Persönlichkeitsentwicklung
17.01.2026

Dankbarkeit ist trainierbar

Bestsellerautor Dominik Spenst zeigt, dass eine Haltung Leben verändern kann.
    

Foto: © AdobeStock - DimaBerlin

Dankbarkeit klingt harmlos. Nach Kalenderblatt, Tischgebet oder gut gemeintem Ratschlag. Und doch ist sie für viele Menschen heute ein Schlüsselwort auf der Suche nach mehr innerer Stabilität und Zufriedenheit. Einer, der aus eigener Erfahrung spricht, ist Dominik Spenst. Der Bestsellerautor und Entwickler des „6-Minuten-Tagebuchs“ hat Dankbarkeit nicht in einem Ratgeber entdeckt, sondern im echten Leben, in einer existenziellen Krise.

Der Wendepunkt kam nach einem schweren Unfall in Kambodscha. Spenst lag verletzt am Straßenrand, später wochenlang im Krankenhaus, zwölf Operationen, immer in Angst vor einer Amputation. „Ich hatte objektiv gesehen keinen Grund, mich gut zu fühlen“, sagt er rückblickend. Und doch begann sich etwas zu verändern. Nicht durch gute Nachrichten, sondern durch zwei einfache Fragen, die er sich täglich stellte: Wofür bin ich dankbar? Und wem habe ich heute etwas Gutes getan?

Was zunächst wie ein Versuch wirkt, sich selbst zu stabilisieren, hat eine tiefgreifende Wirkung. „Irgendwann haben mich Leute gefragt, warum es mir so gut geht“, erzählt Spenst. Er selbst habe den Zusammenhang erst nach und nach verstanden. Dankbarkeit, so lernte er, ist keine Reaktion auf ein gelungenes Leben. Sie ist eine Haltung, die den Blick verändert – auch mitten im Schmerz.

Dankbarkeit ist kein Gefühl, sondern eine Übung

Aus diesen Erfahrungen heraus entstand das Konzept des 6-Minuten-Tagebuchs, das inzwischen in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt ist. Drei Fragen am Morgen, drei am Abend – eine verdichtete Form dessen, was die Positive Psychologie als wirksam identifiziert hat. Doch Spenst betont: Es gehe nicht um das bloße Aufschreiben. „Dankbarkeit wirkt nur, wenn man sie fühlt.“

Viele Menschen, sagt er, behandelten Dankbarkeit wie eine Einkaufsliste: Job – abgehakt, Sonne – abgehakt. Das Gehirn reagiere darauf kaum. Entscheidend seien die Details, die persönlich berühren – und das bewusste Verweilen im Gefühl. Studien zeigen, dass es mindestens zehn Sekunden brauche, damit sich im Gehirn neue neuronale Verknüpfungen bilden. „Diese zehn Sekunden machen den Unterschied“, sagt Spenst. Kurz gedacht, schnell vorbei – das verändere nichts. Gespürt und ausgehalten hingegen schon.

Dass Schreiben dabei eine besondere Rolle spielt, überrascht ihn nicht. „Schreiben ist wie ein Fitnessstudio für Dankbarkeit.“ Es schafft Routine, aber auch Erinnerung. Wer über Wochen und Monate festhält, wofür er dankbar ist, entdeckt Muster: Beziehungen, Tätigkeiten, Momente, die wirklich nähren. Dankbarkeit wird so zu einer Art innerem Kompass.
     

Anzeige

Warum uns Dankbarkeit so schwerfällt

Dass Dankbarkeit vielen Menschen dennoch schwerfällt, hat für Spenst zwei Hauptursachen. Zum einen seien wir in einer Logik aufgewachsen, die Glück an Bedingungen knüpft: erst der Erfolg, dann die Zufriedenheit. „Ich war selbst jahrelang überzeugt: Wenn ich das habe, dann kann ich glücklich sein.“ Im Krankenhaus zerbrach diese Vorstellung. Nichts von dem, was er sich erträumt hatte, war da – und dennoch wuchs eine tiefe Zufriedenheit.

Zum anderen wirke in uns ein evolutionärer Negativitätsfokus. Das Gehirn reagiere stärker auf Kritik als auf Lob, auf Mangel stärker als auf Fülle. Was einst dem Überleben diente, erschwere heute das Wahrnehmen des Guten. Dankbarkeit sei deshalb nichts Natürliches, sondern etwas, das bewusst eingeübt werden müsse. „Man muss diesen inneren Miesepeter überlisten“, sagt Spenst.

Spenst, Dominik Das 6-Minuten-Tagebuch (opalblau)
Band 63365
Rowohlt TB., 2017
29,90 €
Versandkostenfrei in DE
Sofort lieferbar

Eine Haltung, die verbindet

In einer Gesellschaft, die auf Wachstum, Vergleich und Optimierung setzt, hält Spenst Dankbarkeit für notwendiger denn je. Sie hole ins Hier und Jetzt zurück, wirke der ständigen Unzufriedenheit entgegen – und habe auch eine soziale Dimension. „Dankbarkeit macht uns offener für andere Perspektiven“, sagt er. Angst und Wut, zwei Emotionen, die Debatten vergiften, würden durch Dankbarkeit abgeschwächt. Wer dankbar sei, könne zuhören, ohne sofort zu urteilen.

[inne]halten - das Magazin 03/2026

Das ist mir heilig

Leserinnen und Leser erzählen von ganz besonderen Gegenständen

Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.

Dankbarkeit – ein spirituelles Menschheitsthema

Dass Dankbarkeit mehr ist als ein moderner Selbstoptimierungstrend, zeigt ein Blick in die Religionen. Im Christentum ist sie zentral im Begriff der Eucharistie. Jüdische Berachot strukturieren den Alltag mit Segens- und Dankgebeten, im Islam gilt Schukr, die dankbare Anerkennung Gottes, als Grundhaltung des Glaubens. Buddhistische Traditionen wiederum betonen Genügsamkeit und Achtsamkeit für den gegenwärtigen Moment.

Spenst sieht darin weniger Unterschiede als Gemeinsamkeiten. „Dankbarkeit ist vielleicht eines der wenigen Themen, bei denen sich Religionen, Philosophen und heute auch die Wissenschaft einig sind.“ Entscheidend sei jedoch, ob Rituale lebendig bleiben. Wo Dank nur noch „abgerattert“ werde, verliere er seine Kraft. Wo er gefühlt werde, könne er tragen – unabhängig vom religiösen Kontext.

Ein Geschenk, das bleibt

Am Ende des Gesprächs erzählt Spenst von einem Moment am Morgen: Sonne auf dem Balkon, Kaffee mit seiner Frau, später ein ausgelassenes Spiel mit seinem vierjährigen Sohn. Kleine Szenen, nichts Spektakuläres – und doch tief erfüllend. Kinder, sagt er, seien die besten Lehrer der Dankbarkeit. Sie erinnern daran, wie viel Glück im Unscheinbaren liegt.

Vielleicht ist das der Grund, warum Dankbarkeit auch ein gutes Geschenk ist. Nicht als fromme Floskel, sondern als Einladung, den Blick zu verändern. „Der Schlüssel zu einem erfüllteren Leben ist Dankbarkeit“, sagt Dominik Spenst. „Man muss ihn nur drehen.“

Dankbarkeitsübung „Mentale Subtraktion“

  • Wähle einen Menschen oder etwas sehr Wichtiges.
    Das kann ein nahestehender Mensch sein, aber auch die eigene Gesundheit, ein Körperteil oder eine Lebenssituation.

  • Denke es bewusst weg.
    Stelle dir für einen Moment vor, dieser Mensch oder dieses Element wäre nicht Teil deines Lebens.
    Wie würde dein Alltag aussehen? Was würde fehlen?

  • Spüre die entstehende Lücke.
    Nimm die Leere oder Traurigkeit wahr – ohne sie zu bewerten.

  • Kehre ins Jetzt zurück.
    Mache dir bewusst: Das, was du gerade weggedacht hast, ist da. Jetzt. In deinem Leben.

  • Verweile in der Dankbarkeit.
    Spüre für mindestens zehn Sekunden, wie sich Dankbarkeit anfühlt. Erst dieses bewusste Verweilen entfaltet die Wirkung.

    Je bedeutsamer das „weggedachte“ Element ist, desto stärker kann die Übung wirken. Sie lenkt den Blick nicht auf Neues, sondern auf das, was bereits trägt. Wichtig ist es, wirklich zu fühlen!

Innehalten-Leseempfehlung
Linda Burkhard
Artikel von Linda Burkhard
Radioredakteurin, Moderatorin und Channel-Managerin
Verantwortet die Zulieferung an externe Radiosender, berichtet über aktuelle und bunte Themen rund um Kirche und Glaube aus ganz Bayern.