Glaubenswelten
17.06.2026

Armutsideal, Goldmonstranzen und Schneckenpfannen

Zum 800. Todestag Franz von Assisis zeigt die Salzburger Ausstellung „LebensKunst“, wie franziskanische Werte bis heute wirken. Mit seltenen Exponaten und Ordensleuten als Gesprächspartnern wird Geschichte lebendig und überraschend aktuell.
    

Blick in die Ausstellung ‚LebensKunst. 800 Jahre Franz von Assisi‘ im DomQuartier Salzburg. Blick in die Ausstellung ‚LebensKunst. 800 Jahre Franz von Assisi‘ im DomQuartier Salzburg. Foto: © SMB/Bierl

Vor dem Lieblingsstück von Schwester Ina Franziska Rademacher gruselt es so manchen Besucher. Es ist ein Fingerknochen der heiligen Elisabeth von Thüringen, eingefasst in eine kostbare Goldschmiedearbeit. Und die Ordensfrau freut sich, wenn sie gerade über diese Reliquie ins Gespräch kommt. Sie erklärt dann, wie Menschen des Mittelalters in solchen körperlichen Überresten eine leibhaftige Verbindung zu außergewöhnlichen Menschen suchten.

Schwester Ina deutet dieses kostbare Objekt aber weiter: „Denn da lässt sich ganz schnell ein Bogen ins Heute schlagen.“ Elisabeths Finger hat die Armen und Ausgestoßenen berührt, um die sie sich gekümmert hat. Er weist damit höchstaktuell auf soziale Ungerechtigkeit hin und auf den christlichen Auftrag, dagegen etwas zu tun und materiellen Wohlstand zu teilen.

Schwester Ina Franziska ist eine von rund 80 Frauen und Männern aus der franziskanischen Ordensfamilie, die in der Ausstellung „LebensKunst“ den Besuchern Rede und Antwort stehen. „Noch Fragen?“ steht über ihrem Namen auf dem Schild, das sie an ihren Habit geheftet hat. Das ins Salzburger DomQuartier eingebundene Dommuseum stellt zum 800. Todestag des heiligen Franziskus dessen spirituelles Erbe und seine Lebenskunst vor, die sich auf ganz unterschiedliche Weise materiell niedergeschlagen haben.

Franziskaner zwischen Armut und Wissenschaft

Zum franziskanischen Erbe gehört die Freude an der Schöpfung Gottes und die Neugier, sie zu erforschen. In Salzburg ist zu sehen, wie das zahlreiche Mitglieder der Ordensfamilie inspiriert hat, sich den Naturwissenschaften zu widmen. So sind dort präparierte Kolibris zu entdecken. Gesammelt hat sie im 18. Jahrhundert ein Franziskanermissionar in Lateinamerika.

Das ständige Unterwegssein zählt zu den wichtigsten Merkmalen des Ordens. Im Gegensatz zu den Benediktinern bleiben seine Mitglieder nicht ein Leben lang im selben Kloster, sondern ziehen umher. In einer Bodenvitrine sind deshalb einige Schuhpaare bekannter Franziskaner zu sehen. Darunter befinden sich auch die „Calepodia“, die fast 600 Jahre alten Holzschuhe des berühmten und zugleich berüchtigten Wanderpredigers Johannes Capistran. Er zog damit durch ganz Europa. Mit seinen feurigen Reden redete er den Menschen nicht nur ins Gewissen, sondern stachelte sie auch zu Kriegszügen und Judenpogromen auf.

Die Mitglieder der weitverzweigten Ordensfamilie verstanden es früh, sich nicht in gelehrtem Latein, sondern in der Volkssprache an breite Schichten zu wenden. In Deutschland stehen sie damit auch am Anfang der Literatursprache. In der Salzburger Ausstellung findet sich ein unscheinbares, aber kostbares Buch. Die einzigartige Handschrift versammelt die Predigten des Berthold von Regensburg und zeigt ihn auch auf einer Federzeichnung. Dort ist er auf einer transportablen Kanzel zu sehen, die er schnell an unterschiedlichen Orten aufstellen konnte. Von Kreuzzügen hielt er nicht viel, und er wandte sich gegen Judenverfolgungen. Wie Elisabeth von Thüringen begeisterte er sich noch zu Lebzeiten des heiligen Franziskus für dessen solidarisches Armutsideal.
    

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„LebensKunst“ mit Schnecken,
Monstranz und Kunst

Dem folgten die Franziskaner auch beim Essen. Viele Besucher können es kaum fassen, dass dazu auch eine heutige Delikatesse wie Schnecken gehörte. Für deren Zubereitung gab es eine Spezialpfanne mit Vertiefungen. Eine davon hat sich im schweizerischen Kloster Sursee erhalten. Sie ist nach Salzburg ausgeliehen. Wenn sich Besucher über diese vermeintliche Luxusverköstigung der Ordensbrüder empören, leistet Willi Anderau Aufklärungsarbeit. Der 84-jährige Kapuzinerpater gehört ebenfalls zu den Ansprechpartnern in der Ausstellung und trägt das „Noch Fragen?“-Schild. Geduldig erzählt er, dass Schnecken einst auf dem Speiseplan der Allerärmsten standen. Die Brüder züchteten die Tiere auf den Gemüseabfällen aus der Klosterküche.

Sein Lieblingsstück ist jedoch eine Holzfigur, die den singenden und von Vögeln umringten Franz von Assisi zeigt, der dazu noch auf einem Holzscheit fiedelt: „Sie versinnbildlicht für mich die befreiende Fröhlichkeit dieses Heiligen, seine Geschwisterlichkeit mit der Natur und die Freude an der Kunst.“ Darum befasst sich die Ausstellung ausführlich mit der langen franziskanischen Musiktradition. Es ist für Bruder Willi auch kein Widerspruch zum Armutsideal der Ordensfamilie, dass dort eine prachtvolle Strahlenmonstranz steht – eine Goldschmiedearbeit aus dem 17. Jahrhundert, geschaffen zum Lob Gottes, die nicht einem Einzelnen gehört, sondern einer betenden Gemeinschaft.

Bewussten Verzicht zu üben, gleichzeitig die Freude an der Schöpfung und der menschlichen Kreativität zu leben und mit anderen zu teilen – das versteht auch Reinhard Gratz unter franziskanischer Lebenskunst. Die hält der Direktor des Salzburger Dommuseums, der die Ausstellung mitgestaltet hat, für hochaktuell:

„Das Lebensmodell des heiligen Franziskus könnte uns gerade heute freimachen für wesentlichere Dinge im Leben.“

Noch bis zum Herbst vermittelt die Schau im Salzburger DomQuartier diese Botschaft ebenso unterhaltsam wie lehrreich. Und das sogar mit „echten“ Ordensangehörigen.

Die Ausstellung ‚LebensKunst. 800 Jahre Franz von Assisi‘ im DomQuartier Salzburg ist täglich außer dienstags geöffnet. Sie dauert bis zum 2. November. Mehr unter domquartier.at.
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Alois Bierl
Artikel von Alois Bierl
Chefreporter und Kolumnenautor
Beschäftigt sich mit wichtigen Trendthemen wie Spiritualität.