Glaubenswelten
05.11.2025

„Ich habe selten so viel gelacht wie im Kloster“

Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Gerd Holzheimer über Andechs, Glaube, Musik und den Apfelpfarrer Korbinian Aigner.
    

Dort, wo Irdisches und Transzendentales zusammentreffen, ist für Gerd Holzheimer der schönste Ort der Welt. Dort, wo Irdisches und Transzendentales zusammentreffen, ist für Gerd Holzheimer der schönste Ort der Welt. Foto: © Carmen Kubitz

Warum ist Andechs der schönste Ort der Welt?

Zum einen ist er einfach „der heilige Berg der Bayern“. Noch heute, nach so vielen Jahrzehnten, bekomme ich feuchte Augen, wenn ich zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit dem Auto aus dem Wald zwischen Andechs und Widdersberg oder Frieding komme – und den ersten Blick auf den Heiligen Berg werfe.

Was für ein Bild: erhaben, schön, vollendet in die Landschaft eingebettet, mit einer starken spirituellen Ausstrahlung. Kein Wunder, dass schon die Kelten hier eine Kultstätte hatten.

Für mich verbinden sich mit diesem Ort tiefer Glaube – aber ohne Frömmelei –, Menschlichkeit, Fröhlichkeit, alles, was für mich Glauben ausmacht. Das hat auch biografische Gründe: Lange Aufenthalte im Kloster, in denen ich zu innerer Einkehr gelangen und diszipliniert schreiben konnte, verbinden sich mit herzlichen Freundschaften zu einzelnen Mönchen.

Ich habe dort gelernt, dass Glauben frei machen kann. Und: Ich habe selten so viel gelacht in meinem Leben wie im Kloster.

Kannst du dich an dein erstes musikalisches Erlebnis erinnern?


Bewusst kann ich leider keine konkrete Erinnerung angeben. Vielleicht war es das Klavierspiel im Kreis meiner Großfamilie. Oder die Musik beim Gottesdienst. Oder beides.

Und mein Vater hat gern so vor sich hin gepfiffen – einfach so. Das habe ich sehr gemocht.

Magst du Marienlieder?

Ja, sehr. Maria ist für mich seit jeher eigentlich die zentrale spirituelle Figur. Es ist das Mütterliche, das Schützende, das Belebende, das sich in vielen Marienliedern ausdrückt.

„Meerstern, ich grüße dich“ zum Beispiel – wenn Monika Drasch mit ihren Musikern spielt und ich mit meinen Texten auf der Bühne sitze, empfinde ich mich als Teil des Klangkörpers: spirituell, musikalisch, menschlich.
    

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Macht Schreiben einsam?

Da ist leider etwas dran. Aber man muss unterscheiden zwischen „allein sein“, also frei gewählt, und „einsam“.

Für größere Schreibprojekte – etwa Bücher – brauche ich Ruhe. Die habe ich glücklicherweise oft in abgelegenen Gegenden Portugals gefunden, wo einfach nichts los ist, keine Ablenkung.

Und die wenigen Menschen, mit denen ich dort zu tun habe, etwa in einer Bäckerei oder Markthalle, kommen mir mit ihrer zurückhaltenden Mentalität sehr entgegen.

Was ist deine Lieblingsmusik?

Das ist, wenn Monika Drasch und Stefan Myrus zusammen singen. Da jubeln mir Herz und Seele.

Du warst dem Tod einmal sehr nah – und hattest keine Angst. Warum?

Auch hier spielt Portugal eine wichtige Rolle. Ich hatte von einem Arzt die Diagnose bekommen, dass, „wenn es so weitergeht“ mit dieser aggressiven Autoimmunkrankheit, ich mich in sechs Wochen aufgelöst haben könnte.

Tag für Tag bin ich dann auf kleinen Wegen die zehn Kilometer zum Atlantik gegangen – und wieder zurück. Mein Leben ist bei diesen Gängen wie ein Film an mir vorübergezogen, und ich war vollkommen einverstanden: mit meinem Leben und auch mit dem Tod.

Jeden Tag ging es mir besser. Ich hatte und habe das Gefühl, so viel Glück erlebt haben zu dürfen – das reicht eigentlich für drei Leben. Ich nannte diesen Weg meinen „Überlebensweg“ und gehe ihn heute noch, so oft ich dort bin.

Gerd Holzheimer (75) ist Schriftsteller, Publizist und leidenschaftlicher Erzähler bayerischer Kulturgeschichte. Seine Texte verbinden Spiritualität, Humor und Menschlichkeit. Bekannt wurde er durch Essays, Reisereportagen und Bücher über Glauben, Musik und das Kloster Andechs. Als sensibler Beobachter schreibt er über das, was Menschen innerlich bewegt – mit einer Sprache, die leise, poetisch und zutiefst lebensnah ist. Die Landeshauptstadt München zeichnete ihn 2013 mit dem Ernst-Hoferichter-Preis aus. 


Kann Musik lebenserhaltend sein?


Ja, unbedingt! Für mich ist allerdings auch der Wind in den Pinien oder das Rauschen des Meeres Musik.

Wozu inspiriert dich Musik am meisten?

Zur Stille. Zur Ruhe. Wenn beides eintritt, kommen die inneren Bilder ganz von selbst.

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Musik und Geist – wie würdest du den Heiligen Geist beschreiben?

Von allem, was menschlichen Verstand übersteigt, begreife ich den „Heiligen Geist“ am wenigsten.

Vielleicht ist er die Seele, die Kraft, die die Materie zusammenhält. Man spürt es bei Sterbenden, wenn man ihnen die Hand hält: Dann kommt unweigerlich der Moment, in dem die Seele den Körper verlässt.

Der Heilige Geist sucht sich einen anderen Platz – und er hat so viele Möglichkeiten.

Welcher „Geist“ hat dich zum „Apfelpfarrer“ geführt?

Ich habe nur Teile des Drehbuchs geschrieben, aber von mir stammen Idee und Konzeption. Im Film begleite ich die Protagonisten als Erzähler. Außerdem habe ich unabhängig davon ein Buch über ihn verfasst.

Korbinian Aigner, der „Apfelpfarrer“, ist für mich ein Mensch, der mich geistig seit über dreißig Jahren begleitet: Er ist tiefgläubig – und kann diesen Glauben auf eine einfache, unmittelbare Weise vermitteln.

Zugleich ist er Pomologe, also Obstbauer, der viel für den Erhalt alter Apfelsorten getan hat. Und er ist mutig: Er predigt gegen die Nazis, wird ins KZ gesteckt – und züchtet dort neue Apfelsorten.

Was für ein Symbol der Hoffnung!

Ich kannte die Geschichte schon lange, hielt sie aber fast für zu schön, um wahr zu sein – bis ich eines Tages im Rückraum eines VW-Busses auf der Autobahn mit einem Mitfahrer ins Gespräch kam, den ich vorher gar nicht kannte: Dr. Helmut Hörger.

Er erzählte mir, er sei Ministrant bei Aigner gewesen. Sofort entstand in mir der Wunsch, diese Geschichte festzuhalten. Aus einer Autofahrt wurde ein Film – und ein Buch: Ein stummer Hund will ich nicht sein. 

Holzheimer, Gerd Ein stummer Hund will ich nicht sein
BUCH & media, 2025
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Wie schafft man es, als wilder 68er gläubig zu bleiben?

Ganz einfach: Die Inhalte sind für mich sehr ähnlich – allein, wenn man an die Bergpredigt denkt.

Ein ungebrochener, wenn auch immer wieder irritierter Glaube an die Möglichkeit einer menschlichen Gesellschaft, die tatsächlich menschlich ist – auch weil sie weiß, dass es etwas Übergeordnetes gibt, das sie zu wirklichen Menschen werden lässt.

Aber das bekommt man nicht geschenkt. Das will erkämpft sein – bei und mit sich selbst. Und oft auch gegen Hierarchien, in denen die Angst vor solcher Freiheit regiert.

Abgesehen von Andechs – wo ist für dich sonst noch der schönste Ort der Welt?

Abt Johannes vom Kloster Andechs sagt: „Was mich interessiert, ist: Was hat Gott in einen Menschen hineingelegt – und was macht dieser Mensch daraus?“

Insofern kann überall auf der Welt der schönste Ort der Welt sein: dort, wo Irdisches und Transzendentales zusammentreffen.

Aber auch dazu gehört großes Glück – nämlich, dass man es wahrnimmt. Als Geschenk.

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Monika Drasch
Artikel von Monika Drasch
Musikerin, Podcasterin
Alpenrock-Fans kennen sie als die Frau mit der Grünen Geige. "Lieder zwischen Himmel und Erde" heißt ihr monatlich erscheinender Podcast auf innehalten.de.