Auszeiten im Alltag
Die Kraft der Unterbrechung
Dekan Engelbert Dirnberger ist Pfarrer und Coach. Im Interview spricht er über den Rhythmus der Natur, achtsame Auszeiten im Alltag, spirituelle Tiefe zwischen Kochtöpfen – und verrät, wie Pausen kraftvoller, kreativer und menschlicher machen.
Das Bedürfnis nach Pausen variiert von Mensch zu Mensch. Wichtig ist zu spüren, wann man eine Unterbrechung braucht. Foto: © AdobeStock/DimaBerlin
Was würden Sie jemandem raten, der sagt: „Für Pausen habe ich keine Zeit“?
Ich würde mit diesen Menschen gern über seine Wertigkeiten im Leben reden wollen, denn Zeit haben tun wir ja sowieso nicht. Wenn, dann nehmen wir uns Zeit für Dinge, die uns wichtig sind. Selbst jemand, der sagt: „Die Arbeit ist mir besonders wichtig“, wird früher oder später auch auf das Thema Pausen kommen, denn die helfen uns ja, dass wir effektiv sind, dass wir kreativ sind, was letztendlich alles auch der Arbeit dient.
Sie haben es gerade schon angedeutet: Warum sind Pausen wichtig?
Wenn man in die Natur schaut, dann findet man dort sehr eindrücklich den Zyklus des Lebens. Es geht im Frühling los, da sammeln die Pflanzen Kraft und treiben aus. Das geht dann weiter in den Sommer, wo die Pflanzen blühen, ihre ganze Pracht zeigen. Es geht über in den Herbst, wo das Thema Ernte und Reife da ist. Und dann kommt der Winter. Er ist die Brache, die Ruhezeit, damit im Frühling wieder genug Energie da ist, um neu auszutreiben.
Dieser Zyklus des Lebendigen findet sich letztlich überall und dem können auch wir Menschen uns nicht entziehen. Ob das nun über ein Jahr hinweg ist, wo es immer auch wieder den Winter braucht als Ruhezeit, oder an einem Tag oder in einem Monat – wir brauchen auch als Menschen Unterbrechungen, damit wir gut im Leben sein können.
Wie oft sollte man Unterbrechungen einlegen, zum Beispiel im Laufe eines Tags? Und wie lang sollten diese dauern?
Das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Die einen kommen relativ gut mit kurzen Biopausen aus, ein anderer muss vielleicht um den Block gehen, damit er wieder neue Gedanken sammeln kann. Entscheidend finde ich die Wahrnehmung. Also: Nehme ich wahr, dass ich gerade eine Pause brauche? Und nehme ich wahr, was mir in dieser Pause guttut?
Was wäre das zum Beispiel? Haben Sie konkrete Tipps für die Pausen-Gestaltung?
Auch das ist individuell zu beantworten. Ich erlebe unser Handy als einen der großen Pausenfresser und Pausenvernichter. Wenn ich mit der U-Bahn fahre, gibt es kaum einen Menschen, der nicht mit seinem Smartphone beschäftigt ist. Solche Fahr- oder Wartezeiten sind natürliche Pausen, die wir haben könnten. Ich habe mir vorgenommen, dass ich das Handy möglichst oft stumm in der Tasche behalte, es weder auf den Tisch lege noch bei solchen U-Bahn-Fahrten in die Hand nehme, sondern einfach mal schaue: Was ist denn so da? Was wird? Was geht? Was ist?
Persönlich, muss ich sagen, habe ich natürlich als Pfarrer das Glück, im Schatten eines Kirchturms zu leben und zu arbeiten. Oft höre ich die Glocken nicht. Aber wenn ich sie wahrnehme, dann will ich sie auch gerne nutzen als Einlader für eine Unterbrechung, für eine Pause. Da bete ich jetzt nicht regelmäßig den „Engel des Herrn“, das kommt schon auch vor, sondern am liebsten höre ich einfach nur den Glocken zu, eine Minute oder so. Dann war das schon mal so ein Pausenmarkierer für mich und danach geht es wieder gut weiter.
Auch hier spielt dieser Zyklus des Lebendigen eine Rolle, der sich ja auch schon im Schöpfungsbericht zeigt, mit dem siebten Tag. Auch hier wird es wieder sehr unterschiedlich sein. Für den einen ist eine anstrengende Bergtour eine gute und erholsame Pause vom Alltag und für den anderen ist es vielleicht der Nachmittag auf der Couch mit Lieblingsmusik oder einem schönen Buch. Man sollte einfach schauen: Was ist die Wirkung? Tut es mir gut? Bin ich danach tatsächlich erholt? Sind die Batterien wieder aufgeladen oder nicht? Wenn nicht, dann sollte man etwas anders machen.
Im Schöpfungsbericht heißt es: „Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk erschaffen hatte.“ Auch Jesus hat sich regelmäßig zum Gebet zurückgezogen. Welche Bedeutung haben Pausen für die Spiritualität?
Die heilige Teresa von Ávila hat angeblich mal gesagt: „Gott ist auch zwischen den Kochtöpfen.“ Das heißt nichts anderes, als dass wir Gott nicht außerhalb unseres Alltags denken sollten, sondern dass wir ihn im Alltag in jeder Sekunde bei jedem Atemzug unseres Lebens mitdenken müssen. In der Gegenwart Energie und Kraft Gottes zu leben, ist ja letztlich auch das Ziel der spirituellen Wege, ja ist Spiritualität schlechthin – und nicht am Sonntag für eine Stunde in die Kirche zu gehen. Das „zwischen den Kochtöpfen“, wie Teresa von Ávila es beschreibt, will wahrgenommen werden und das geht – wie in jeder Beziehung – dadurch, dass man miteinander Zeit verbringt.
So ist auch die Beziehung zu Gott eine lebendige, wenn wir Zeit schenken für diese Beziehung. Pausen und Unterbrechungen, Wahrnehmen von Gottes Gegenwart sind Beispiele dafür. Aber die spirituellen Wege zu diesem Leben in der Gegenwart Gottes werden so vielfältig sein, wie die Menschen es sind. Das beginnt mit der einfachen Stille, kann übers Herzensgebet gehen bis hin zu den liturgischen Angeboten der Kirche und vielen Beispielen mehr.
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Würden Sie sagen, Gott „unterbricht“ uns manchmal bewusst – durch bestimmte Ereignisse, Krisen oder Krankheiten? Oder würden Sie das eher nicht so formulieren?
Eher nicht. Stellen Sie sich vor, Sie würden Eltern eines krebskranken Kindes sagen, dass diese Krankheit von Gott geschickt ist, damit die Eltern eine Unterbrechung ihres Alltags erfahren. Das hielte ich für einen ziemlichen Unsinn.
Wir Menschen haben natürlich das Bedürfnis, den Dingen, die uns widerfahren, einen Sinn und eine Bedeutung zu geben. Das hat aber zunächst nichts mit Gott zu tun. Wenn wir an unsere Grenzen kommen, dann, glaube ich, kommen wir auch in die Nähe Gottes, einer größeren Kraft, einer weiterreichenden Energie, einer allumfassenden Liebe. So würde ich es eher sehen. Also: meine eigene Ohnmacht erfahren und gleichzeitig die liebende Nähe Gottes suchen und im Idealfall auch spüren können.
Die bald beginnende Fastenzeit ist ebenfalls eine Unterbrechung. Wie lässt sich diese gut gestalten?
Zum einen lade ich ein, möglichst wenige Fastenvorsätze zu fassen, sondern möglichst nur ein, zwei, aber dann so konkret, dass eine gewisse Chance besteht, dass man sie umsetzt. Und dann würde ich weniger auf die Frage fokussieren: Was lasse ich denn weg?, sondern auf die Frage: Was kriege ich denn dann?
Konkretes Beispiel: Sie fassen den Fastenvorsatz: „Ich höre jetzt mit dem Rauchen auf.“ Das kann man sich vornehmen, aber zunächst einmal kann man es sich schwer vorstellen. Sich vorstellen lässt sich dagegen, was dann Positives da ist, dass ich zum Beispiel am Morgen mal auf die Terrasse trete, durchatme, ohne einen Hustenanfall zu kriegen. Oder dass ich das gesparte Geld, wenn ich nicht mehr rauche, bei einem festlichen Essen mit einem lieben Menschen einsetze. Wie das sein wird, wenn wir da zusammen sind und ein schönes Essen genießen und unsere Gemeinschaft gestärkt wird, das kann man sich vorstellen. Also das meine ich damit, wenn ich sage: nicht so fokussieren auf das, was man weglässt, sondern sich auf das konzentrieren, was im Positiven da ist, wenn der Fastenvorsatz umgesetzt ist.
Dekan Engelbert Dirnberger leitet den Münchner Pfarrverband Obergiesing und arbeitet als Coach und Supervisor. Foto: © Erzbischöfliches Ordinariat München/Lennart Preiss
Alles,
was in uns hochkommt, ist ja zunächst schon mal in uns da. Und wenn es
in uns da ist, wird es auch eine Wirkung haben. Wenn es eine positive
Wirkung hat, haben wir kein Problem damit. Hat es negative Wirkungen,
dann ist die Frage: Will ich auf Dauer damit leben? Es gibt gute Gründe,
warum Menschen traumatisierende Ereignisse verdrängen, weil sie im
Moment zu schmerzhaft oder nicht bearbeitbar sind.
Ich bin kein
Psychologe, aber ich glaube, dass es im Leben immer wieder Zeiten und
Anlässe gibt, wo man Dinge, die man vielleicht gut verschlossen und
aufgeräumt hat, in sich hervorholen und anschauen kann. Das ist oft erst
Jahre nach einem Ereignis. Das kann man selber machen. Manchmal hilft
es auch, wenn gute Freunde oder Bekannte mit zuhören.
Wenn man aber
Angst hat, dann würde ich raten, dass man nicht davor zurückschreckt,
sich professionelle Hilfe zu holen. Das kann bei Seelsorgerinnen und
Seelsorgern sein, das kann bei Coaches sein, das kann natürlich auch bei
Psychotherapeutinnen oder Psychotherapeuten sein.



