Serie „Uralte Orte des Glaubens“
Die Wehrkirche im Autobahnkreuz
In unserer Serie besuchen wir die ältesten Kirchen im Münchner Erzbistum. Diesmal: Heilig Kreuz in Fröttmaning – ein romanisches Gotteshaus, dessen Geschichte so kurios ist, dass sie die Besonderheiten von Bau und Ausstattung sogar noch in den Schatten stellt.
Die Kirche Heilig Kreuz in Fröttmaning. Foto: © Burghardt
Willkommen in Freddimaringa, einer seit dem 6. Jahrhundert bestehenden Siedlung im nördlichen Teil der Münchner Schotterebene! Bereits im Jahr 815 weiht der Bischof von Freising hier, in der Heidelandschaft ganz in der Nähe der Isar, eine erste hölzerne Kirche. Etwa zwei- oder dreihundert Jahre später entsteht der bis heute erhaltene Steinbau als trutzige Wehrkirche – sie ist der ganze Stolz des kleinen Dorfs mit seinen drei Bauernhöfen! Still und beschaulich geht es da draußen im flachen, kargen Land zwischen Garching und Freimann zu, über tausend Jahre lang …
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts dann erste Vorboten einer neuen Zeit: Das bisher zu Garching gehörende Fröttmaning, wie der Weiler nun heißt, wird gegen den Willen der Bewohner nach Freimann eingemeindet – und der Durchgangsverkehr auf der Landstraße zwischen der alten Domstadt Freising und der aufstrebenden königlichen Hauptstadt München, der direkt durch Fröttmaning läuft, nimmt stetig zu.
Wie biblische Plagen
1931 wird Fröttmaning mit Freimann nach München eingemeindet. Die Metropole ist mittlerweile nahe an den Weiler herangerückt und produziert immer mehr Müll, Abwasser und Verkehr. Und nun bricht wie eine Abfolge von biblischen Plagen das Unheil von allen Seiten über das Dorf herein: In den 30er Jahren wird in der Nähe ein Klärwerk errichtet, ab den 40er Jahren führt nur wenige Meter entfernt die Autobahn A 9 vorbei. In den 50er Jahren kauft die Stadt die Fröttmaninger Höfe und Grundstücke, um Platz für eine große Mülldeponie zu schaffen. Die Bauernhöfe verschwinden – das Ende der uralten Siedlung ist besiegelt. Zugleich wachsen Münchens Abfälle in den 60er Jahren zu einem giftigen Berg heran. Für den Bau des Autobahnkreuzes München-Nord um 1970 soll dann auch noch die verbliebene Kirche Heilig Kreuz abgerissen werden. Man muss sich das vor Augen führen: Das uralte romanische Gotteshaus soll einer Abbiegespur in Richtung Salzburg weichen!
[inne]halten - das Magazin 10/2026
Uralt und wunderschön
Eine einzigartige Lage, eine über tausendjährige Geschichte und eine romanische Kirche voller Schätze: Das ist Kloster Seeon.
Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.
Der Widerstand von Freimanner Bürgern sowie der ebenfalls in Freimann ansässigen Dominikaner rettet die Kirche, das Autobahnkreuz wird ein Stück weiter nördlich gebaut. Aber Heilig Kreuz ist in einem erbärmlichen Zustand: Die seit dem Abbruch der Höfe vereinsamte und inmitten der Großbauten zunehmend isolierte Kirche ist durch mehrere Einbrüche verwüstet und ihrer Kunstschätze beraubt, sogar die kostbaren Glocken aus dem 14./15. Jahrhundert wurden von Plünderern innerhalb der Kirche zum Absturz gebracht und zerstört. Heilig Kreuz ist am Ende.
Wieder sorgt der leidenschaftliche Einsatz von Gläubigen der Freimanner Pfarrei St. Albert mit staatlicher und kirchlicher Unterstützung für die Rettung: Die Kirche wird grundsaniert, neu ausgestattet und 1982 noch einmal konsekriert. Aber noch ist es nicht ausgestanden: Der weiter wachsende Müllberg droht sich bis an die Friedhofsmauer auszudehnen – Verhandlungen bringen eine Lösung, die ihn halbwegs auf Distanz hält. 1982 und 1987 werden auf zwei weiteren Seiten des Autobahnkreuzes Deponien in Betrieb genommen, Fröttmaning ist nun fast ganz von Müll umgeben.
Die Fresken an der Innenwand zeigen zahlreiche Symbole wie Lebensbaum, Sonnenkreis und Dreiecke. Foto: © Burghardt
Fußballstadion und Kirchenduplikat
Von 2002 bis 2005 entsteht auf der letzten verbliebenen Freifläche die riesige Allianz-Arena – und wieder gibt es ein Problem: Eine geplante Rettungsbrücke soll vom nur 300 Meter entfernten Stadion über die Autobahn direkt vor die Kirche führen, Proteste führen zu einer Verlegung nach Süden. Den schillernden vorläufigen Schlusspunkt markiert 2006 der Bau eines Duplikats der Kirche als Kunstobjekt. Nur einen Steinwurf weit neben dem Original gelegen, symbolisiert es das im Müllberg versinkende Dorf Fröttmaning.Mit all diesen atemberaubenden Wendungen vor Augen nähert man sich der heutigen Kirche mit noch größerem Staunen. Zuerst einmal gilt es, den richtigen Weg zu finden, sich inmitten all der Infrastruktur und der künstlichen Landschaften bis in den entlegenen Winkel des Autobahnkreuzes hindurchzuschlängeln. Und dann steht sie vor einem – zwar mit der Geräuschkulisse des Fernverkehrs, aber doch fast idyllisch im Grünen: die älteste Kirche auf Münchner Stadtgebiet. Wie alt genau, ist nicht bekannt; die Schätzungen reichen vom 10. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts, die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte. Wer die wuchtige, mit ausgeschmiedeten Pflugscharen beschlagene Tür geöffnet vorfindet, darf im Inneren eine deutschlandweit einzigartige Besonderheit bestaunen: romanische Wandmalereien, die mit Kalk direkt auf Ziegelstein aufgetragen sind. Ob die rätselhaften Symbole wohl je entschlüsselt werden können?
Sehenswert sind auch das Deckengemälde, die urige Holztreppe zur Empore und eine Eichenholzstütze aus dem 17. Jahrhundert, die die Empore trägt. Aber letztlich ist nichts so wunderlich wie der Umstand, dass die Kirche überhaupt noch steht. Eingekesselt von gigantischen Bauten der modernen Welt, bedrängt von rastlosem Verkehr und Zivilisationsmüll, eine Zeugin längst vergangener Zeiten. Fast verloren, aber immer wieder gerettet. Versteckt, aber immer noch da.
Aus Holzbalken gebaut und vermutlich nicht TÜV-geprüft: die Treppe zur Empore. Foto: © Burghardt



