Glaubenswelten
20.07.2026

Maria Magdalena – Schlüsselfigur der feministischen Theologie

Schon lange gilt Maria Magdalena als „Apostelin der Apostel“. Erst vor zehn Jahren wurde ihr Gedenktag am 22. Juli zu einem Apostelfest erhoben. Kaum eine Figur der Kirchengeschichte wurde so unterschiedlich interpretiert wie sie. Wie kann Maria Magdalena für Frauen in der Kirche heute ein Vorbild sein? 
    

Maria Magdalena gilt als enge Vertraute Jesu Christi: Sie folgte ihm, verkündete seine Auferstehung und predigte. Maria Magdalena gilt als enge Vertraute Jesu Christi: Sie folgte ihm, verkündete seine Auferstehung und predigte. Foto: © Philadelphia Museum of Art

„Da die Kirche zu unseren Zeiten berufen ist, intensiver über die Würde der Frau nachzudenken, schien es gut, den Gläubigen das Beispiel der heiligen Maria Magdalena stärker vor Augen zu stellen“, heißt es im Dekret, mit dem Papst Franziskus vor zehn Jahren entschied, den Gedenktag der heiligen Maria Magdalena am 22. Juli in den Rang eines Apostelfestes zu erheben. Der Katholische Deutsche Frauenbund wertete diesen Schritt als bedeutendes Signal: Erstmals sei eine Frau auch offiziell und liturgisch den Aposteln gleichgestellt worden. Sie werde nun „wie die übrigen Apostel“ geehrt.

Zeugin, Verkünderin, Apostelin

Besonders das Johannesevangelium betont ihre Bedeutung: Sie begleitet Jesus bis zur Kreuzigung und begegnet ihm als erste nach seiner Auferstehung. Zunächst hält sie ihn für den Gärtner, bis er sie beim Namen nennt. Anschließend beauftragt Jesus sie, den Jüngern seine Auferstehung zu verkünden. Diese Rolle als erste Osterzeugin brachte ihr den Titel „Apostelin der Apostel“ ein, den bereits der Kirchenlehrer Thomas von Aquin (1225-1274) verwendete. „So gesehen ist sie als erste Gesandte den Aposteln vorangestellt“, sagt Irmgard Huber von der Frauenseelsorge der Erzdiözese München und Freising. „Sie dürfte eine Leitfigur der Jesusbewegung gewesen sein.“   

Jahrhundertelanger Mythos der Sünderin

Umso bemerkenswerter ist, dass Maria Magdalena über Jahrhunderte vor allem als Sünderin wahrgenommen wurde. Nach Einschätzung Hubers verfestigte sich dieses Bild bereits früh in der Kirchengeschichte. Der Ruf der Prostituierten sei vermutlich durch mehrere Verwechslungen entstanden: So wurde Maria Magdalena mit Maria von Ägypten, einer Büßerin des fünften Jahrhunderts, und mit der namenlosen Ehebrecherin gleichgesetzt, die Jesus vor der Steinigung bewahrte. Für beide Gleichsetzungen gibt es jedoch keine biblische Grundlage.

Heute gilt Maria Magdalena, die auch Maria von Magdala genannt wird, für viele als Schlüsselfigur für die feministische Theologie. Die Diskrepanz zwischen ihrer herausragenden Rolle in den Evangelien und ihrer jahrhundertelangen Rezeption als Sünderin macht sie zu einem Symbol für die Debatte über die Stellung von Frauen in der Kirche. Besonders in der Diskussion um das Priesteramt für Frauen wird ihre Geschichte häufig angeführt. 

„Es gibt eben nicht nur Männer, die etwas in der frühen Kirche zu sagen hatten“, meint die evangelische Theologin Judith Hartenstein. Sie forscht zum frühen Christentum und zu den apokryphen Evangelien. Dazu gehört auch das Evangelium nach Maria – das einzige bekannte Evangelium, das einer Frau gewidmet ist. Dass es sich bei dieser Maria um Maria Magdalena handelt, kann nicht endgültig bewiesen werden; in der Forschung herrscht jedoch Konsens über die Annahme, dass sie gemeint ist. 

Judith Hartenstein ist Professorin für Evangelische Theologie an der Universität Koblenz-Landau. Judith Hartenstein ist Professorin für Evangelische Theologie an der Universität Koblenz-Landau. Foto: © privat

Apokryphen: Evangelium nach Maria

„Es gibt eben nicht nur Männer, die etwas in der frühen Kirche zu sagen hatten“, meint die evangelische Theologin Judith Hartenstein. Sie forscht zum frühen Christentum und zu den apokryphen Evangelien. Dazu gehört auch das Evangelium nach Maria – das einzige bekannte Evangelium, das einer Frau gewidmet ist. Dass es sich bei dieser Maria um Maria Magdalena handelt, kann nicht endgültig bewiesen werden; in der Forschung herrscht jedoch Konsens über die Annahme, dass sie gemeint ist.

Im Evangelium nach Maria nimmt Maria Magdalena eine deutlich prominentere Rolle ein als in den kanonischen Evangelien. Ungefähr die Hälfte des Textes besteht aus ihrer wörtlichen Rede, in der sie Worte Jesu weitergibt. Dabei handelt es sich um Offenbarungen, die Christus nur ihr anvertraut haben soll. „In gewisser Weise vertritt sie Jesus, als er die Gruppe verlässt“, sagt Hartenstein. Nach seinem Tod kommen die Jünger zusammen und sprechen über ihre Zukunft. Sie haben Angst um ihr Schicksal, doch Maria stärkt und tröstet sie wie eine Anführerin.

In der Bibel finden wir das Evangelium heute nicht. Warum es nicht in den biblischen Kanon aufgenommen wurde, lässt sich laut Hartenstein schwer sagen. In der frühen Kirche habe es zahlreiche solcher Schriften gegeben, die in den Gemeinden weitergegeben und abgeschrieben wurden. „Es gab sozusagen Fans“, sagt Hartenstein. „Was zur Bibel gehört und was nicht, hat sich langsam herausgebildet – das wurde von unten entschieden.“ Erst schrittweise setzte sich durch, welche Texte als kanonisch galten. Das Evangelium der Maria sei damals wahrscheinlich durchaus beliebt gewesen, meint Hartenstein. Bis heute wurden drei Abschriften gefunden – in koptischer und griechischer Sprache. „Vom Markus- oder Lukas-Evangelium gibt es aus dieser Zeit auch nicht viel mehr.“    

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Frühes Christentum: Frauen mit Autorität

Aus der Sicht vieler Frauen zeigt das: Nicht nur Männer hatten in der frühen Kirche etwas zu sagen. Das frühe Christentum war vielfältiger, meint auch Hartenstein: „Es gab immer Frauen, die gepredigt haben, die wichtig waren, die Autorität hatten. Sie sind da, auch wenn die hierarchische Kirche immer wieder versucht hat, sie zurückzudrängen.“

Das ermutigt auch die Theologiestudentin Magdalena Franke. Zu ihrer Namenspatronin hat sie eine enge Beziehung: „Sie motiviert mich, meine Rolle in einer männerdominierten Kirche einzufordern.“ Dabei fällt der Studentin eine Stelle aus dem Evangelium der Maria ein: Nachdem die Apostelin den anderen Jüngern von den Worten Jesu erzählt hat, wird Petrus wütend. Er wirft ihr vor, zu lügen: Jesus könne einer Frau niemals etwas erzählt haben, das er seinen anderen Jüngern vorenthalten habe. Ein Jünger namens Levi verteidigt aber Magdalena gegenüber Petrus.  Auch für Hartenstein ist das die „anschlussfähigste“ Stelle des Evangeliums. Sie mache deutlich, „dass das Geschlecht kein Kriterium für die Frage sein kann, wer etwas zu sagen hat“.

Ob das Evangelium ein feministisches Interesse hat, bleibe unklar, sagt die Professorin. Dennoch sei Magdalena schon früh ein Vorbild für eine starke Frauenrolle in der Kirche gewesen. „Es gab auch in der Frühzeit keine Gleichberechtigung, aber es gab schon immer ein Ringen um die Rolle der Frau in der Kirche. Das finde ich tröstlich.“

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Lilly Krka
Artikel von Lilly Krka
Volontärin