Glaubenswelten
18.06.2026

Katholisch und homosexuell  

Kirche und Homosexualität, das ist nach wie vor ein „heißes Eisen“. Wir haben elf Personen aus dem kirchlichen Umfeld gefragt, ob sie sich zu diesem Thema äußern wollen – mit einem inhaltlich freien Beitrag ihrer Wahl. Drei Männer und drei Frauen haben uns zugesagt und aufgeschrieben, was sie persönlich bewegt.      

Zwei junge Frauen bilden mit ihren Händen ein Herz – dürfen sie auch in der Kirche zu ihrer Liebe stehen? Zwei junge Frauen bilden mit ihren Händen ein Herz – dürfen sie auch in der Kirche zu ihrer Liebe stehen? Foto: © imago/imagebroker

Eine biblische Perspektive

Gleichgeschlechtlicher Sex ist nach der Lehre der katholischen Kirche Sünde; schon die Heilige Schrift sehe das so, heißt es. Doch steht das wirklich in den Texten? Die klassische Stelle ist im Buch Levitikus das Gebot „Du sollst nicht bei einem Mann liegen, wie man bei einer Frau liegt“ (Lev 18,22). Wer ist mit diesem „du“ gemeint? Frauen werden es kaum sein – das hätte merkwürdige Konsequenzen. Also nur Männer? Sicher, doch die biblischen Gebote haben immer einen ganz speziellen Adressaten: den freien israelitischen Mann, der einer Familie und einem Haushalt vorsteht. Das heißt: Mit „du“ angesprochen ist der verheiratete Familienvater, mit einer oder mehreren Frauen, mit Kindern, Knechten und Sklaven, Vieh und Land. An ihn richten sich die Gebote des Alten Testaments. Und er soll dafür sorgen, dass sie in seinem ganzen Haus gelten. 

Was aber geht gleichgeschlechtlicher Sex ein Familienoberhaupt an? Das wird nur deutlich, wenn man sich das ganze Kapitel 18 im Buch Levitikus anschaut: Alle Gebote drehen sich hier um die Mitglieder eines Haushalts – sie sollen vom Haushaltsvorstand nicht sexuell bedrängt werden: seine Töchter, die Mutter, die Schwiegermutter, die Mägde ... Und Vers 22 fordert nun auch, nicht bei einem Mann zu liegen.  

Leider bringen uns hier viele deutsche Übersetzungen der Bibel auf eine falsche Spur. Im Original steht nämlich nicht „bei einem Mann“ – da steht: „Du sollst nicht bei einem Männlichen liegen.“ Wer sind die „Männlichen“ im Haushalt? Es sind die jungen Söhne des Familienvaters sowie seine Knechte und Sklaven. Es geht hier also um sexuelle Übergriffe gegenüber Minderjährigen und Abhängigen im Haus. So etwas soll es nicht geben – weder an Frauen und Mädchen noch an Jungen und anderen „Männlichen“. Der Patriarch soll seine Macht im Haus nicht ausnutzen. 

Genau gesehen gibt dieses Kapitel also allen, die zusammen in einem Haushalt leben, ein Recht auf sexuelle Unversehrtheit. Eine Perle der Humanität im alten Israel. In den Nachbarvölkern wurden Minderjährige, Kriegsgefangene und andere Abhängige nicht geschützt. Im biblischen Recht aber geht es nicht um das Geschlecht der Missbrauchten, sondern um die Abscheulichkeit sexueller Gewalt. 

Der Apostel Paulus verurteilte später allen gleichgeschlechtlichen Sex und alle Begierde. Er tat das aber nicht so sehr mit Blick auf die Bibel, sondern mit Blick auf seine Zeit: die Zeit der römischen Besatzung. Die Römer kannten beim Sex keinen Schutz von Minderjährigen; römische Soldaten durften zur Herrschaftssicherung hemmungslos Männer und Frauen vergewaltigen. Dagegen wandte sich Paulus mit flammenden Worten: gegen die Pervertierung des Sexes in der Römerzeit. 

Es wäre schön, wenn wir das in der Kirche wiederentdecken könnten: dass das Problem bei sexuellen Beziehungen die Gewalt ist, nicht das Geschlecht der Beteiligten. Gegen liebevollen sexuellen Umgang miteinander gibt es keine biblischen Gebote.

Norbert Reck,Theologe und Buchautor    

Autor Norbert Reck hat über seine Gedanken zu Homosexualität und Kirche ein Buch geschrieben. Autor Norbert Reck hat über seine Gedanken zu Homosexualität und Kirche ein Buch geschrieben. Foto: © privat
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Reck, Norbert Kein anderes Ufer
Matthias-Grünewald-Verlag, 2024
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Die bedingungslose Liebe Gottes

Auf der Fahrt zu einem kirchlichen Freizeitwochenende sitze ich im Bus neben einer jungen Frau. Langsam kommt ein Gespräch in Gang, in dem wir uns über Verschiedenes unterhalten. Dann sagt sie: „Ich habe deine Ohrringe gesehen und wollte mal mit dir reden.“ Sie erzählt mir von sich, dass sie vor Kurzem gemerkt habe, dass sie Frauen viel toller als Männer finde. Dass ihre Eltern zwar versuchen, sie so zu akzeptieren, wie sie sei, aber dass sie sie darum gebeten hätten, sonst niemandem davon zu erzählen, weil sie Angst hätten. Dass sie sich frage, wie sie damit umgehen solle und was eigentlich Gott dazu sage, weil sie gehört habe, dass die Kirche queere Menschen verurteile. 

Es trifft mich als Seelsorgerin, wenn Menschen die Erfahrung machen, dass die wunderbare Botschaft der bedingungslosen Liebe Gottes zu allen Menschen in ihrem Geschaffensein gegen sie verwendet wird, um sie zu verurteilen oder auszuschließen. Meine Herzohrringe in Regenbogenfarben führen oft zu solchen Gesprächen. Mit jungen Menschen, die verunsichert sind, wie sie mit sich, ihrer Umgebung und auch ihrem Glauben umgehen sollen. Die sich die Frage stellen, ob es einen Platz für sie in ihrer Kirche gibt. 

Meine Aufgabe sehe ich unter anderem darin, zuzuhören, einen Raum zu bieten, in dem sich Menschen sicher fühlen dürfen und die Gewissheit haben können, dass sie nicht verurteilt werden. Ins Gespräch zu kommen und Klarheit zu schaffen, was denn nun eigentlich in der Bibel steht und was nicht. Selbst noch zu lernen. 

Seit zweieinhalb Jahren veranstalte ich in meiner Aufgabe als Queerseelsorgerin mit evangelischen Kolleg:innen zusammen regelmäßig einen QueerStammtisch für junge Erwachsene, wo solche Themen Platz haben. Zu dem wir auch Gäst:innen einladen, die aus ihrem Leben und von ihren Erfahrungen berichten, wie zum Beispiel eine*n queere*n Stadtpolitiker*in aus München oder die Tochter einer Regenbogenfamilie. 

Im Kontext der Hochschulseelsorge werde ich oft mit den gängigen Vorurteilen gegenüber der katholischen Kirche konfrontiert, weil Studierende herausfinden wollen, was für ein Mensch ihnen gegenübersteht. Dabei entstehen oft interessante und tiefe Gespräche, und nicht selten führt der Umstand, dass es ein Netzwerk von Queerseelsorgenden gibt, zu Erstaunen. Ebenso sorgt die Tatsache für Verwunderung, dass ich als katholische Seelsorgerin Gott gendere oder ganz bewusst weiblich anspreche, weil JHWH im AltenTestament kein Geschlecht hat. Mir ist bewusst, dass ich damit Menschen auch vor den Kopf stoße. Doch für mich ist es wichtig, deutlich zu machen, dass es mehr als die männliche Anrede Gottes gibt.  

An Ostern hatte ich dabei ein Erlebnis, dass mich zutiefst berührt hat und das nicht das einzige dieser Art war. Eine über siebzigjährige Frau lag mir weinend in den Armen und bedankte sich dafür, dass ich Gott beim Segen als „Lebendige“ angesprochen habe. Weil sie diese Gottesansprache berührt hat und weil sie gemerkt hat, dass sie in ihrem Einsatz für mehr Vielfalt in den Gottesbildern nicht allein ist.  

Franziska Wolff, Pastoralreferentin,Queerseelsorgerin und Hochschulseelsorgerin in München

Als Queerseelsorgerin möchte Franziska Wolff einen sicheren Ort für alle Menschen schaffen.  Als Queerseelsorgerin möchte Franziska Wolff einen sicheren Ort für alle Menschen schaffen. Foto: © Bela Raba

Widernatürliche Unzucht


Zu den weniger bekannten Facetten des katholischen Glaubenslebens gehört die Tatsache, dass praktisch alle Monate des Jahres einem bestimmten Geheimnis gewidmet sind. Am bekanntesten ist der Monat Mai als Marienmonat. Doch hat auch der Monat Juni eine solche Zueignung: Er ist dem Heiligsten Herzen Jesu gewidmet, dem Zeichen der vollkommenen Liebe, der Opferbereitschaft Christi – denn „eine größere Liebe hat niemand als diese, dass er sein Leben für seine Freunde hingibt“ (Joh 15,13). Doch liegt die Vollkommenheit des Opfers Christi am Kreuz in Seinem Gehorsam gegen den Vater und Seiner Demut, wie die Herz-Jesu-Litanei sagt: „Herz Jesu, bis zum Tode gehorsam geworden – erbarme dich unser!“ und schließt: „Jesus, sanft und demütig von Herzen – bilde unser Herz nach deinem Herzen!“ Man könnte sagen: Herz-Jesu-Monat ist Demutsmonat, Humility Month. 

Dem steht diametral entgegen, was der Satan, der Fürst dieser Welt, mit dem Juni veranstaltet. Aller Gehorsam gegen die Gebote Gottes fliegt beim Fenster hinaus, indem man selbige weginterpretiert und auf eine Gefühlsliebe reduziert. Doch sagt der Herr: „Wer Meine Gebote hat, und sie hält, der ist es, der Mich liebt“ (Joh 14,21). Die homophile Partei erfrecht sich hierbei, den Aposteln die verbindliche Interpretation des Alten Testaments abzusprechen – im Judasbrief (Vers 7) wird mehr als deutlich, dass Sodom, Gomorrha und die umliegenden Städte wegen abnormer sexueller Sünden zerstört wurden, weil sie sich nämlich „in Unzucht erschöpften und unnatürlicher Wollust nachgingen“. „Sich in Unzucht erschöpfen“ heißt für einen Apostel (der Levitikus natürlich kannte) sicher nicht „die Gastfreundschaft verletzen“, genauso wenig wie der heilige Paulus im ersten Kapitel des Römerbriefes von Prostituierten spricht. Das Verletzen der Gastfreundschaft kommt noch als zweites Verbrechen der Sodomiter dazu, ist aber bewusst an zweiter Stelle genannt, zumal im griechischen und lateinischen Text mit einem Wortspiel, das die Widernatur auch impliziert: dass sie nach sarkos heteras beziehungsweise carnes alienas trachteten, also nach „fremdem Fleisch“. „Fremd“ bedeutet in beiden Sprachen sowohl „von auswärts“ als auch „seltsam, verquer“. 

Doch damit nicht genug, ist man auf seine Laster auch noch stolz, als wären sie eine Tugend, feiert sie ungeniert vor aller Welt. Man muss sich also umso mehr fragen, wieso Leute innerhalb der katholischen Kirche verbleiben, wenn sie ihre Lehre so oder so nicht annehmen wollen. Muss man die Heiligen (unumkehrbar Tugendvorbilder) extra zitieren – Basilius, Bonaventura, Bernhardinus, Pius V. –, die die entsprechende apostolische Lehre zu allen Zeiten bezeugen? 

Zum Schluss wollen wir den vielleicht größten Kämpfer gegen die widernatürliche Unzucht, den heiligen Petrus Damiani zu Wort kommen lassen, der in seinem Liber Gomorrhianus unter anderem über die Sodomie schreibt: „Wer immer sich (...) mit dieser unaussprechlichen Schändlichkeit angesteckt hat, wisse: Wenn er sich nicht durch eine fruchtbare Buße gereinigt hat, wird er niemals die Gnade Gottes besitzen, wird er niemals des Leibes und Blutes Christi würdig sein, wird er niemals über die Schwelle des himmlischen Vaterlandes schreiten. Denn das sagt der heilige Johannes überdeutlich, wenn er bei der Rede über die himmlische Herrlichkeit zusetzt: ,Kein Unreiner noch Gräueltäter wird in sie eingehen.‘“ 

Anna Pfeifer, Mitglied der Gruppe Maria 1.0 

Für Anna Pfeiffer liegt im Juni der Fokus auf der vollkommenen Liebe Jesu.  Für Anna Pfeiffer liegt im Juni der Fokus auf der vollkommenen Liebe Jesu. Foto: © privat
[inne]halten - das Magazin 10/2026

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Vom Schweigen zur Offenheit 


Als Pfarrer arbeite ich mit drei Bürgermeistern zusammen. Einer von ihnen ist schwul und mit einem Mann verheiratet. Vor 20 Jahren wäre das im traditionellen Oberland, noch dazu im Tegernseer Tal, kaum vorstellbar gewesen. Wir sind gleich alt. Er erzählt mir von seinen Erfahrungen. Aus seiner Veranlagung hat er nie ein Geheimnis gemacht, auch nicht in der Schule. Das war damals mutig. Er musste viel aushalten. Doch er ließ sich nicht kleinkriegen. 

Wenn ich an meine eigene Jugend zurückdenke, erinnere ich mich daran, dass Homosexualität etwas war, worüber man als Selbst-Betroffener eher nicht sprach. Im kirchlichen Kontext war das ähnlich. Im Religionsunterricht, bei Jugendveranstaltungen oder später im Priesterseminar wurde mehr oder weniger geschwiegen. Lehrer, Spiritual und Patres sprachen aber uns Schülern beziehungsweise Seminaristen gegenüber über das Thema und machten uns die Realität des Lebens deutlich. Das habe ich in guter Erinnerung.   

Ich erinnere mich an einen Abend im Priesterseminar, als der Regens die damals neuen Regeln zu homosexuellen Priesterkandidaten erklärte. Im Kern ging es darum, dass Schwule nicht Priester werden dürfen. Danach herrschte angespannte Stille. Jeder ging wortlos seiner Wege. Ich glaube, viele haben damals beschlossen, dieses Thema niemals mit Verantwortlichen zu besprechen. Später lebte ich einige Jahre im Münchner Glockenbachviertel, zunächst als Student, später als Jugendpfarrer und Geistlicher Leiter der Katholischen jungen Gemeinde. Dort habe ich eine offene Atmosphäre erlebt und einen natürlichen Zugang zum Thema gefunden.  

Als ich Pfarrer auf dem Land wurde, sagte Kardinal Marx zu mir: „Gerade auf dem Land haben homosexuelle Menschen es oft schwer.“ Das habe ich ernst genommen. Nicht durch Aktionen, sondern durch Gespräche, Begegnungen und bewusstes Zugehen. Nach meiner Einschätzung haben viele homosexuelle Menschen nicht deshalb Probleme, weil sie homosexuell sind, sondern weil Kirche und Gesellschaft ihnen Probleme gemacht haben. 

Besonders bewegt hat mich die Begegnung mit zwei Frauen, die ihr Kind taufen lassen wollten. Sie lebten einige Kilometer entfernt und hatten Angst, in ihrer Heimatpfarrei zurückgewiesen zu werden. Mit großer Freude habe ich die Taufe gefeiert. Ich bin mir sicher, dass die beiden gute Mütter für ihr Kind sind. 

Heute versuchen wir im Seelsorge-Team, Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen so zu begleiten, dass sie spüren: Ihr seid willkommen. Gerne auch mit dem Partner oder der Partnerin an der Seite. Papst Franziskus hat immer wieder betont, dass Seelsorge bedeutet, alle Menschen auf ihrem Weg zu Gott zu begleiten.  

Wenn ich heute auf die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte schaue, dann sehe ich vieles, was besser geworden ist. Menschen wie der Bürgermeister können offen zu ihrer Homosexualität stehen, ohne dass dadurch ihre Würde oder ihre Leistungen infrage gestellt werden. Die Atmosphäre ist offener geworden. Das empfinde ich als etwas Gutes. Im kirchlichen Kontext gibt es trotz aller Fortschritte noch Aufholbedarf.  

Stefan Fischbacher, Pfarrer der Pfarrverbände Gmund-Bad Wiessee und Waakirchen-Schaftlach

Als Pfarrer auf dem Land sieht Stefan Fischbacher oft, wie Homosexuelle in Kirche und Gesellschaft Probleme haben. Als Pfarrer auf dem Land sieht Stefan Fischbacher oft, wie Homosexuelle in Kirche und Gesellschaft Probleme haben. Foto: © privat

Eine Frage der Gerechtigkeit 


Und schon wieder wird das Thema hochgekocht. Ohne Rücksichten missbraucht für den fatalen Kampf um die Wahrheit in der Kirche. Mir scheint, dass es zwei Aspekte sind, die kühl betrachtet werden sollten: Welche Fakten liegen zugrunde? Welche Emotionen spielen eine Rolle? 

Zu den Fakten: Teilweise wird ohne weitere Wahrnehmung des heutigen Standes der Humanwissenschaften gerne darauf verwiesen, dass schon im Ersten wie auch später im Zweiten Testament Homosexualität verurteilt würde. Das stimmt so nicht! Die Erkenntnis, was Homosexualität wirklich ist, entwickelte sich erst im Laufe des 19. Jahrhunderts; der Begriff selbst ist eine Wortschöpfung aus dem Jahr 1869. Die Menschen in biblischer Zeit kannten keine „Homosexualität“ so, wie wir sie heute verstehen, als vieldimensionales Phänomen und integrierten Bestandteil einer Persönlichkeit. Für sie war es nichts Besonderes, dass jeder homo- wie heterosexuelle Praktiken ausüben konnte.  

Die Menschen bewegte damals nicht die Frage nach dem „So-Sein“ und daraus resultierenden Rechten des Individuums, sondern vor allem die nach einem stabilen Gemeinwesen trotz Fremdherrschaft, also wie sie als kleine Glaubensgemeinschaft überleben und dafür die dringend benötigte Nachkommenschaft sicherstellen konnten. Als grundsätzliche Verurteilung von Sex mit Gleichgeschlechtlichen kann das nicht verstanden werden. Es ging ja nicht um eine personale Liebesbeziehung, sondern unter anderem um den Herrschaftsanspruch des Patriarchen. Nach einer möglichen Interpretation durfte er diesen nicht im Sex mit Gleichgestellten (weil Sex mit Sklaven oder Knaben grundsätzlich kein Problem war!) befriedigen, oder er hatte, nach einer anderen Interpretation, von den Angehörigen des eigenen Haushaltes die Finger zu lassen.  

In anderen Erzählungen des Ersten Testaments werden dann homosexuelle Handlungen verurteilt, weil sie gezielt zur Demütigung, etwa im Krieg, eingesetzt wurden. Bei Paulus ist es komplizierter, weil bei ihm schon eine zunehmende Entwicklung zur Leibfeindlichkeit zu erkennen ist, aber dann eindeutig, wenn wir sein oberstes Prinzip der Gleichheit aller Menschen aus Gal 3,28 betrachten, unter dem in mehreren Briefen angedeuteten absoluten Vorrang der Liebe. Voraussetzung wäre allerdings, dass man sich damit auseinandersetzt, wie die Menschen früher gedacht und empfunden haben und wie sie welche Ziele verfolgt haben, und dass man nicht einzelne Sätze ohne hermeneutische und theologische Fundierung aus dem Zusammenhang reißt.  

Heute wissen wir, dass sich das Geschlecht eines Menschen etwa ab der neunten Schwangerschaftswoche höchst komplex zu entwickeln beginnt, bis sich etwa in der Pubertät die konkreten sexuellen Neigungen manifestieren können, in einem komplexen System von biologischen, psychischen und sozialen Wechselwirkungen. Ob „homo“ oder „hetero“: Keines ist eine Krankheit oder Störung, sondern es sind unveränderbare Normvarianten – Homosexualität ist keine „Minus-Variante“. Das bedeutet: Alle Varianten der beiden Geschlechter männlich und weiblich gehören zu Gottes guter Schöpfung. 

Offenbar dauert es lange, bis wissenschaftliche Erkenntnisse dazu führen, dass bestimmte Phänomene nicht mehr als Argumentationsbasis für das Festhalten an moralisch-ethischen Normen herangezogen werden. Warum nur stoßen sich so viele der etwa 90 Prozent Heterosexuellen an den etwa 10 Prozent Homosexuellen, die nicht mehr in der Tabuzone bleiben wollen? Deren Lebensweise nimmt ihnen nichts weg und stellt sie in keiner Weise infrage. Worin die Gefahr für eine „normale“ Ehe liegen soll, erschließt sich mir nicht. Dass sich Heterosexuelle die anderen Praktiken für sich selbst nicht vorstellen können: geschenkt. Das geht mir auch so. Aber vielleicht geht es den Homosexuellen andersherum genauso?  Und wo liegt emotional dann das Problem? Ist es einfach nur wieder „das Fremde“, das abgelehnt wird? Am Ende aber steht die Frage nach Gerechtigkeit, die wir alle beantworten müssen. 

Hiltrud Schönheit, Vorsitzende des Katholikenrates der Region München

Für Hiltrud Schönheit gehören alle Varianten der Geschlechter gleichwertig zur Schöpfung Gottes. Für Hiltrud Schönheit gehören alle Varianten der Geschlechter gleichwertig zur Schöpfung Gottes. Foto: © privat

„Ich wünsche Ihnen, dass Ihre Liebe gelingt“ 


Das Thema beherrscht schon einige Zeit die Öffentlichkeit und hat im Raum der Kirche noch zu keinem Ergebnis geführt, mit dem man zufrieden sein könnte. Bei allen Argumenten kann es weiterführen, wenn man von ganz konkreten Menschen ausgeht, die mir in der Seelsorge begegnet sind.  

Es liegt einige Jahre zurück. Eine junge Frau kam zum Gespräch mit bedrücktem Gesicht und bekannte, dass sie lesbisch ist. Sie hatte dazu eine weite Fahrt auf sich genommen und zeigte, wie wichtig es ihr war. Sie konnte dies in ihrer religiös geprägten Umgebung niemandem sagen und fühlte sich mit ihrem Geheimnis total isoliert und entwertet. Meine Reaktion verlief nicht nach der üblichen Vorstellung von Moral, sondern ich versuchte, mich nach dem zu richten, was der Psychotherapeut Carl Rogers von einem Therapeuten verlangt: bedingungslose Wertschätzung.  

Damit ist nicht ein besonderes Gefühl gemeint, sondern dass ich die Frau voll und ganz ernst nehme in ihrem Wunsch, den Reichtum ihrer Liebesfähigkeit zu leben. Nach Rogers ist einfühlendes Verstehen gefordert und nicht der Versuch, jemanden zu korrigieren. Damit geschieht mit mir als aktiv Zuhörendem etwas. Ich wurde vom Bekenntnis dieser jungen Frau zutiefst betroffen und es ging mir eine neue Sicht der sexuellen Orientierung auf. Mir wurde bewusst, dass Betroffene ein schweres Schicksal haben. Sie fühlen sich nicht wie selbstverständlich dabei, wovon Gleichaltrige erzählen, lachen und scherzen, jedoch bei allem dem Spott, der Ablehnung und der Verachtung ausgeliefert.   

Hier ist eine tiefergehende Anfrage an das übliche kirchliche Verständnis von Nächstenliebe angebracht. „Liebe ist nicht Gefühl, sondern Tat“, kann man in Kommentaren lesen. Dafür steht die Tat des barmherzigen Samariters. Er gilt als die Norm der Liebe der Tat, der organisierten, kirchlichen Nächstenliebe, welche den Namen „Caritas“ trägt. Bei allen enormen Leistungen kann sie aber den Verlust des Vertrauens in die Institution Kirche nicht aufheben. Dieses ist nur zu gewinnen auf der Ebene der Beziehung zueinander, inwieweit wir einander ernst nehmen, einander respektieren, inwieweit ein erfülltes Zusammenleben gelingt; inwieweit es zur tätigen Nächstenliebe inspiriert.   

Dazu steht die Einladung zu einer religiösen Feier, in welcher zwei Frauen ihre Liebe gesegnet haben wollen. Beide sind in der Altenpflege engagiert und vertreten eine äußerst humane, liebevolle Form, wie man mit dementen Personen umgeht. Sie zeigen, dass die Liebe, in der sie zueinander stehen, wie von selbst Früchte nach außen bringt, gerade wegen ihrer hohen Sensibilität für Gefühle. Es hilft weiter, die Eigentätigkeit der Gefühle und damit der Liebe, auch die der gleichgeschlechtlichen, in den Blick zu nehmen und ihren Wert zu würdigen. Sie steht als oberstes Angebot Gottes über allen menschlichen Gegebenheiten. Sie findet in den Gleichnissen Jesu vom Säen, Wachsen, Ernten ihren Ausdruck. Es ist mehr als  berechtigt zu wünschen und zu beten, dass sie gelingt. 

Guido Kreppold, Kapuziner-Pater und Diplom-Psychologe 

Guido Kreppold ruft dazu auf, den Wert der Liebe zu würdigen - auch die gleichgeschlechtliche. Guido Kreppold ruft dazu auf, den Wert der Liebe zu würdigen - auch die gleichgeschlechtliche. Foto: © privat

Kardinal Reinhard Marx zelebrierte am 13. März 2022 in der Münchner Pfarrkirche St. Paul einen „queerGottesdienst“. Damit setzte er anlässlich des 20-jährigen Bestehens dieses Gottesdienstformats in der Erzdiözese ein Zeichen dafür, dass auch nicht-hetero Kardinal Reinhard Marx zelebrierte am 13. März 2022 in der Münchner Pfarrkirche St. Paul einen „queerGottesdienst“. Damit setzte er anlässlich des 20-jährigen Bestehens dieses Gottesdienstformats in der Erzdiözese ein Zeichen dafür, dass auch nicht-hetero Foto: © Ertl