Serie „Uralte Orte des Glaubens“
Ein Wunsch am Grab von Arsatius
Zum Auftakt unserer neuen Serie „Uralte Orte des Glaubens“ besuchen wir die Kirche St. Arsatius in Ilmmünster. Sie ist weltweit die einzige mit diesem Patrozinium und hierzulande ein seltener Fundort karolingischer Kunst.
Herzstück der Krypta ist das Grabmal des heiligen Arsatius. Seine Gebeine ruhen allerdings im Altar der Krypta sowie in einem weiteren Schrein. Foto: © Burghardt
Berg wäre zu viel gesagt. Die Anhöhe, auf der die Basilika von Ilmmünster errichtet ist, unweit von Scheyern ganz im Nordwesten des Erzbistums, überragt die Talsohle des Ilmtals gerade mal um 15 Meter. Und doch ist diese Kirche überragend – äußerlich mit dem trutzigen Sattelturm als Landmarke, die einen ganzen Talabschnitt beherrscht, aber auch mit ihrem Innenleben, dessen Bedeutung noch viel weiter reicht. Tausende Menschen fahren jeden Tag im ICE oder in der Regionalbahn auf einer der Hauptbahntrassen der Republik an dem Gotteshaus vorbei. Wie viele von ihnen wohl wissen, welche Schätze sich darin verbergen?
Durch das Westportal tritt man ins Innere der dreischiffigen Pfeilerbasilika. Das wohlgeformte Stichkappengewölbe über dem Hauptschiff stammt aus der Barockzeit und beeinflusst die Wirkung des ansonsten viel älteren, um 1210 entstandenen Kirchenbaus maßgeblich. Wer sich durch den Mittelgang vorarbeitet, trifft vor dem erhöhten Chorraum auf hellgraue, mit Flechtornamenten verzierte Steinplatten – Chorschranken, die bei Grabungsarbeiten entdeckt wurden und aus dem Vorgängerbau der heutigen Kirche stammen. Sie datieren – wie nur wenige andere erhaltene Objekte in Südbayern – aus karolingischer Zeit.
Schätze aus karolingischer Zeit
Karolingisch? Ja, hier konkret: spätestens aus der Mitte des 9. Jahrhunderts, also tatsächlich aus der Zeit Karls des Großen. Die Chorschranken sind so wertvoll, dass man sie in die Archäologische Staatssammlung nach München verbracht hat, in Ilmmünster stehen Nachbildungen. Auf einem Fragment im rechten Seitenschiff ist übrigens das „Ilmmünsterer Kreuz“ zu entdecken – ein Kreuzornament, das zu den ältesten Kreuzdarstellungen hierzulande zählt.
Chorraum und Hochaltar beinhalten allerlei Sehenswertes aus gotischer Zeit, vom Chorgestühl bis zu Altarreliefs und Bildtafeln, die Erasmus Grasser beziehungsweise Jan Polack zugeschrieben werden. Doch auf der Suche nach dem dunklen Zauber der ältesten Glaubensorte zieht es uns in die Tiefe, in die Hallenkrypta unter dem Chor. Dort stehen wir ehrfurchtsvoll vor dem marmornen Grabmal, der sogenannten Tumba, des heiligen Arsatius.
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Das Rätsel um Arsatius
„Tumba D. Arſacÿ Epiſcopi …“ – so beginnt eine der lateinischen Inschriften im rosa-braunen Marmor. War Arsatius (auch: Arsacius) wirklich ein episcopus, ein Bischof? Als bischöflicher Ambrosius-Nachfolger im Mailand des 4. Jahrhunderts wurde er gehandelt, eine andere Überlieferung lässt ihn aus Persien stammen. Sicher ist nur, dass seine Gebeine im 8. Jahrhundert von Italien nach Ilmmünster gebracht wurden, wo bereits damals ein Filialkloster von Tegernsee bestand. 1495 wurden die Reliquien in die Münchner Frauenkirche überführt, von wo sie 1846 an die Ilm zurückkehrten.
Das auffällige Deckengemälde in der Apsis stammt aus dem Jahr 1875. Es zeigt Christus als Weltenrichter, links ist der heilige Arsatius als Bischof abgebildet. Foto: © Burghardt
Der hängende Ring gewährt einen Wunsch – aber nur, wenn er sich nicht bewegt. Foto: © Burghardt
Kindheit voller Vertrauen
Alteingesessene Ilmmünsterer erzählen, wie sie als Schulkinder immer wieder in die Krypta gingen – nicht nur an heißen Sommertagen zur Abkühlung, sondern regelmäßig auch, um ihre kleine Kinderhand zum soundsovielten Mal durch den Ring zu stecken und um gute Schulnoten oder den Sieg der Lieblings-Fußballmannschaft zu bitten. Wie viel davon wohl in Erfüllung ging? In der Krypta herrscht heilige Stille, Arsatius schweigt – aber man sagt, er helfe immer …
Die Basilika St. Arsatius ist für Besucher täglich geöffnet. Ohne Auto ist Ilmmünster mit dem Bus 9202 oder zu Fuß ab dem Bahnhof Reichertshausen (2,5 km) zu erreichen.
Hintergrund
Tiefstes Mittelalter, mal positiv gemeint
Mit unserer Serie „Uralte Orte des Glaubens“ spüren wir der Faszination alter Kirchen nach. Quer durchs Erzbistum entdecken wir Gotteshäuser, deren Mauern, Türme, Krypten, Fresken oder Portale 800 bis 1200 Jahre alt sind und etwas von der Spiritualität ferner Jahrhunderte erahnen lassen. Eine klare „Altersrangliste“ der Kirchen ist übrigens nicht möglich, da meist nicht ganze Bauwerke, sondern einzelne Teile aus ältester Zeit stammen; oft ist auch die genaue Datierung unklar. (job)



