Achtsamkeit
11.08.2026


Draht nach oben

Kunst lebt vom Gefühl

Der Benediktinerpater Meinrad Dufner bietet Kreativexerzitien an. Er erklärt, wie wir beim Malen und Sägen, beim Töpfern und Nähen mit Gott in Verbindung kommen können. Und warum wir dafür wieder zum Kind werden müssen.
  

Eine Woche lang ziehen sich Menschen dafür in die Stille von Pater Meinrad Dufners Werkstatt zurück, schweigen, werden kreativ – und kommen dabei mit Gott in Verbindung. Eine Woche lang ziehen sich Menschen dafür in die Stille von Pater Meinrad Dufners Werkstatt zurück, schweigen, werden kreativ – und kommen dabei mit Gott in Verbindung. Foto: © istockphoto/TRAVELARIUM

„In erster Linie macht ihr hier keine Kunst: Das gebe ich den Leuten immer mit“, sagt Meinrad Dufner, während wir durch die Gänge der Abtei Münsterschwarzach gehen. „Kunst“, sagt Pater Meinrad, „das Wort hat zu viele Regeln.“ Wahre Kunst lebe vom fehlenden Perfektionismus, von Chaos und Gefühl.

Seit drei Jahrzehnten bietet der Benediktiner in Münsterschwarzach seine Kreativexerzitien an. Eine Woche lang ziehen sich Menschen dafür in die Stille von Dufners Werkstatt zurück, schweigen, werden kreativ – und kommen dabei mit Gott in Verbindung. Mal in Gruppen, mal allein. Sie sägen, malen, nähen, kleben, töpfern. Ohne Bewertung, ohne Lehrer, ohne Kontrolle. Die Exerzitien sind auf Jahre ausgebucht.

Eine Werkstatt voller Fundstücke

Wir verlassen das Abteigebäude und gehen durch den Garten, vorbei an einer Mühle und einer Goldschmiede, bis zur Werkstatt von Pater Meinrad – der Garage einer alten Tankstelle. Drinnen riecht es nach Holz, Acrylfarbe, Staub. An einem Tisch sitzt Schwester Maria. Darauf: Superkleber-Tube, Bastelschere, Papierschnipsel, Teppichmesser, Schwamm, Wasserglas mit Farbflecken und Pinsel. Mittendrin: ein Stück Totholz. 

Schwester Maria wischt sich die Hände an der Jeans ab und streckt mir die Hand entgegen. „Wow, ist das schön hier“, sage ich, bevor ich zum Hallo komme. Die Benediktinerin stimmt lachend zu und lässt den Blick durch den Raum schweifen. Über Kunstwerke, die sich über Jahre angesammelt haben. Skulpturen in den Ecken, Gemälde und Foto-Collagen an den Wänden. Kisten in deckenhohen Regalen und daneben. Sie sind voller Kram oder, wie Pater Meinrad (80) im tiefsten Alemannisch sagt: „Des isch alles Kruscht!“ Leere Plastik-Kaffeekapseln, Holzausschnitte, Stoffe, Drahtrollen, Ton. Irgendwo hängt ein löchriges Stück Stoff von der Decke. Hier holten die Teilnehmer der Exerzitien, was ihnen in die Hände fällt, sagt Pater Meinrad.
  

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Im Tun kommt irgendwann das Staunen

Schwester Maria ist für eine Woche zu Gast. Sie kommt gerade von einem Spaziergang zurück und hat dabei das Totholz gefunden, das sie nun weiterbearbeiten möchte. „Ich konzentriere mich nur auf das, was vor mir liegt“, sagt sie. „Im Tun kommt irgendwann das Staunen.“ Einmal habe sie einen Papierschnipsel im Lager entdeckt. „Vielleicht ist irgendwo Tag“, stand darauf. Der habe sie gedanklich eine Woche begleitet. Später landete er in einer Collage. 

„Mein Ziel ist, meine Christus-Verbundenheit zu stärken“, sagt Schwester Maria. Dafür müsse sie sich selbst nahekommen: „Dann komme ich Gott wieder nah.“ Wahrscheinlich erkennt sie die Skepsis in meinem Blick und sagt darum: „Es ist nicht so, dass ich neben dem Kunstmachen dauernd Rosenkranz bete oder Psalmen aufsage, aber ich gehe immer sehr erfüllt, sehr dankbar wieder nach Hause.“ Und das, obwohl es nicht einfach sei, eine Woche lang in der Stille zu arbeiten: „Wenn man offen ist, kommt manchmal etwas hoch, das man nicht sehen wollte oder verdrängt hat.“ Aber auch das sei heilsam, denn Themen wegzuschieben, sei nie gut.

Meinrad Dufner ist 1966 in die Benediktinerabtei Münsterschwarzach eingetreten. Seit 1990 ist er ständig künstlerisch tätig. In seinem Atelier und der Galerie der Abtei Münsterschwarzach werden seine Kunstwerke präsentiert. Meinrad Dufner ist 1966 in die Benediktinerabtei Münsterschwarzach eingetreten. Seit 1990 ist er ständig künstlerisch tätig. In seinem Atelier und der Galerie der Abtei Münsterschwarzach werden seine Kunstwerke präsentiert. Foto: © Lisa Discher

„Fast wie ein Gebet“

Pater Meinrad und ich lassen Schwester Maria in der Werkstatt zurück und gehen zu seinem Atelier. Es ist vollgestellt, überall ticken Uhren. Auf einem Sockel liegt ein altes, dickes Gesangbuch. Was einmal darin stand, ist nicht mehr zu erkennen. Pinselstrich für Pinselstrich hat Dufner die tausenden Seiten mit Acrylfarbe übermalt. Jede einzeln, mal grün, mal rot, mal blau, mal gelb. Ich fasse die Seiten an, blättere im bunten, wortlosen Werk. Was einst Papier war, fühlt sich durch die vielen Farbschichten an wie dickes Leder. „Fünf Jahre habe ich dafür gebraucht“, sagt Pater Meinrad. Meditativ sei das gewesen: „Fast wie ein Gebet.“

Wir setzen uns in den Ausstellungsraum. An der Wand hängen Selbstporträts von Pater Meinrad, die Konturen wacklig, die Farben knallbunt. Es wirkt chaotisch. Genau so sehe Kunst aus, wenn sie entsteht, sagt er: „Dann ist sie echt.“ Und so solle es der Mensch halten: Er müsse unverfälscht zu sich selbst stehen. „Trau dich, du selbst zu sein“, sagt er den Teilnehmern seiner Exerzitien. Je mehr der Mensch zeigen dürfe, wie er sei, desto näher komme er dem, der ihn so geschaffen hat. Wie das geht? „Indem man wie ein Kind sein darf“, sagt er. Im Kunstmachen sei das möglich. Da könnten Menschen loslassen.

Gott ist nicht da oben

„Aber wie spüre ich ihn denn dabei jetzt, den Draht zu Gott?“, frage ich und zeige nach oben, über meinen Kopf. Der Pater lacht und sagt: „Nicht da oben müssen Sie ihn finden.“ Er klopft mit beiden Händen auf seine Brust und sagt: „Hier drin müssen Sie ihn finden!“ Er selbst schaffe das, sobald er kreativ werde: „Wenn ich an meiner Kunst arbeite, sind das ganz andächtige Momente.“ Es fühle sich an wie ein Gespräch mit sich selbst – und mit Gott. 

Lisa Discher

Wie Sie Gott durch kreatives Arbeiten näherkommen


• Suchen Sie einen Ort, der dreckig werden darf und an dem Sie ungestört sind. 
• Arbeiten Sie mit dem, was Sie zu Hause haben. Kaufen Sie nichts Neues. 
• Verabschieden Sie sich vom Anspruch, etwas schön machen zu müssen. Der Prozess ist wichtig, nicht das Ergebnis. 
• Überlegen Sie nicht viel, fangen Sie an.
• Wenn Sie nicht wissen, wie: Gestalten Sie einen Bibelvers – mit Pinsel, Stift oder dem, was Ihnen in die Hände fällt. 
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