Glaubenswelten
27.07.2026

Kirchen suchen eine neue Zukunft

Was tun, wenn die Zahl der Katholiken sinkt, die Zahl der Kirchen 
aber nicht? Im Ruhrbistum suchen sie nach Antworten auf diese Frage - 
und sind inzwischen zu Pionieren beim Umgang mit Kirchenimmobilien 
geworden.
    

Die Kirche Sankt Bonifatius in Gelsenkirchen macht mit beim Kunst-Event Manifesta 16 Ruhr. Die Kirche Sankt Bonifatius in Gelsenkirchen macht mit beim Kunst-Event Manifesta 16 Ruhr. Foto: © Joachim Heinz/KNA

„Stelle meine Kirche wieder her“ – in der Bochumer Christ-König-Kirche klingt der über einem Seitenaltar angebrachte Ruf Gottes an den heiligen Franziskus angesichts der aktuellen Lage ein wenig nach Galgenhumor. Seit 2019 steht der imposante Backsteinbau mit dem wuchtigen Turm weitgehend leer. Denn im Ruhrgebiet befindet sich die Kirche auf dem Rückzug – zumindest was die Präsenz im öffentlichen Raum und die Zahl der Kirchenmitglieder anbelangt.  

Bochum gehört zum katholischen Bistum Essen. Der dortige Leiter der Bauabteilung, Klaudius Krusch, illustriert die Entwicklung anhand von zwei Zahlen. Im Jahr 2007 gab es zwischen Duisburg am Rhein und Altena im Sauerland 360 Kirchen, die ausschließlich für Gottesdienste genutzt wurden. Bis 2030 sollen davon noch 90 übrig bleiben.  

Und der Rest? Wurde beziehungsweise wird entweder abgerissen oder umgenutzt – zumindest teilweise. „Wir sind im bundesweiten Vergleich Pioniere“, sagt der 54-Jährige. 

„Wertvolle Orte“

In anderen Bistümern würde die Stellenbezeichnung von Krusch „Diözesanbaumeister“ lauten. In Essen sind der Architekt und sein Team eher damit beschäftigt, mit den Gemeinden als Eigentümern der Kirchen, Pfarrheime oder Kindergärten über neue Nutzungskonzepte nachzudenken und potenzielle Investoren für die Immobilien und Grundstücke zu gewinnen – vorzugsweise im Paket. Alles außer der Kirche zu verkaufen, hält Krusch für wenig sinnvoll. „Die kriegen Sie dann nicht mehr los.“ 

Für Käufer und Verkäufer gibt es eine eigene Homepage. Unter immobilienraum.ruhr stellt das Bistum „wertvolle Orte“ vor, „die wir gemeinsam entwickeln können“. Über die Christ-König-Kirche heißt es: „Die katholische Propsteipfarrei St. Peter und Paul beabsichtigt, das rund 5.000 Quadratmeter große Grundstück im Rahmen eines strukturierten Interessenbekundungsverfahrens für eine nachhaltige und zukunftsfähige Entwicklung zu öffnen.“ Klingt etwas abstrakt. Die Investitionen liegen üblicherweise im sechs- bis siebenstelligen Bereich, verrät Krusch.
    

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Der Traum vom Theaterzentrum

Propst Michael Ludwig wähnte sich in Bochum schon einmal fast am Ziel. Das Gotteshaus aus den 1930er-Jahren sollte zu einem Theaterzentrum werden – mit dem Deutschen Forum für Figurentheater und Puppenspielkunst Fidena als Aushängeschild. „Hätte alles gut gepasst“, sagt Ludwig. Aber dann machte die Stadt einen Rückzieher. Sie hätte einen guten Teil der Kosten schultern müssen.  

Die Kommunen sind klamm. Und das Problem ist weniger der Erwerb an sich, wie Propst Ludwig weiß. „Es sind eher die Folgekosten.“ Allein für den Unterhalt werden schnell mehrere Zehntausend Euro im Jahr fällig. Hinzu kommen Sanierungsarbeiten. Eine neue Heizung etwa würde mit mindestens 60.000 Euro zu Buche schlagen. Noch etwas anderes kommt hinzu: Auch die evangelische Kirche trennt sich von immer mehr Immobilien. Das Angebot ist größer als die Nachfrage.

Herbergen für das Kunst-Event Manifesta

Einstweilen wird Christ König als Kunstkirche genutzt und ist derzeit Ausstellungsort der alle zwei Jahre an wechselnden Orten in Europa stattfindenden Manifesta, auf der sich zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler präsentieren.  

Rund 15 Kilometer nordwestlich hat ein Besitzerwechsel bereits stattgefunden. Sankt Bonifatius in Gelsenkirchen-Erle gehört inzwischen einem örtlichen Bäcker. Der neue Inhaber wollte in dem Bau ursprünglich eine Backstube unterbringen. Doch das hat nicht geklappt. Eine schmucke Filiale steht nun vor der Kirche – die sich ebenfalls an der Manifesta beteiligt.  

Am Eingang empfängt Rita Krossa die Besucher. Sie ist ganz in der Nähe aufgewachsen. „Natürlich tut es mir ein bisschen weh, wenn Kirchen aufgelassen werden“, sagt die 63-jährige Katholikin. Es gehe ja nicht nur um die Bauten. Die Mauern bergen Erinnerungen: an die Zeit als Messdienerin, an die Feten im Pfarrheim, an den Zusammenhalt in der Gemeinde. Der ist bröckelig geworden, sagt Krossa, die sich unter anderem als Bezirksverordnete für die SPD engagiert.

Am Ball bleiben

Mut macht ihr, dass die Manifesta Neugierige anlockt. Zwei Düsseldorferinnen schauen sich gerade im Innenraum um. Ein älterer Mann kommt auf Krossa zu. Offensichtlich stammt er aus der Nachbarschaft. „Habt ihr auch wat für Kinder?“, will er wissen.  

Krossa verweist auf den eigens im Rahmen der Manifesta angelegten Teegarten vor der Kirche, der Treffpunkt für Jung und Alt ist. Und die Mitmachaktionen. Besucher können Blätter und Blüten von Pflanzen, die zur Teebereitung geeignet sind, in einen Beutel packen, mit einer Botschaft versehen und im Vorraum aufhängen. „Möge mein kleiner Enkel Anton in Frieden aufwachsen können“, steht auf einem Zettel.  

Die Manifesta läuft bis zum Herbst, erklärt Krossa dem Mann. „Wat nach Oktober kommt – dat würd’ mich mal interessieren“, entgegnet der. Damit dürfte er nicht der Einzige sein. Doch für die Umnutzung von Kirchen braucht es einen langen Atem. „Im Schnitt vier Jahre bis zu einer Vertragsunterzeichnung und noch einmal drei Jahre bis zur Realisierung eines Projekts“, sagt Bauabteilungsleiter Krusch. Seit Corona seien Investoren überdies vorsichtiger geworden.

Studierende zeigen Interesse

Von einer Aktion wie der Manifesta erhofft er sich zusätzliche Impulse. Gerade war eine Gruppe Studierender aus Wien in seiner Abteilung zu Gast, um sich über die Umnutzung von Kirchen zu informieren. Im benachbarten Erzbistum Paderborn haben angehende Architektinnen und Architekten der Fachhochschule Dortmund ein Nutzungskonzept für die ehemalige Kirche Sankt Georg in Hamm entwickelt. 

Solche Projekte böten die Chance, „gesellschaftlichen Wandel räumlich zu gestalten“, sagt der Dortmunder Professor Jost Haberland. Ziel müsse sein, „Kirchen als öffentliche Orte zu erhalten – als Räume der Begegnung, des Austauschs und des gesellschaftlichen Miteinanders“.  

Das hat sich auch das Kirchenmanifest des Vereins Baukultur Nordrhein-Westfalen auf die Fahnen geschrieben. Wer Kirchen allein privatwirtschaftlich und als Immobilien betrachte, werde der gemeinschaftsstiftenden Rolle der Bauten nicht gerecht. Die mehr als 16.000 Unterzeichner fordern eine Stiftung, um die Kirchen zu erhalten. 

No-Go-Area war gestern

Klaudius Krusch ist mit diesem Vorstoß nicht so glücklich. Er empfindet das Kirchenverständnis der Initiatoren als zu eng. Für die Entwicklung wirklich neuer Ideen sei es eher hinderlich. Lieber kommt er gerade noch mit auf einen Sprung in die Kirche Sankt Gertrud am Viehofer Platz in der Essener Innenstadt.  

„Das war bis vor Kurzem noch eine No-Go-Area“, sagt er. Jetzt hat sich dort die private Hochschule der bildenden Künste Essen HBK niedergelassen; die Stimmung rund um den Viehofer Platz ändert sich. „Eine Hochschule in einer Kirche – das hat wirklich Seltenheitswert“, so Krusch. Er klingt in diesem Moment ziemlich zufrieden.  

Joachim Heinz


Manifesta

Das derzeit im Ruhrgebiet laufende Kunst-Event Manifesta 16 Ruhr mit seinem Motto “Das ist keine Kirche” hat bis Ende Juli die 50.000er-Marke bei den Besuchern geknackt. Noch bis zum 4. Oktober können Interessierte in zwölf Kirchen beziehungsweise ehemaligen Kirchen in Gelsenkirchen, Essen, Bochum und Duisburg zeitgenössische Kunst erleben oder an Mitmachaktionen teilnehmen (manifesta16.org/de). 
 
Die Manifesta bringt alle zwei Jahre zeitgenössische Kunst in wechselnde Städte und Regionen Europas. Die Veranstalter verstehen die Manifesta als eine “dynamische Plattform für den kulturellen Austausch auf dem gesamten Kontinent”. Die erste Manifesta fand im Sommer 1996 in der niederländischen Hafenmetropole Rotterdam statt. Hinter dem Kunst-Event steht die International Foundation Manifesta mit Sitz in Amsterdam. 

KNA
Artikel von KNA
Katholische Nachrichten-Agentur
Die Katholische Nachrichten-Agentur wird von der kath. Kirche getragen mit Sitz in Bonn.