Glaubenswelten
11.10.2025

Judith Janowski: Inspiration zwischen Andechs & Orff

Musik, Orte mit Seele und die Kraft des Alltags – Judith Janowski, geschäftsführende Vorständin der Carl-Orff-Stiftung, im Interview über Energie, Glaube und Lebensfreude.
    

Judith Janowski spürt an manchen Orten eine besondere Energie, die sie antreibt, Visionen zu entwickeln. Judith Janowski spürt an manchen Orten eine besondere Energie, die sie antreibt, Visionen zu entwickeln. Foto: © privat

Kennen Sie einen Sommerhit aus diesem Jahr?

Leider nicht! In diesem Sommer fehlte mir die Muße, meinen persönlichen Sommerhit zu entdecken. Eigentlich bin ich eher der Festspiel-Typ. Leider habe ich in diesem Jahr keine Zeit für Bayreuth, Salzburg oder ein anderes Klassikfestival gefunden. Deshalb musste ich mich mit den Radioübertragungen – zum Beispiel der Premierenwoche aus Bayreuth – begnügen.

Ist Dießen am Ammersee der beste Ort in Bayern, um Musik und Spiritualität zusammenzubringen?

Für mich ja – auch wenn ich es bisher noch nirgendwo sonst in Bayern ausprobiert habe. Ich bin eher ein praktischer Mensch und denke nicht sofort an die „Spiritualität“ eines Ortes. Mich spricht vielmehr die Aura eines Ortes an. An manchen Orten spüre ich eine besondere Energie und einen Zauber, die mich antreiben, Ideen und Visionen zu entwickeln – und sie dann auch umzusetzen.

Von der neuen Museumsterrasse aus sieht man zwei bedeutende bayerische Kirchen: Kloster Andechs und das Marienmünster Dießen. Sind Sie gern in Kirchenräumen?

Ja, sehr gerne! Andechs, Dießen und die Wieskirche bilden für mich einen Dreiklang: der Rokoko-Überschwang in der Wies mit ihrer einsamen Lage, das pralle Leben rund um die Klosterkirche in Andechs mit Carl Orffs Grab – und schließlich der „Dießener Himmel“ im Marienmünster.

Was ist Ihre bevorzugte musikalische Stilrichtung?

Die klassische Musik ist mein Zuhause. Damit bin ich aufgewachsen. Schon als kleines Mädchen war ich oft in Opern und Konzerten – das ist einfach meine Welt.

Welche Bedeutung hat Musik für Sie?

Musik gehört für mich ganz selbstverständlich zum Leben dazu. Ein Leben ohne Konzertbesuche oder ohne den Geruch und die besondere Atmosphäre im Hinterbühnenbereich kann ich mir kaum vorstellen. Erstaunlicherweise höre ich zuhause allerdings kaum Musik.

Sie sind gerade Präsidentin des Rotary Clubs Ammersee geworden. Wird Musik auch hier eine Rolle spielen? Führt Musik die Menschen am besten zusammen?

Ja, unbedingt. Ein Clubmitglied – der wunderbare Organist Anton Ludwig Pfell – veranstaltet am 25.10.2025 in der St.-Nikolaus-Kirche in Herrsching ein Benefizkonzert. Er spielt ein Orgelkonzert mit Weinausschank – herrlich beschwingte Musik, kombiniert mit einer kleinen Weinprobe zwischen den einzelnen Stücken. Eine wunderbare Verbindung von Genuss und Gemeinschaft!

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Sie haben Mütter aus verschiedenen Ländern, die die Tafel in Dießen besuchen, zu einer Schifffahrt auf dem Ammersee eingeladen – eine tolle Idee! Wie kam es dazu?

Ich habe selbst drei Kinder alleinerziehend großgezogen und war immer unglaublich dankbar für die Unterstützung meiner Familie. Diese Hilfe gab mir das Gefühl, auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen. Heute leidet meine Mutter an Alzheimer, und meine Schwester und ich können nun ihrerseits in der Betreuung helfen. Ich weiß aber nur zu gut, dass das nicht allen möglich ist. Die meiste Care-Arbeit lastet nach wie vor auf den Schultern der Frauen. Die Idee, Mütter zu einer Schifffahrt auf den Ammersee einzuladen, kam mir, weil ich denjenigen, die im Alltag oft überlastet sind, eine kleine Auszeit schenken wollte – einen Moment der Erholung und Freude, abseits der täglichen Verantwortung. Es war für mich an der Zeit, etwas zurückzugeben und ihnen die Gelegenheit zu bieten, einfach mal durchzuatmen.

Würden Sie sich als gläubigen Menschen bezeichnen?

Ich gestehe, dass ich so etwas wie einen Kinderglauben habe – und mir wünsche, dass es einen lieben Gott gibt. Angesichts der allgemeinen Weltlage gerate ich allerdings immer wieder ins Zweifeln.

Was ist die Alternative zum Glauben an einen „lieben Gott“, wenn man nicht zu oft verzweifeln möchte? An welche „gute Kraft“ glauben Sie – jene, die Ihnen diese positive und kraftvolle Ausstrahlung verleiht?

Wenn ich unglücklich bin, denke ich an den Spruch einer sehr guten Freundin: „Du bist doch immer wieder auf die Füße gefallen.“ Und dann denke ich: Ja, sie hat recht! Ein frischer Blick auf die schönen Dinge des Alltags – verbunden mit Demut vor dem Glück, gesund zu sein, geliebt zu werden und selbst Liebe geben zu können – das gibt mir die Kraft, positiv auf meinen kleinen Kosmos zu blicken.

Judith Janowski
Geschäftsführende Vorständin der Carl-Orff-Stiftung in Dießen am Ammersee


Nach ihrem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft begann Judith Janowski ihre Karriere an der Bayerischen Staatsoper. Nach einer Familienpause, in der sie ihre drei Kinder großzog, arbeitete sie bei einem Veranstalter für klassische Kinderkonzerte und übernahm die Geschäftsführung des ODEON-Jugendsinfonieorchesters, dem Patenorchester der Münchner Philharmoniker.

Anschließend war sie für die künstlerische Organisation und Programmgestaltung des Klassikfestivals AMMERSEErenade verantwortlich. Seit 2017 ist Judith Janowski Teil der Carl-Orff-Stiftung, zunächst als Generalsekretärin, bevor sie im Juni 2025 zur geschäftsführenden Vorständin berufen wurde. Darüber hinaus engagiert sie sich ehrenamtlich als Präsidentin des Rotary Clubs Ammersee.


Sind Sie eher von Musik oder von Literatur berührbar? Was beglückt Sie mehr, was tröstet eher?

Musik kann auch mal so nebenherlaufen und aus dem Hintergrund die Stimmung aufhellen oder trösten. der In Literatur muss man sich im Lesen richtig hineinversenken, dann ist es allerdings möglich in ganz andere Welten einzutauchen, und man findet dort Trost und Freude. Vermutlich würde ich für mich eine ganz andere Wahl treffen: Ein Hund. Bis vor einiger Zeit hatte ich einen Hund, der war immer da und konnte wunderbar trösten bzw. war eine Allzweckwaffe bei schlechter Stimmung. 

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Carl Orff hat sich einen sehr besonderen, spirituellen Ort für seinen Lebensabend ausgesucht. Er würde sein neues Museum vermutlich sehr lieben. Sein Geist ist dort überall spürbar!

Auf jeden Fall. Noch heute strahlt das Anwesen mit dem großen Garten eine besondere Atmosphäre aus. Der Blick auf See und Berge über die weiten Wiesen berührt jeden, der dort hinkommt. In unserer turbulenten Welt wirkt der Ort fast ein bisschen entrückt. Manchmal wundere ich mich, dass ich in diesen Zeiten in einem Büro mit Blick nach Andechs und auf das Marienmünster sitze und so etwas Wunderbares wie ein Museum realisieren darf. Ein Museum, welches den Menschen zum einen den großen Carl Orff mit seinen Werken näherbringen möchte und auf der anderen Seite die Freude am Musizieren und an kreativer Entfaltung anregen wird.


Wie würden Sie den speziell „bayerischen Geist und Spirit“ beschreiben – falls es so etwas überhaupt gibt?

Ich habe davon eine ziemlich kindliche, barocke Vorstellung: Ein weiß-blauer Himmel, Seen und Berge – und dazwischen natürlich eine Kirche mit Zwiebelturm. Aus der Ferne hört man die Klänge einer Blaskapelle und hat vielleicht den ein oder anderen Sketch von Gerhard Polt im Ohr.

Können Sie sich Bayern ohne Kirchen vorstellen?

Nein, gar nicht – und auch nicht ohne das Läuten der Kirchenglocken. Das möchte ich mir auch gar nicht vorstellen.

Was ist Ihre Lieblingskirche? Und welche Musik sollte dort unbedingt einmal erklingen?

Ich durfte in Ottobeuren die eine oder andere Bruckner-Symphonie erleben: Das riesige barocke Kirchenschiff und die monumentale Symphonik eines Anton Bruckner schaffen ein einzigartiges Gänsehaut-Erlebnis! Das ist vielleicht nicht meine „Lieblingskirche“ im eigentlichen Sinne, aber das Zusammenspiel von Musik und Kirchenraum hat mich tief berührt.

Monika Drasch
Artikel von Monika Drasch
Musikerin, Podcasterin
Alpenrock-Fans kennen sie als die Frau mit der Grünen Geige. "Lieder zwischen Himmel und Erde" heißt ihr monatlich erscheinender Podcast auf innehalten.de.