Glaubenswelten
08.05.2026

Serie „Uralte Orte des Glaubens“

Seeon, Juwel des Chiemgaus

Unsere Serie „Uralte Orte des Glaubens“ führt uns diesmal ins Kloster Seeon. Die ehemalige Kloster- und heutige Pfarrkirche St. Lambert zählt zum Ältesten und zugleich zum Reichhaltigsten, was das Erzbistum München und Freising an Kirchen zu bieten hat.

Eine einzigartige Lage, eine über tausendjährige Geschichte und eine romanische Kirche voller Schätze: Das ist Kloster Seeon. Eine einzigartige Lage, eine über tausendjährige Geschichte und eine romanische Kirche voller Schätze: Das ist Kloster Seeon. Foto: © imago/Alexander Rochau

Sie wollen das Kloster Seeon besichtigen? Schön! Wie viele Tage haben Sie Zeit? – Spaß beiseite. Dennoch müssen wir nach zwei selbst erlebten, unvollständigen Besichtigungen ehrlich einräumen: Dieser Ort ist so dicht, so reich, er fordert einen. Natürlich kann man einfach hinfahren und sich „ein bisschen umschauen“. Aber dabei würde einem so vieles entgehen, dass es doch ratsam erscheint, einen menschlichen oder literarischen Kirchenführer in Anspruch zu nehmen und Zeit mitzubringen. Denn in Seeon gibt es viel mehr zu sehen als nur eine Kirche.

Sehenswert sind auch die historischen Namensschilder in den Bänken. Sehenswert sind auch die historischen Namensschilder in den Bänken. Foto: © Burghardt
Beginnen wir mit einem Wort zur Lage. Wie gesagt, nur ein Wort: malerisch! Kein Wunder, dass bereits vor dem Jahr 1000 der Entschluss fiel, an diesem speziellen Ort, auf einem eiszeitlichen See mitten im idyllischen Alpenvorland, ein Kloster zu gründen. Sogar ein Doppelkloster – eines für Mönche, eines für Nonnen, jedes auf einer Insel, wobei beide Eilande mittlerweile verlandet beziehungsweise mit einem Damm ans Festland angeschlossen sind. Unser Tipp: Unbedingt auch die Umgebung erkunden und eine Spazierrunde rund um den nördlichen Seeteil mit den Nebenkirchen St. Walburgis und in Bräuhausen drehen (gut 1 Kilometer)!

Anzeige

Zwei eigenartige Türme

Nun betreten wir die Klosteranlage, die mit ihrem engen Gebäude-Arrangement an eine Wasserburg erinnert. Die gedrungenen Kirchtürme sehen auf den ersten Blick gleich aus, sind aber auf eigenartige Weise unterschiedlich. Der nördliche stammt etwa aus dem Jahr 1080 und zählt zu den ältesten Türmen Oberbayerns. Der südliche, mit der Uhr, wurde hundert Jahre später ergänzt. Eine lange Treppe führt uns hinauf zum Kirchenportal, nun betreten wir die Vorhalle – und finden uns in einer mittelalterlichen Welt voller Geheimnisse wieder.

Die gedrungenen Kirchtürme sehen auf den ersten Blick gleich aus, sind aber auf eigenartige Weise unterschiedlich. Die gedrungenen Kirchtürme sehen auf den ersten Blick gleich aus, sind aber auf eigenartige Weise unterschiedlich. Foto: © Burghardt
Wenden wir uns in der Vorhalle nach links, blicken wir in die Barbara-Kapelle. Dort, in der Grablege der Äbte von Seeon, sind Meisterwerke der Bildhauerkunst aus Rotmarmor zu bestaunen, allen voran und mittig platziert die um 1400 geschaffene „Aribotumba“, also das Grabmal des Klostergründers Pfalzgraf Aribo I. von Bayern, das zu den bedeutendsten gotischen Grabskulpturen im ganzen Alpenraum zählt. 

Begehbare Kunst: Der Kreuzgang lädt zu einem meditativen Spaziergang ein. Begehbare Kunst: Der Kreuzgang lädt zu einem meditativen Spaziergang ein. Foto: © Burghardt
Wendet man sich aus der Vorhalle nach rechts, betritt man den Kreuzgang des ehemaligen Klosters. Im rundum begehbaren, 600 Jahre alten gotischen Umgang mit Innenhof kann man der alten klösterlichen Spiritualität nachspüren. Aus dem Kreuzgang gelangt man in den Kapitelsaal, wo mit dem frühbarocken Epitaph für Abt Johannes Honoratus Kolb ein weiteres Meisterwerk aus Rotmarmor mit vielen symbolhaften Details auf kunstsinnige Betrachter wartet.

[inne]halten - das Magazin 14/2026

Seit 1901 am Puls der Zeit

Der Sankt Michaelsbund, das katholische Medienhaus in Bayern, wird 125 Jahre alt

Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.

Romanisches Stufenportal

Zurück in der Vorhalle, wenden wir uns nun endlich der eigentlichen Kirche zu. Doch bevor wir sie betreten, halten wir am Stufenportal inne. Mit einem steinernen Flechtband und vorgelagerten Fresken verziert, stellt dieses Tor zum Kirchenschiff das älteste Original-Objekt dar, das direkt betrachtet werden kann: Es stammt womöglich wie der Nordturm aus der Zeit der ersten Basilika um 1080, alternativ könnte es mit dem heutigen Kirchenschiff hundert Jahre später errichtet worden sein – und wäre auch dann noch außergewöhnlich alt.

Das Portal könnte an die 950 Jahre alt sein. Das Portal könnte an die 950 Jahre alt sein. Foto: © Burghardt

Das Kircheninnere, das wir hier gar nicht erst in seiner ganzen Pracht zu beschreiben versuchen, darf nun ausführlich erkundet werden. Nur so viel: Die dreischiffige romanische Säulenbasilika wurde erst gotisch, später barock umgestaltet, dann regotisiert, gesamtrenoviert (mit Freilegung verborgener Fresken), schließlich wurden neugotische Teile wieder entfernt – kurz: Es ist ein Gesamtkunstwerk mit Spuren aus vielen Epochen. Ein Sichtfenster zur Sakristei und Marienkapelle, die Triebe am Stamm der monumentalen Kreuzigungsgruppe, die Erinnerungstafel für den Seeoner Stammgast Wolfgang Amadeus Mozart, das höllische Riesen-Ungeheuer unterhalb der Orgelempore – wer entdeckt sie alle gleich beim ersten Besuch?

Einen zentralen Platz inmitten der prächtigen Gewölbemalereien hat König David bekommen. Einen zentralen Platz inmitten der prächtigen Gewölbemalereien hat König David bekommen. Foto: © Burghardt
Die Kirche St. Lambert ist täglich von 9 bis 17 Uhr geöffnet. Bis Ende September gibt es sonntags von 14 bis 15 Uhr eine kostenlose Kirchenführung. Sonderführungen (z. B. Orgel, Nebenkirchen, für Gruppen, besondere Länge) können über das Pfarramt vereinbart werden: Telefon 08624/89850, E-Mail: pv-seeon@ebmuc.de. Tipp: die Ausstellung „Kloster Seeon – 994 bis heute“ im Haupthaus der Klosteranlage.
Hintergrund

Tiefstes Mittelalter, mal positiv gemeint

Mit unserer Serie „Uralte Orte des Glaubens“ spüren wir der Faszination alter Kirchen nach. Quer durchs Erzbistum entdecken wir Gotteshäuser, deren Mauern, Türme, Krypten, Fresken oder Portale 800 bis 1200 Jahre alt sind und etwas von der Spiritualität ferner Jahrhunderte erahnen lassen. Eine klare „Altersrangliste“ der Kirchen ist übrigens nicht möglich, da meist nicht ganze Bauwerke, sondern einzelne Teile aus ältester Zeit stammen; oft ist auch die genaue Datierung unklar. (job)
Innehalten-Leseempfehlung
Joachim Burghardt
Artikel von Joachim Burghardt
Redakteur
Immer auf der Suche nach spannenden, kontroversen und kuriosen Themen rund um Glauben und Wissen.