Achtsam reisen
Lokale Restaurants, kleine Hotels und regionales Handwerk stärken die Menschen vor Ort. Reisejournalist Philipp Laage erklärt, wie verantwortungsvolles Reisen im Alltag gelingt.
Touristen vor der Kathedrale Notre-Dame in Paris. Foto: © Corinne Simon/KNA
Reisen verändert nicht nur diejenigen, die unterwegs sind. Es verändert auch die Orte, an denen sie ankommen. Wie stark dieser Einfluss inzwischen geworden ist, zeigt sich weltweit: steigende Mieten, überfüllte Innenstädte und Einheimische, die sich gegen den Massentourismus wehren. Für Journalist und Autor Philipp Laage beginnt verantwortungsvolles Reisen deshalb lange vor der Abreise.
„Es gibt einige Stellschrauben, an denen jeder ansetzen kann", erklärt der Reise-Experte. Eine der wichtigsten Entscheidungen betreffe die Unterkunft. Gerade in Städten mit angespanntem Wohnungsmarkt sollte man überlegen, ob es wirklich eine Ferienwohnung im historischen Zentrum sein muss. Plattformen wie Airbnb wird zur Last gelegt, dass vielerorts Wohnungen dem regulären Wohnungsmarkt entzogen und stattdessen als Ferienwohnungen kurzfristig vermietet werden.
„Ich kenne viele Menschen meiner Generation, die grundsätzlich Ferienwohnungen buchen und sich gleichzeitig in vielen gesellschaftlichen Fragen sehr bewusst verhalten", weiß Philipp Laage. Dass sie mit dieser Entscheidung möglicherweise selbst Teil eines Problems werden, gerate dabei oft aus dem Blick. „Deshalb kann das klassische Hotel manchmal die bessere Wahl sein."
Urlaubsreise: Hotel statt Ferienwohnung
Aus diesem Grund empfiehlt Laage, häufiger kleine Hotels oder familiengeführte Pensionen zu wählen, besonders, wenn es um Reiseziele außerhalb Europas gehe. In einem inhabergeführten Hotel bleibt nach seiner Erkenntnis meist ein größerer Teil des Geldes direkt vor Ort.
Dasselbe gelte für die Gastronomie, betont der Reisejournalist. „Wer in kleinen, familiengeführten Restaurants isst statt in internationalen Ketten, unterstützt die lokale Wirtschaft unmittelbar." Aus dem gleichen Grund empfiehlt er bei Souvenirs, nach regionalem Kunsthandwerk oder landestypischen Produkten zu suchen.
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„Die Rolle als Tourist anerkennen"
Ebenso wichtig ist für Laage die eigene Haltung. „Ich glaube, wir sollten unsere Rolle als Touristen ehrlich anerkennen. Aus Sicht der Menschen vor Ort sind wir Touristen - unabhängig davon, ob wir mit dem Rucksack unterwegs sind oder an einer Pauschalreise teilnehmen."
Authentische Begegnungen könnten deshalb nicht eingefordert werden. „Ich selbst habe wunderbare Erfahrungen gemacht, wurde zum Essen eingeladen oder spontan zu Festen mitgenommen", erinnert sich der Journalist. „Solche Erlebnisse sind etwas Besonderes. Aber sie sollten nicht als Selbstverständlichkeit betrachtet werden." Er plädiert dafür, ohne Anspruchshaltung zu reisen und solche Begegnungen als Geschenk zu begreifen, nicht als etwas, das einem zusteht.
Verantwortung durch bewusste Entscheidungen
Dass man letztlich immer Tourist ist, hat nach Meinung von Philipp Laage auch ganz praktische Konsequenzen. „Ich würde zum Beispiel nicht wegen kleiner Geldbeträge auf einem Markt handeln, nur um denselben Preis zu erzielen wie Einheimische." Natürlich solle man sich nicht übervorteilen lassen, aber man müsse sich auch bewusst machen, dass man in der Regel über deutlich mehr finanzielle Möglichkeiten verfügt. „Man ist eben kein Einheimischer - auch wenn heute oft der Slogan 'Travel like a local' propagiert wird."
Verantwortungsvolles Reisen bedeute deshalb nicht Verzicht. Niemandem solle deshalb ein Urlaub mit Pool oder ein All-inclusive-Hotel für Familien ausgeredet werden, so Laage. Es gehe vielmehr darum, bewusster zu entscheiden, wohin das eigene Geld fließe und welche Folgen das eigene Verhalten habe. Journalist und Autor Philipp Laage rät dazu, man solle sich letztlich bei jeder Ausgabe fragen: Wo kommt mein Geld am ehesten den Menschen zugute, die hier leben?
Achtsam reisen: acht Tipps von Philipp Laage
1. Den eigenen Reisekompass finden: Nicht jedem Trend folgen, sondern überlegen: Was interessiert mich an diesem Ort wirklich? Reisen werden intensiver, wenn sie den eigenen Interessen entsprechen.
2. Weniger planen: Nicht jede Stunde des Urlaubs verplanen. Freiräume lassen Platz für spontane Entdeckungen und echte Erholung.
3. Langsamer unterwegs sein: Auch die Anreise gehört zur Reise. Zugfahrten oder andere langsamere Verkehrsmittel schaffen Zeit zum Beobachten, Nachdenken und Ankommen.
4. Das Smartphone öfter beiseitelegen: Navigation, Bewertungen und soziale Medien können hilfreich sein – verhindern aber oft, dass Reisende Orte mit eigenen Augen entdecken. Deshalb: öfter den Flugmodus einschalten.
5. Kleine Unterkünfte bevorzugen: Familiengeführte Hotels oder Pensionen sorgen häufig dafür, dass mehr Geld in der Region bleibt als bei internationalen Hotelketten oder Ferienwohnungen, die Wohnraum verknappen können.
6. Vor Ort einkaufen und essen: Lokale Restaurants, kleine Geschäfte und regionales Kunsthandwerk stärken die Wirtschaft am Urlaubsort und kommen den Menschen vor Ort direkt zugute.
7. Die Rolle als Gast annehmen: Authentische Begegnungen lassen sich nicht erzwingen. Wer respektvoll und ohne Anspruchshaltung reist, erlebt häufig die schönsten Begegnungen.
8. Nicht nur Highlights abhaken: Weniger Sehenswürdigkeiten, dafür mehr Zeit an einem Ort: Das schafft tiefere Eindrücke als der Versuch, möglichst viele Attraktionen in kurzer Zeit abzuhaken.



