Glaubenswelten
02.06.2026


„Museum Brot und Kunst“

Die Kraft des Weizens

In Ulm befasst sich ein Museum mit der Geschichte des Brotes. Es zeigt, wie der Anbau von Getreide die Menschheit verändert hat und wie die Körner dazu beitrugen, dass wir uns vermehren konnten.
  

Marianne Honold mahlt mit der Schiebemühle Körner zu Mehl. Marianne Honold mahlt mit der Schiebemühle Körner zu Mehl. Foto: © SMB/Bierl

Etwa zwei Stunden dauerte es in der Steinzeit, bis genügend Mehl für ein kleines Brot gemahlen war. Zwischen einer rauen Bruchsteinplatte und einem glatten Stein lag das mühsam geerntete Getreide. Vor etwa 14 000 Jahren begann die Menschheit, mit solchen Schiebemühlen ihren Speiseplan zu erweitern. 

Marianne Honold beherrscht den Apparat. Sie ist im Ulmer „Museum Brot und Kunst – Forum Welternährung“ für das Publikumsprogramm zuständig und führt die Schiebemühle öfter vor. Gleich daneben steht eine Blechwanne mit Erdreich, in das Kinder Saatkörner drücken und wo sie ihr Wachstum beobachten können. Nicht weit davon ist ein kleiner altägyptischer Sarkophag zu sehen. Darin lag aber keine Mumie, sondern ein Sack Getreide. Ein Opfer für den Totengott Sokar und den Fruchtbarkeitsgott Osiris. Und gleich daneben befindet sich eine barocke Schnitzarbeit: Christus bricht beim letzten Abendmahl das Brot.

Wohl wichtigstes Grundnahrungsmittel der Welt

Wenn es um das wohl wichtigste Grundnahrungsmittel der Welt geht, lässt das Museum nichts aus. Marianne Honold führt an historischen Teigknetmaschinen genauso vorbei wie an Werken mittelalterlicher Maler oder zeitgenössischer Künstler, die sich mit Brot und Ernährung befassen. Chemische Vorgänge bei der Hefegewinnung erklärt das Museum genauso anschaulich und spielerisch wie den Wasserbedarf für unterschiedliche Lebensmittel. „Egal ob Naturwissenschaft, Kultur oder Gesellschaft – Brot ist überall ein zentrales Menschheitsthema“, macht Honold deutlich. 

Es war nicht weniger als eine der größten Umwälzungen in der Menschheitsgeschichte, als die Getreideverarbeitung ihren Anfang nahm. „Dafür braucht es Land, es beginnt der Besitz und damit auch der Streit um Besitz“, sagt Honold. Und daraus entstünden wiederum Sesshaftigkeit, straffe Hierarchien, Wirtschaftspläne und Verwaltung, auf die eine Gesellschaft von Jägern und Sammlern verzichten konnte.

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Architektur dank Getreideanbau?

Der Historiker Yuval Noah Harari meint, es seien die Getreide gewesen, „die den Homo Sapiens domestizierten, nicht umgekehrt“. Weizen sei durstig, schreibt er in seinem Bestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“. Darum „schleppten die armen Sapiens Wasser aus Quellen und Flüssen herbei, um ihn zu bewässern“. Außerdem ist Weizen „hungrig, weshalb die Menschen Tierkot sammelten, um den Boden zu düngen, auf dem er wuchs“.

Vielleicht ist sogar die Architektur dem Getreideanbau zu verdanken. Honold bleibt vor einem Modell stehen. Es zeigt Getreidespeicher aus Lehm und Mauersteinen, wie sie vor etwa 11 000 Jahren im heutigen Jordanien entstanden, um das Korn vor Schimmel genauso wie vor Mäusen zu schützen. Der Homo Sapiens machte sich diese Mühe nicht ohne Grund: Der Getreideanbau ermöglichte es, eine immer größere Zahl von Artgenossen zu ernähren. Die sich stetig vermehrende Spezies konnte sich zum Beherrscher der Welt aufschwingen. Wird Getreide allerdings knapp, drohen Hunger und Tod.

Das Ulmer „Museum Brot und Kunst – Forum Welternährung“ befindet sich in einem ebenfalls sehenswerten Salzstadel, einem historischen Lagerhaus für Salz. Das Ulmer „Museum Brot und Kunst – Forum Welternährung“ befindet sich in einem ebenfalls sehenswerten Salzstadel, einem historischen Lagerhaus für Salz. Foto: © Bernhard Friese

Zu einer Wertschätzung des Brotes beitragen

Oft stehen Besucher des Ulmer Museums gerührt vor einem Holzkästchen. In ihm sind sogenannte Hungertaler zu sehen und ein paar winzige getrocknete Brote. Es erinnert an den Ernteausfall im Jahr 1816. Verursacht hat ihn der Ausbruch des Vulkans Tambora. Die von ihm ausgestoßene Asche verursachte einen kurzzeitigen Klimawandel und einen äußerst regnerischen und kalten Sommer in Europa. „Auf dem Höhepunkt der Krise kostete ein walnussgroßes Brot so viel wie zuvor ein ganzer Laib“, erklärt Honold. 

Wie kostbar das Lebensmittel ist, daran wollten die Stifter des Museums erinnern. Der Ulmer Backmittelfabrikant Willi Eiselen und sein Sohn Hermann gründeten es im Jahr 1955. „Im damaligen Wirtschaftswunder war Brot schon nichts Besonderes mehr“, sagt Honold. „Die beiden Unternehmer erinnerten sich aber noch sehr gut an die Hungerjahre zuvor und wollten zu einer Wertschätzung des Brotes beitragen“, erklärt sie. Darum ist auch die Frage nach der nachhaltigen Produktion und gerechten Verteilung von Lebensmitteln ein wichtiger Schwerpunkt der Ausstellung.

Brot als Wunder

Vor allem soll sie aber das Staunen über etwas scheinbar Selbstverständliches auslösen. Vom Brot als Wunder ist im Museum immer wieder die Rede: dass aus einem in der Erde vergrabenen Saatkorn viele Körner wachsen, die in Brot verwandelt das Leben erhalten. Wenn Christen Gott in einer Hostie verkörpert sehen und ihn zu Fronleichnam als Brot des Lebens durch die Straßen tragen, ist das nur folgerichtig. Der Kulturforscher Massimo Montanari hält die Bedeutung des Brotes im Christentum sogar für entscheidend dafür, dass es zum Symbol der Ernährungskultur wurde. Denn bei den heidnischen Germanen kamen vor allem Fleisch, wilde Früchte und Milch auf den Tisch. 

Das Ulmer Museum gibt viele Anstöße zum Nachdenken. Oder wie es eine Besucherin am Ausgang zu ihrem Begleiter sagt: „Heute Abend werde ich anders von meinem Brot abbeißen als sonst.“

Mehr über das „Museum Brot und Kunst – Forum Welternährung“ in Ulm erfahren Sie unter www.museumbrotundkunst.de
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Alois Bierl
Artikel von Alois Bierl
Chefreporter
Beschäftigt sich mit wichtigen Trendthemen wie Spiritualität.