Fastenzeit und Ramadan: Sich öffnen für das, was bleibt
Für Ahmad Milad Karimi bedeutet Fasten eine Reduzierung des Lebens, die einen frei werden lässt für das Wesentliche. Welche Chancen der Verzicht bietet, darüber hat der Münsteraner Islamwissenschaftler mit Pater Anselm Grün ein Buch geschrieben.
Professor Ahmad Milad Karimi (rechts) hat gemeinsam mit Pater Anselm Grün ein Buch über das Fasten geschrieben. Foto: © Julia Martin/Abtei Münsterschwarzach
Sie haben mit Pater Anselm Grün ein Buch über das Fasten verfasst. Was hat Sie dazu bewogen?
Mit Pater Anselm Grün führe ich schon seit einiger Zeit einen interreligiösen Dialog, den wir in einigen Büchern vertieft haben. Uns war wichtig, nicht immer über den interreligiösen Dialog und über Möglichkeiten, wie Christen und Muslime sich begegnen können, zu sprechen, sondern dies wirklich auch ganz konkret zu machen. Eines der bedeutendsten Phänomene sowohl im Christentum als auch im Islam ist das Fasten. Insofern war die Idee, über etwas zu sprechen, was uns verbindet und dennoch auch Unterschiede aufzeigt.
Wo sehen Sie die größten Gemeinsamkeiten, wo die wesentlichen Unterschiede beim Fasten im Islam und im Christentum?
Es war eine der frappierenden Entdeckungen in diesem Dialog, dass viele Haltungen im Christentum und im Islam sehr ähnlich sind. Es geht ja beim Fasten nicht nur darum, auf Essen und Trinken zu verzichten, sondern auch darum, sich positiv für Dinge zu befreien, die mit diesem Verzicht verbunden sind, also darum, frei zu werden für das Wesentliche. Fasten, Verzicht zu üben, heißt auch, im Leben zurückzutreten und über sich nachzudenken. Die Unterschiede sind natürlich zunächst formal. Muslime sind angehalten, in einem ganz bestimmten Monat für 30 Tage zu fasten und dabei auf Essen und Trinken und andere Genüsse, auch sexuelle Praktiken, zu verzichten. In der christlichen Fastenzeit fastet man anders.
Wie war die Zusammenarbeit mit Anselm Grün?
Wir haben uns darüber ausgetauscht, was uns gemeinsam ist: Welche Tugenden, welche Ideen sind bedeutend für diese Fastenzeit? Zum Beispiel Geduld, Gemeinschaft, loslassen, Ruhe finden, aber auch Wachsamkeit und eine solidarische Haltung. Wir haben versucht, zu diesen Themen gemeinsam zu schreiben, und dann über die jeweilige Perspektive diskutiert: Was sind die christlichen Aspekte des Fastens? Was bedeutet dieser Monat für die Muslime?
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Haben Sie persönlich aus der christlichen Perspektive etwas mitnehmen können?
Das Schöne ist bei einem interreligiösen Dialog nicht, die Dinge zu übernehmen, sondern sie wertzuschätzen. Ich habe sehr viel gelernt über die Fastenzeit im christlichen Kontext. Dass sie wirklich mehr ist als nur Fasten,
und das ist vielleicht die größte Entdeckung, die wir beide teilen: dass es sich hier im Grunde genommen um innere Freiheit handelt.
Im Fastenmonat finden wir in einer ganz besonderen Form zu uns selbst und zur Nähe Gottes, weil wir uns auf das Wenigste reduzieren.
Diese Reduktion des Lebens wirkt auch wie eine Korrektur der Lebensgewohnheiten, die wir uns angeeignet haben, weil wir plötzlich merken: Es ist nichts selbstverständlich.
Das ist meine erste Erfahrung im Fastenmonat Ramadan. Ich merke, wie süß Wasser schmeckt, wenn ich am Abend mein Fasten mit einem Glas Wasser breche. Diese Erfahrung habe ich sonst nicht, weil es normal ist zu trinken. Im Fastenmonat sind wir reduziert und dadurch offen für die kleinen Dinge, die das Leben so wertvoll machen.
Diese Reduzierung öffnet uns für das, was bleibt. Wenn man mir alles nehmen würde – mein Essen, mein Trinken, mein Hab und Gut –, dann bleibt das, was wirklich zählt: meine Beziehung zu Gott, meine Beziehung zu meinen Mitmenschen und meine Verantwortung als Mensch in diesem Leben.
Diese Erfahrung soll nicht nur auf eine bestimmte Zeit beschränkt sein, sondern mein Leben insgesamt in ein anderes Licht rücken.



