50. Todestag Kardinal Döpfner
Wir verkündigen den Gekreuzigten
Kardinal Julius Döpfner, der vor 50 Jahren verstarb, gilt als einer der bedeutendsten deutschen Kirchenmänner nach 1945. Sein Einfluss wirkt bis heute nach. Schon zu Lebzeiten hochverehrt, kommen seit einigen Jahren jedoch auch Schattenseiten zum Vorschein.
Vor 50 Jahren starb Kardinal Julius Döpfner (1913 – 1976). Foto: © imago/Sven Simon
Als der Münchner Kardinal und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Julius Döpfner, am 24. Juli 1976 plötzlich starb, war das für viele Katholiken in Deutschland wie ein Schock: Der erst 62-jährige Erzbischof hatte immer männlich, vital und kraftvoll gewirkt, als Bergsteiger die schwierigsten Touren bewältigt, und dieser 24. Juli war sein erster Urlaubstag gewesen. Bald raunte man sich zu, der oft aggressiv ausgetragene Streit zwischen den verschiedenen Flügeln der bundesdeutschen Kirche habe ihm das Herz gebrochen. Döpfner habe es nicht mehr ausgehalten, von den einen zum römischen Steigbügelhalter und zum Buhmann gestempelt und von den anderen als laxer Modernist attackiert zu werden.
Döpfners Bischofsweihe in Ruinen
Julius Döpfner kam am 26. August 1913 in Hausen bei Bad Kissingen zur Welt, wo sein Vater Hausdiener in einem Hotel war. Nach dem Abitur in Würzburg schickte man den Klassenbesten zum Theologiestudium an das römische Germanicum. Dort machte er nicht nur auf dem Sportplatz und der Theaterbühne eine gute Figur, sondern auch als Zeremoniar. Es ist eine Karikatur erhalten mit dem etwas holprigen Text: „Wenn Döpfner richtig finster blickt, die Zeremonie immer glückt.“
In der Pfarrseelsorge, die ihm sehr lag, durfte er nur wenige Jahre arbeiten – in der Industriestadt Schweinfurt und in zwei Landgemeinden. Danach war er Präfekt im Würzburger Kilianeum und Subregens im Priesterseminar. Mit knapp 35 Jahren wurde er 1948 zum Bischof von Würzburg ernannt; die Bischofsweihe fand im notdürftig verglasten und mit einem provisorischen Dach versehenen Neumünster statt, gegenüber dem völlig zerbombten Dom. Den paulinischen Wahlspruch „Praedicamus crucifixum“ („Wir verkündigen den Gekreuzigten“) übernahm er von Franz König, später Erzbischof von Wien, den er am Germanicum kennengelernt hatte.
1957 wechselte der junge Oberhirte – die Bischofskonferenz hatte ihn mittlerweile mit der Vertriebenenseelsorge beauftragt – von Würzburg nach Berlin; der Franke hatte keine Probleme mit den Berlinern. Wohl aber litt er unter der verweigerten Einreisegenehmigung in die DDR. Am 15. Dezember 1958 machte Johannes XXIII. den Bischof der geteilten Diözese zum jüngsten Kardinal der Weltkirche; 45 Jahre war Döpfner damals alt. Drei Jahre später kehrte er in seine bayerische Heimat zurück, als Erzbischof von München und Freising.
Ein Leben im Flugzeug
Die Münchner sahen ihren Kardinal bald nur noch an den großen Festen, denn Rom und seine Amtskollegen beluden den robusten, gesprächsfreudigen, mit seiner geraden, souveränen Art in der Öffentlichkeit hervorragend ankommenden Bischof mit einer Fülle überdiözesaner Aufgaben: Vorsitzender der Bayerischen, später auch elf Jahre lang der Deutschen Bischofskonferenz, Mitglied von vier päpstlichen Kommissionen, Mitglied der Vorbereitungskommission des Zweiten Vatikanischen Konzils und als einer der vier Konzilsmoderatoren mitverantwortlich für einen geregelten Ablauf der Debatten von mehr als zweitausend Bischöfen, Präsident der Gemeinsamen Synode der deutschen Bistümer.
Das bedeutete ein Leben zwischen Aktenbergen und Konferenzen, zahllose Reisen (meist im Flugzeug), Gesprächskontakte mit Politikern, Wissenschaftlern, Amtsbrüdern und Laiengremien, Pressekonferenzen und Interviews am laufenden Band. In afrikanischen Dörfern und lateinamerikanischen Slums erkundete er die Zusammenhänge zwischen den von den reichen Ländern diktierten globalen Wirtschaftsbedingungen und dem Elend der Dritten Welt. Polnische und deutsche Katholiken bewunderten (oder bekämpften) ihn als Motor der Aussöhnung zwischen den beiden Völkern.
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Kardinal Döpfner: Seelsorger
und Verkünder des Evangeliums
Doch in erster Linie verstand sich der zwischen all den Erwartungen und Pflichten Zerriebene – 1969 musste er zum ersten Mal mit Herzrhythmusstörungen ins Krankenhaus – als Seelsorger und Verkünder des Evangeliums. Mit dem vorkonziliaren Untertanengeist konnte er wenig anfangen. „Der Bischof erwartet Gehorsam und kirchlichen Geist“, stellte er in seiner ersten Silvesterpredigt 1961 klar, „wo es um die wahre Lehre, um die sittliche Ordnung und auch um unabdingbare Forderungen gemeinsamer Verantwortung geht.“ Doch sogleich fügte er aufmunternd hinzu: „Er erwartet aber auch das freimütige Wort, wagende Initiative, spontane Entschlüsse und drängende Anregungen jedes Mal dann, wenn aus der Situation ein neuer Ruf an das Zeugnis der ganzen Kirche ergeht!“
Geradlinig, charakterfest, theologisch versiert, den Armen verpflichtet – so wird Döpfner bis heute von vielen beschrieben. Seine Verdienste vor allem um ein neues Selbstverständnis der Kirche, die stets der Reform bedarf, sind unbestritten. Den Beruf des Pastoralreferenten, heute aus der Seelsorge nicht mehr wegzudenken, gäbe es nicht ohne ihn. An Döpfners aufgebahrten Leichnam im Münchner Liebfrauendom zogen vor 50 Jahren 300.000 Menschen vorbei. Viele weinten.
Rückschritte beim Umgang mit Missbrauchstätern
Heute erscheint seine Person in getrübtem Licht, legen sich in jüngerer Zeit Schatten auf sein Bild. Von der Kirche selbst in Auftrag gegebene Missbrauchsgutachten stellen Döpfner kein gutes Zeugnis aus. Für die Verhältnisse in München kamen externe Juristen der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl 2022 zum Ergebnis, unter Döpfner habe es sogar Rückschritte beim Umgang mit Tätern gegeben. So seien diese regelmäßig ohne Auflagen wieder in der Seelsorge eingesetzt worden. Auch habe es viel mehr Versetzungen als zuvor gegeben – und Übernahmen von andernorts straffällig gewordenen Priestern, auch aus dem Ausland.
1968 veranlasst der Münchner Erzbischof, dass sein Generalvikar Matthias Defregger zum Weihbischof befördert wird. Dessen Vergangenheit als Hauptmann der Wehrmacht verschweigt Döpfner in Rom. 1944 war Defregger an einer Vergeltungsaktion für einen Partisanenüberfall auf einen deutschen Posten in den Abruzzen beteiligt. 17 männliche Bewohner des Dorfes Filetto wurden liquidiert. Als der „Spiegel“ diese Geschichte 1969 auf den Titel hebt, gibt es erregte Debatten, auch deutsche Staatsanwälte ermitteln.
Marx attestiert Döpfner „großes Versagen“
Schriftsteller Heinrich Böll tritt deswegen aus der Kirche aus, Döpfner hält an Defregger fest. Lange hielt sich die Darstellung in der Öffentlichkeit, Defregger sei zu Unrecht an den Pranger gestellt worden. Er habe sogar versucht, Leben zu retten, bis sein Vorgesetzter gedroht habe, ihn mit den Italienern an die Wand zu stellen. Heute stufen Historiker die Massenerschießung als Kriegsverbrechen und Defregger zumindest als Mittäter ein.
Bei einem Gedenkgottesdienst für Döpfner vor vier Jahren erklärte Kardinal Reinhard Marx: „Wir sehen seine große Gestalt vor uns. Aber wir verschweigen auch nicht das große Versagen.“ Es gelte zu sehen, „was an Versagen von uns allen da war“.
Christian Feldmann/ren/flo



