kreuz unweit des Münchner Fußballtempels: sondern gleichsam ihr Doppelgänger. Aus bemalten Fertigbetonteilen schuf der Münsteraner Künstler Timm Ulrichs von 2004 bis 2006 eine nicht begehbare Kopie in Originalgröße und setzte sie nur 150 Meter entfernt in eine Wiese, in der sie zu versinken scheint. Wobei das Gras eine ehemalige Müllhalde bedeckt.  

Ulrichs gewann mit seinem zivilisationskritischen Entwurf einen Wettbewerb und gab ihm den Titel „Versunkenes Dorf". Der Künstler spielte damit auf die Zerstörung Fröttmanings an. Von der Ortschaft ist heute nichts mehr übrig - bis auf Münchens ältestes Gotteshaus, dessen Geschichte bis ins Jahr 815 zurückreicht.  

Hätten nicht umtriebige Bürger mehrfach Widerstand geleistet, wäre Heilig Kreuz dem Autobahnkreuz München-Nord, dem erweiterten Abfallberg oder spätestens dem Bau der Allianz Arena zum Opfer gefallen und abgerissen worden. 
 

Kunstwerk Kunstwerk "Versunkenes Dorf" des Künstlers Timm Ulrichs - ein optischer Nachbau der Kirche Heilig Kreuz am Hügel einer ehemaligen Müllhalde im Münchner Stadtteil Fröttmaning. Foto: © Christoph Renzikowski/KNA


Christoph Renzikowski und Joachim Heinz


KNA
Artikel von KNA
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