Vom Luxus, langsamer zu werden
Der Winter bringt nicht nur Kälte mit sich, sondern auch eine ganz eigene Stimmung. Viele Menschen fühlen sich ausgebremst. Doch das muss nichts Schlechtes sein. Im Gegenteil: Die Theologin und Qigong-Trainerin Susanne Schwarzenböck zeigt, warum Entschleunigung und ein neuer Rhythmus im Winter zur Chance für Körper und Spiritualität werden können.
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Wenn es draußen dunkel und kalt ist, dann ziehen sich viele zurück. Müdigkeit ist ein ständiger Begleiter, Sportroutinen lassen sich vielleicht nicht aufrechterhalten, und die Lust auf deftiges Essen steigt. Das steht im Gegensatz zu unserer Kultur, in der Aktivität und Produktivität oft im Vordergrund stehen. Susanne Schwarzenböck aus dem bayerischen Weyarn ist Theologin und Qigong-Trainerin und sieht in der Wintermüdigkeit ein Geschenk.
Energiehaushalt im Winter
Im Winter verändern sich unser Energiehaushalt, der Hormonspiegel und das Schlafbedürfnis. Die Müdigkeit sei aber kein Defizit, sondern ein Signal unseres Körpers, dass wir uns wieder mehr der Natur anpassen, beschreibt sie den Vorgang. Sie sieht darin eine Einladung zu einer anderen Art des Seins. In der Natur ist der Winter Zeit der Regeneration:
„Wenn die Natur sich zurücknimmt, darf ich das auch.“
Es sei ungesund, sich auf Dauer immer einem anderen Rhythmus zu unterziehen, sagt Schwarzenböck.
Körperbewusstsein als Tor zur Spiritualität
Durch bewusste
Zentrierung entstehe auch wieder ein neuer Raum. Der Körper kann Tor zur
Spiritualität sein, so die Theologin. Spiritualität sei nichts
Abstraktes: „Jede spirituelle Erfahrung findet erst einmal über den
Körper statt – über Atmen, den Herzschlag und Entspannung.“ Präsenz
verschafft einen besseren Zugang zu uns selbst.
Qigong-Trainerin Susanne Schwarzenböck. Foto: © privat
Durch Rituale den eigenen Rhythmus finden
Rituale helfen dabei, den eigenen Rhythmus zu erkennen. Es geht darum, sich in Ruhe Zeit für sich zu nehmen. Schwarzenböck rät dazu, sich regelmäßig bewusst einen Termin mit sich selbst auszumachen. Das kann Zeit für eine Atemübung sein, eine Tasse Tee oder Zeit für das Lesen eines Textes.
Qigong und Entschleunigung
Sie selbst macht morgens regelmäßig eine Qigong-Übung. Dabei werden langsame, fließende Bewegungen, bewusste Atmung, Konzentration und Meditation miteinander kombiniert. Diese bewussten Übungen zwingen zur Verlangsamung. Die Körperprozesse könnten sich wieder regulieren, die Atmung wird bewusster, die Muskeln entspannen sich, und die Stresshormone werden reduziert. Wenn der Alltag schneller ist als die Biologie, dann könnten Körper und Geist so wieder nachkommen. Es sei, als ob man wieder in dem Tempo existieren darf, in dem man eigentlich existieren will und das einem auch guttut, beschreibt Susanne Schwarzenböck die Erfahrung.
[inne]halten - das Magazin 25/2025
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Akzeptanz statt Selbstoptimierung
Es gehe darum, sich so anzunehmen, wie man gerade in dem Moment ist. Weg von der Selbstoptimierung, die von außen oft vorgegeben wird. Es geht nicht um Leistung, sondern um Akzeptanz, ein „inneres Ja“ zur Wirklichkeit. Das sei nicht gleichzusetzen mit Gleichgültigkeit oder Resignation. Sie spricht von Akzeptanz als Barmherzigkeit mit sich selbst. Wer herzlich mit sich selbst verbunden sei, wird auch gütig.
Wenn einem bewusst ist, was einem wichtig ist und was einem guttut, kann sich das auch auf das Miteinander mit anderen auswirken. Das Gefühl der Sanftmut entsteht – eine „reife geistige Haltung“.
Den Winter genießen: der Luxus der Langsamkeit
Im Winter werden wir langsamer. Statt dagegen anzukämpfen, lohnt es sich, die Perspektive zu wechseln und den Luxus in der Zeit zu sehen. Und sie zu genießen. Denn – so Schwarzenböck – „wer nicht genießt, wird ungenießbar.“



