Achtsamkeit
26.05.2026


Draht nach oben

Die Schöpfung – ein Wunder

Susanne Wübker ist Seelsorgerin auf der Insel Langeoog. Im dritten Teil unserer Serie erklärt sie, wie wir Gott in der Natur erahnen können. Und sie sagt, wie wir lernen können, all ihre Schönheiten zu genießen.
  

Um Gott in der Natur zu suchen, muss man nicht auf eine Nordseeinsel fahren. Das geht auch auf den Wiesen meines Wohnortes, im Wald nebenan oder am nahen See. Um Gott in der Natur zu suchen, muss man nicht auf eine Nordseeinsel fahren. Das geht auch auf den Wiesen meines Wohnortes, im Wald nebenan oder am nahen See. Foto: © unsplash/Hannah Voggenhuber

Immer weiter entfernt sich die Möwe. Mit schnellen Flügelschlägen steigt sie in den blauen Himmel empor, parallel zur Wasserkante, wo die Wellen des Meeres schäumend auf den Sand stoßen. Immer höher, bis sie nur noch ein Punkt am Horizont ist. Sie ist nicht aufzuhalten, nicht zu fassen, sie zieht ihre Bahn. Ich schaue ihr nach und denke an meine Kinder. 

Der älteste Sohn bricht nach dem Abitur gerade ins Leben auf. Trifft eigene Entscheidungen. Wir Eltern sind nur noch Ratgeber, er ist für sich selbst verantwortlich und will das auch sein. Wir können ihn nicht festhalten, so wie die Möwe am Strand von Langeoog. Ich schicke ein Gebet in den Himmel: „Herr, gib mir Mut und Vertrauen, um loszulassen. Begleite ihn auf seinem Weg und hilf ihm bei seinen Entscheidungen.“

[inne]halten - das Magazin 10/2026

Uralt und wunderschön

Eine einzigartige Lage, eine über tausendjährige Geschichte und eine romanische Kirche voller Schätze: Das ist Kloster Seeon.

Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.

Was ist in meinem Leben, das
ich nicht festhalten kann?

Still spaziere ich über den Strand. Neben mir Susanne Wübker, Pastoralreferentin auf der Nordseeinsel. Mit ihr habe ich mich zu einem meditativen Strandgang verabredet, um Gott in der Natur näherzukommen. Als Impuls dafür hat Wübker die biblische Geschichte von der Erschaffung der Welt ausgewählt. Jeder Schöpfungstag ist ein Abschnitt unseres Spaziergangs. Erst liest Wübker eine Passage, dann formuliert sie Fragen, über die wir in Stille nachsinnen. Es ist ein herrlicher Tag im ausgehenden Winter, kühl, aber trocken und sonnig. 

Am fünften Tag der Schöpfung heißt es: „Dann sprach Gott: Das Wasser wimmle von Schwärmen lebendiger Wesen und Vögel sollen über der Erde am Himmelsgewölbe fliegen.“ Wübker blickt aufs Meer: „Wie viele Fische schwimmen unter der Wasseroberfläche?“ Wir können sie nicht festhalten, genau wie die Vögel. Was, neben meinem Sohn, ist in meinem Leben, das ich nicht festhalten kann? In meinen Gedanken begegne ich erst einmal mir selbst, nicht direkt Gott. Aber die Stille, die Natur, der biblische Text bringen mich ihm näher.

Susanne Wübker ist seit 2016 Seelsorgerin auf der ostfriesischen Insel Langeoog. Als Pfarrbeauftragte der Pfarrei St. Nikolaus ist sie verantwortlich für die Gestaltung des Gemeindelebens, die Seelsorge vor Ort und die Urlauberseelsorge. Susanne Wübker ist seit 2016 Seelsorgerin auf der ostfriesischen Insel Langeoog. Als Pfarrbeauftragte der Pfarrei St. Nikolaus ist sie verantwortlich für die Gestaltung des Gemeindelebens, die Seelsorge vor Ort und die Urlauberseelsorge. Foto: © Ulrich Waschki

Still werden, nur da sein und wahrnehmen

Um Gott in der Natur zu suchen, muss man nicht auf eine Nordseeinsel fahren. Das geht auch auf den Wiesen meines Wohnortes, im Wald nebenan oder am nahen See. Dort gilt es, still zu werden. Nicht an den nächsten Termin, den unerledigten Abwasch, den Einkauf nach der Arbeit zu denken. Nur da zu sein. Und wahrzunehmen. 

Auch bei einem Spaziergang auf der schmalen Straße zwischen den Feldern lässt sich Gott suchen. Vögel zwitschern, Blüten sprießen, Gräser wachsen. Ist der Kreislauf von Leben, Sterben und neuem Wachsen nicht ein Wunder? Die Perfektion der Schöpfung sei ein Grund, um an Gott zu glauben, sagen manche Naturwissenschaftler.

Gott nicht ausschließen

Wer auch nur die Möglichkeit offen lässt, hinter der Schöpfung könnte ein Gott stehen, hat schon den ersten Schritt in seine Richtung getan. Wübker begleitet oft Menschen bei Exerzitien und Einkehrzeiten. „Dabei geht es nicht zuerst um Erkenntnis, sondern vor allem darum, Gott zu ahnen“, sagt sie. 

Der erste Schritt also ist: Gott nicht ausschließen, ihn für möglich halten. Der nächste Schritt könnte die Dankbarkeit sein, um so mit Gott in Kontakt zu treten: „Gott, ich danke dir für diese Blume, das Zwitschern der Vögel, den Geruch des Frühlings.“

Tipps, um Gott in der Natur näherzukommen

Suchen Sie sich einen Sitzplatz im Wald oder Park und werden Sie still. Atmen Sie ruhig. Was hören, riechen, sehen Sie? Sprechen Sie mit Gott, in Gedankenfetzen, in ganzen Sätzen. Loben Sie Gott, in eigenen Worten oder etwa mit dem Sonnengesang des heiligen Franziskus (Gotteslob Nr. 19,2). Oder klagen Sie, etwa mit Psalm 130. So, wie es in Ihrem Leben gerade dran ist. Übung hilft. Im Internet finden Sie spezielle Angebote von Klöstern und Bildungshäusern – etwa Wald- oder Bergexerzitien. Die franziskanische Lebensschule www.barfuss-und-wild.de bietet zum Beispiel „Waldzeiten“.

Die Wärme der Sonne wahrnehmen

Um den Draht zum Himmel in der Natur zu pflegen, helfen Übung und die zweitausend Jahre alte Erfahrung der Kirche. Gebete, Bibeltexte, Lieder. Wie die Erzählung vom Propheten Elija, der Gott im sanften Säuseln des Windes entdeckt. 

Am Strand von Langeoog hilft der Text aus dem Anfang der Bibel. „Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht“, liest Wübker, als wir zwischen den Dünen in der Sonne stehen. Wir spüren die Wärme des Lichts. „Gott sah, dass es gut war“, steht etwas später im biblischen Text. Das kann man hier körperlich nachempfinden – und dankbar sein.

Doch woher weiß ich, dass solche Gedanken mit Gott zu tun haben? „Das weiß ich nie“, sagt Wübker. Aber ahnen könne ich es, indem ich frage: Was bewegt mich? Welche Gedanken und Gefühle entstehen in mir? „Bringen sie dich näher zu Gott?“, fragt Wübker. Das tun sie, „wenn sie gut tun und in die Freiheit führen“.

Nachspüren, was gut ist im Leben und was belastet

Am dritten Schöpfungstag hat Gott Himmel, Erde und Wasser getrennt. „Und Gott nannte das Trockene Land und die Ansammlung des Wassers nannte er Meer“, heißt es in der Bibel. „Wo bin ich in meinem Element? Wo überflutet mich etwas?“, fragt Wübker. Hinter ihr rauscht das Meer. Leise ist es hier am Strand nicht. Trotzdem ist da eine Stille, die uns ermöglicht, die Gedanken nach innen zu wenden. Nachzuspüren, was gut ist im Leben und was belastet. 

Nach einer Stunde verlassen wir den Strand. Ich setze mich in die Dünen und schreibe meine Gedanken auf. In mir herrscht ein Gefühl der Zuversicht: Ich bin eingebunden in eine wunderbare Schöpfung. Gott ist mit uns unterwegs. Ich muss nicht alles allein schaffen. Manchmal muss ich abgeben, loslassen. Und auf Gott vertrauen. Denn der will, dass es gut wird.

Innehalten-Leseempfehlung
Ulrich Waschki
Artikel von Ulrich Waschki
Chefredakteur Verlagsgruppe Bistumspresse