Achtsamkeit
16.03.2026

Tagebuch-Schreiben in der Fastenzeit: ein Weg zu innerer Klarheit und Wachstum

In der Fastenzeit sich mit einem Tagebuch selbst begegnen: Logotherapeutin Alexa Willems erklärt, warum Tagebuch-Schreiben gerade jetzt ein kraftvoller Weg zur inneren Klarheit ist.

Foto: © IMAGO / Panthermedia

An einem regnerischen Nachmittag, an dem ich im Abstellraum etwas suchte, fand ich zwischen vergilbten Kisten und Staub etwas, das ich längst vergessen hatte: mein altes, grün-rosafarbenes Tagebuch. Als ich es aufklappte, sprang mir der erste Eintrag entgegen, den ich mit 17 Jahren schwungvoll festgehalten hatte. Damals war ich voller Träume und Sehnsüchte, aber auch von der Unsicherheit eines jungen Lebens geprägt. Zu der Zeit notierte ich, dass ich eines Tages ein Buch veröffentlichen wollte. Es schien wie ein ferner Traum, etwas Unaussprechliches, etwas, das weit außerhalb meines Horizonts lag und ich nur meinem Tagebuch anvertrauen konnte – übrigens genauso, wie die Schwärmereien für einen Jungen aus dem Nachbarort.

Doch während ich diese Worte las, wurde mir plötzlich etwas klar: Das Tagebuch war nicht nur ein Ort der Aufzeichnung von Gedanken und Erlebnissen, es war vielmehr ein Begleiter gewesen, der mich immer wieder auf meinem Weg zurück zu mir selbst führte. Über die Jahre hinweg hatte ich es immer wieder geöffnet, um meine Gedanken und Gefühle zu sortieren, um den vielen Wendepunkten meines Lebens einen Rahmen zu geben. Dieses kleine grün-rosafarbene Buch hatte mehr über mich erzählt, als ich in all der Zeit erkannt hatte.

Warum die Fastenzeit genau der richtige Zeitpunkt ist, mit Tagebuch-Schreiben zu beginnen

Wenn wir über Tagebuch-Schreiben sprechen, denken viele an eine einfache Aufzeichnung von Ereignissen oder täglichen Aktivitäten. Doch das Schreiben über unsere Gedanken, Gefühle und Erlebnisse birgt weit mehr Potenzial. Es kann zu einem mächtigen Werkzeug der Selbstreflexion und emotionalen Heilung werden – besonders in der Fastenzeit. Diese besondere Zeit des Jahres, in der wir bewusst innehalten und uns von Überflüssigem trennen, bietet die perfekte Gelegenheit, sich selbst neu zu entdecken und zu klären, was wirklich wichtig ist. Fasten ist nicht nur eine körperliche Entlastung, sondern auch ein innerer Prozess der Reinigung und Besinnung. Das Tagebuch-Schreiben ermöglicht uns, nicht nur unseren äußeren Ballast loszulassen, sondern auch innere Konflikte und belastende Gedanken zu verarbeiten.

Dr. James Pennebaker, ein führender Psychologe, der die heilende Kraft des Schreibens intensiv erforscht hat, zeigt, dass das Schreiben über belastende oder traumatische Erlebnisse nicht nur eine Methode zur Verarbeitung von Emotionen ist, sondern auch tiefgreifende psychologische und körperliche Vorteile mit sich bringt. In seinen Studien hat er herausgefunden, dass das Schreiben – also das offene und ehrliche Niederschreiben von Gefühlen und Gedanken – hat signifikante positive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit. Menschen, die regelmäßig über ihre emotionalen Erlebnisse schreiben, erleben oft weniger Stress, eine höhere Lebenszufriedenheit und eine stärkere Resilienz. In der Fastenzeit, wenn der äußere Raum ruhiger und freier wird, ist es besonders leicht, den inneren Raum zu betreten und sich selbst auf einer tieferen Ebene zu begegnen.

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Der Unterschied zwischen
Tagebuch-Schreiben und Journaling

Obwohl die Begriffe „Tagebuch-Schreiben“ und „Journaling“ oft synonym verwendet werden, gibt es einen wesentlichen Unterschied. Während Tagebuch-Schreiben meist unstrukturiert und spontan ist, verfolgt Journaling einen klareren Fokus. Journaling ist oft zielgerichtet – sei es, um Ziele zu setzen, Achtsamkeit zu üben oder spezifische Themen zu reflektieren. Es ist eine bewusste Praxis der Selbstbeobachtung und -verarbeitung. In der Fastenzeit kann Journaling eine besonders wertvolle Unterstützung bieten, um sich auf persönliche Entwicklungsziele zu konzentrieren oder bewusst spirituelle und emotionale Themen zu hinterfragen.

Tagebuch-Schreiben hingegen ist häufig ein Prozess, der sich eher organisch entwickelt. Wir schreiben über alles, was uns gerade beschäftigt, über unsere Gedanken und Gefühle, ohne dass es einen bestimmten Plan gibt. Doch genau dieser offene Zugang macht das Tagebuch zu einem besonders wertvollen Raum für die Selbstreflexion. In der Fastenzeit, die oftmals mit der Suche nach innerer Klarheit und Ruhe verbunden ist, kann es unglaublich befreiend sein, einfach frei von jeglichen Vorgaben zu schreiben. Indem wir uns in dieser Zeit einfach „auf Papier bringen“, schaffen wir einen Raum für unsere ungestörten Gedanken und Gefühle, was zu einer tieferen inneren Auseinandersetzung führt.

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Die Fastenzeit ist also nicht nur ein äußerer Prozess der Entgiftung und des Verzichts, sondern auch eine Einladung, den inneren Dialog zu fördern und uns selbst besser
kennenzulernen. Indem wir uns in dieser besonderen Zeit dem Tagebuch-Schreiben widmen, schaffen wir einen Moment des Innehaltens, der es uns ermöglicht, den Blick nach innen zu richten. Ich nenne es gern auch „Happy Hour fürs Herz“.

Ich erinnere mich noch gut an die Jahre, in denen ich mich mit großen Herausforderungen konfrontiert sah. Es war eine Zeit, in der mein Tagebuch ein unverzichtbarer Freund wurde. Ich schrieb nicht nur über die Dinge, die passierten, sondern auch über das, was sie in mir auslösten. Durch das Schreiben fand ich Klarheit und Stärke, die ich anfangs nicht wusste, dass ich sie hatte.

Wenn du selbst in die Praxis des Tagebuchschreibens eintauchen möchtest, kaufe Dir ein schönes Buch oder eine Kladde, die dich anspricht und die du gerne in die Hand nimmst. Dann noch einen schönen Stift. Und dann leg einfach los. Nur zu.

Alexa Willems: Tagebuch-Schreiben ist ein Weg zu innerer Klarheit und Wachstum. Alexa Willems: Tagebuch-Schreiben ist ein Weg zu innerer Klarheit und Wachstum. Foto: © Rebecca Han


Und wenn du doch entlang hilfreicher Fragen mit dem Tagebuch schreiben beginnen möchtest, habe ich hier vier Reflexionsfragen für dich.

1. Welche Erfahrungen oder Ereignisse beschäftigen mich derzeit am meisten, und was habe ich daraus gelernt?
Diese Frage hilft dir, den Fokus auf das Wesentliche zu lenken und deine aktuellen Herausforderungen aus einer klaren Perspektive zu betrachten.

2. Welche Emotionen habe ich in letzter Zeit wiederholt erlebt, und was könnte der Ursprung dieser Gefühle sein?
Erkenne und reflektiere die wiederkehrenden Muster in deinen Gefühlen. Was versuchen diese Emotionen dir zu sagen?

3. Welche Träume oder Ziele habe ich, die mich antreiben, und wie kann ich sie verfolgen?
Diese Frage fördert die positive Ausrichtung auf deine Zukunft und hilft dir, deine langfristigen Wünsche greifbar zu machen.

4. Welche Beziehungen in meinem Leben sind mir am wichtigsten, und wie kann ich diese weiter pflegen?
Dies bringt dich dazu, über die Bedeutung von zwischenmenschlichen Verbindungen nachzudenken und zu reflektieren, wie du diese intensivieren kannst.

Das Tagebuch-Schreiben an besonderen Orten – vor allem in der Natur

Während ich mein Tagebuch durchblätterte, dachte ich auch daran, wie der Ort, an dem wir schreiben, unsere Gedanken beeinflussen kann. Besonders in der Natur hat das Schreiben eine fast magische Qualität. Ich habe oft an stillen Plätzen – in den Bergen, am Rand eines Waldes oder an einem ruhigen See – meine besten Einträge gemacht. Diese Orte helfen dabei, sich zu entspannen und den Kopf freizubekommen, während die Natur als stiller Begleiter wirkt. während die Natur selbst als eine
Art stiller Begleiter fungiert. Die Weite und Stille der Natur fördert die Achtsamkeit und ermöglicht es uns, unsere Gedanken klarer zu ordnen. Hier können wir unsere inneren Prozesse noch intensiver wahrnehmen und zu mehr Klarheit und unerschöpfliche Kreativität gelangen.

Tagebuch-Schreiben ist ein Abenteuer

„Es gibt kein größeres Abenteuer als das, sich selbst zu entdecken“ (Anonymous). Dieses Zitat fasst das Wesentliche des Tagebuchschreibens zusammen. Es geht nicht nur darum, Ereignisse zu dokumentieren, sondern sich auf eine Reise zu begeben – eine Reise zu uns selbst, auf der wir unsere Gedanken und Gefühle verstehen, verarbeiten und schließlich heilen können. Das Tagebuch ist unser ständiger Begleiter auf diesem Abenteuer der Selbstfindung und -heilung.

(Erstveröffentlichung: 08.04.2025)

Alexa Willems ist Inhaberin der Praxis für seelische Gesundheit und Psychotherapie in Xanten. Sie schreibt über Persönlichkeitsentwicklung und Selbstreflexion. Schon früh entdeckte sie ihre Leidenschaft für das Tagebuch-Schreiben – ein Werkzeug, das sie bis heute begleitet und inspiriert. Mit fundiertem psychologischem Wissen und einer Prise Lebenserfahrung ermutigt sie Menschen, sich selbst auf einer tieferen Ebene zu begegnen. Wenn sie nicht gerade in ihrer Praxis arbeitet, findet man sie in der Natur – denn genau dort entstehen die besten Gedanken.
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