Achtsamkeit
24.05.2026


Draht nach oben

Momente wie Perlen

War Ihr Tag heute schön? Trist? Fordernd? Der Tagesrückblick nach Ignatius von Loyola hilft alles vor Gott zu bringen. In Teil 2 dieser Serie erklärt der Jesuit Sebastian Ortner, wie dieser Rückblick funktioniert und welche Schätze sich dabei entdecken lassen.
   

Es genügt, sich für den ignatianischen Tagesrückblick eine Viertelstunde Zeit zu nehmen. Es genügt, sich für den ignatianischen Tagesrückblick eine Viertelstunde Zeit zu nehmen. Foto: © unsplash/Ana Tavares
6.30 Uhr: Der Bus rollt um die Straßenecke, die Türen öffnen sich. Endlich raus aus dem Nieselregen, rein ins Warme. Ich lächle dem Fahrer kurz zu und setze mich auf einen Platz.
7 Uhr: Kurz vor Osnabrück brechen die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolken. Wie schön, dass es morgens wieder früh hell wird.


Stunde für Stunde durch den Tag gehen – so hat Sebastian Ortner nicht nur mir den Tagesrückblick der Jesuiten erklärt. So lehrt er ihn auch den jungen Erwachsenen, die in die Zukunftswerkstatt der Jesuiten nach Frankfurt kommen.

Der Tagesrückblick nach Ignatius von Loyola bildet den Kern der jesuitischen Spiritualität. Er gehört fest zu ihrem Leben und ihrer Glaubenspraxis. Doch er eignet sich nicht nur für Ordensleute, sondern für jeden von uns – als Abschluss des Tages, als Wertschätzung für all das, was getan wurde oder passiert ist, und als stetiger Draht zu Gott.
  

13 Uhr: Mittagspause im Büro. Ein Kollege erzählt vom Wochenende, ein anderer vom Schulalltag seiner Kinder. Es tut gut, mal nicht nur über anstehende Aufgaben zu sprechen.
14.30 Uhr: Ich öffne die Tür zur Kita-Gruppe meiner Tochter. Als sie mich entdeckt, stürzt sie auf mich zu: „Mama!“


Sebastian Ortner empfiehlt, sich täglich Zeit zu nehmen und sich in einen ruhigen Raum zurückzuziehen. 15 Minuten, mehr braucht es nicht. „Beim Tagesrückblick geht es nicht darum, den Tag zu analysieren, um sich selbst zu optimieren und den nächsten Tag noch effizienter zu nutzen“, sagt Ortner. „Ich schaue auf den Tag, der hinter mir liegt, mit Gottes Augen – liebevoll, wertschätzend, offen.“ Viele finden die Zeit vor dem Schlafengehen optimal dafür. Genauso gut kann der Rückblick aber auch in der Mittagspause gehalten werden. Wichtig sei nur, sich nicht ablenken zu lassen, sagt Ortner: „Wenn ich noch im Alltagsstress bin, wird das nicht funktionieren.“

Zu Beginn macht er sich bewusst, dass Gott bei ihm ist: „Er ist schon da – und ich möchte mit ihm auf das zurückschauen, was war.“ Ortner beginnt die Übung mit einem Kreuzzeichen. „Dann gehe ich meinen Tag durch“: das Frühstück am Morgen, die Nervosität vor dem Arztbesuch, die Stimmung am Mittagstisch, der Spaziergang danach, die Konferenz mit Kollegen am Nachmittag. „Ich muss nichts krampfhaft erdenken – ich lasse die Szenen des Tages wie einen Film in mir aufsteigen.

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Die Ereignisse vor dem inneren
Auge vorbeiziehen lassen

Er sucht nicht gezielt nach Gottes Spuren, sondern lässt die Ereignisse vor seinem Inneren vorbeiziehen. „Vielleicht leuchtet mir ein Moment entgegen, wie eine Perle.“ Darüber denke er länger nach und betrachte den Moment von allen Seiten: „Vielleicht kann ich für ihn dankbar sein – und das auch bewusst aussprechen.“ Oder es war eine schwierige Situation, ein Gespräch, das nachwirkt. Ortner sagt: „Auch das lege ich vor Gott: Schau, was ich dir bringe. Nicht nur meinen Dank, sondern auch meine Bitte, dass du meine Sorgen verwandeln mögest.“

Zum Abschluss legt er alles Gute und Schlechte, alle glücklichen Momente und die Erinnerungen, die ihn noch bewegen, in Gottes Hand. „Das mache ich mit einem kurzen Gebet oder einem Lied. Wenn wir in der Gruppe den Tagesrückblick halten, zünden wir manchmal eine Kerze an oder lassen ein Weihrauchkorn verbrennen – als Zeichen, dass ich die Gedanken loslasse und sie zu Gott aufsteigen.“

Pater Sebastian Ortner leitet seit 2022 die Zukunftswerkstatt der Jesuiten in Frankfurt. Er stammt aus Oberösterreich und hat in Paris Theologie studiert. Pater Sebastian Ortner leitet seit 2022 die Zukunftswerkstatt der Jesuiten in Frankfurt. Er stammt aus Oberösterreich und hat in Paris Theologie studiert. Foto: © Schander
15.30 Uhr: Ich zupfe Unkraut im Garten, harke das Blumenbeet – und entdecke kleine, zarte Knospen an den Sträuchern.

Sebastian Ortner spürt immer wieder, wie der Tagesrückblick ihn verändert – auch, wenn er ihn nicht täglich hält. „Dieses Gebet tut mir einfach gut“, sagt er. Es sei für ihn wie das Gespräch mit einem Freund oder einer Freundin: „Da öffnet sich für mich ein Raum und ich merke, da interessiert sich jemand für das, was ich erlebt habe.“ Er spürt, dass ihn das Gebet sensibler werden lässt: „Ich gehe achtsamer mit mir um.“ Wenn er am Abend gestresst sei von vielen Terminen, achte er darauf, in den nächsten Tagen weniger Aufgaben in seinen Kalender zu packen: „Im Rückblick wird mir bewusster, welche Wirkungen die Ereignisse des Tages auf mich haben.“

22 Uhr: Zeit, schlafen zu gehen. Ich denke über meinen Tag nach. Habe ich heute Gottes Gegenwart gespürt? Gab es einen besonderen Moment – oder war alles wie immer?

Ortner spürt, wie sich durch die regelmäßige Übung des Tagesrückblicks sein Draht zu Gott verstärkt. Er warnt aber davor, sich Druck zu machen. Der Tagesrückblick sei nichts, wo man Leistung bringen müsse, sagt er. Jeder Tag biete hunderte kleine Augenblicke, die besonders sein könnten. Die könne man so wertschätzen. „Und so entwickelt sich auch meine Freundschaft zu Gott, zu Jesus Christus. Sie vertieft sich und bleibt lebendig. Im Nachhinein kann ich Gottes Spuren in meinen Tagen erkennen – ohne dass ich sie explizit gesucht habe.“

Anleitung zum ignatianischen Tagesrückblick

•    Still werden. Den Atem spüren.
•    Mich in Gottes Gegenwart stellen.
•    Gott um einen ehrlichen Blick bitten.
•    Auf den Tag schauen.
•    Verweilen, wo ich angesprochen bin.
•    Dank für alles, was gut war.
•    Bitte um Verzeihung für alles Ungute.
•    Meine Pläne für morgen Gott anvertrauen.
•    Vaterunser beten.
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Kerstin Ostendorf
Artikel von Kerstin Ostendorf
Redakteurin der Verlagsgruppe Bistumspresse in Osnabrück