Glaubenswelten
23.06.2026

Ein romanischer Schatz im Wald

Zum Abschluss der Serie „Uralte Orte des Glaubens“ fragt man sich: Ja, wo steht sie denn nun, die älteste Kirche im Erzbistum München und Freising? Es gibt keine eindeutige Antwort, weil Kirchen fast immer aus unterschiedlich alten Teilen bestehen. Dennoch spricht vieles für die Petersberg-Basilika im Dachauer Land.
    

Auch von außen ein charakteristischer romanischer Bau: die Petersberg-Basilika. Auch von außen ein charakteristischer romanischer Bau: die Petersberg-Basilika. Foto: © Joachim Burghardt

Wir heutigen Menschen, die wir über Autobahnen rasen, in Hochgeschwindigkeitszügen reisen, in Flugzeugen fliegen und mehr Zeit in virtuellen Räumen als in freier Natur verbringen, haben so manches verlernt. Wir haben, verglichen mit unseren Vorfahren, kein Gespür mehr für die Bedeutung von besonderen Geländepunkten und Landmarken, sind nicht mehr feinfühlig für natürliche Kraftorte.  

Wir verstehen auch nicht mehr die Lebenswelt früherer Generationen, haben keinen Zugang mehr zu den Gedanken und Überzeugungen des Mittelalters. Wir sprechen nicht mehr die Sprache der Steine und des Holzes, der Säulen und der Fresken, wir kennen nicht mehr die Codes, die von Jenseits, Ewigkeit, Gericht oder Erlösung erzählen – wir stehen oft ratlos vor Bildern und Symbolen.


Ein Gegengewicht zum schlichten, fast nüchternen Erscheinungsbild des Mittelschiffs bildet die prächtig ausgemalte Hauptapsis. Ein Gegengewicht zum schlichten, fast nüchternen Erscheinungsbild des Mittelschiffs bildet die prächtig ausgemalte Hauptapsis. Foto: © Joachim Burghardt
[inne]halten - das Magazin 10/2026

Uralt und wunderschön

Eine einzigartige Lage, eine über tausendjährige Geschichte und eine romanische Kirche voller Schätze: Das ist Kloster Seeon.

Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.

Orte mit außergewöhnlicher Aura

Aber all diese Dinge, sosehr sie auch unserer modernen Lebenswirklichkeit entglitten sind, existieren weiterhin. Es gibt sie noch heute, die Orte mit außergewöhnlicher Aura. Sie sind noch da, die aus alter Zeit überlieferten spirituellen Schätze. Wir können sie wiederentdecken, die geweihten, durchbeteten Gebäude, können ihren Wahrheiten und Weisheiten nachspüren.  

In einem heiligen Haus aus Stein wird unsere Sehnsucht sichtbar: nach Erhebung über den Alltag, nach Tiefe und Beständigkeit, nach etwas Echtem, nach Gott. Wir finden dort einen Resonanzraum, an dem es mal nicht um Leistung, Nutzen, Spaß oder Geld geht, sondern in dessen heilsamer Stille wir einfach sein dürfen. 

Berührungspunkt mit einer anderen Realität

Diese grundsätzlichen Gedanken seien an dieser Stelle ganz bewusst vorausgeschickt, bevor wir unsere Füße auf den Petersberg setzen. Denn es ist kein Zufall, dass wir uns für die sechste und letzte Folge unserer Serie, gewissermaßen als Höhepunkt, die dortige Kirche St. Peter und Paul ausgesucht haben. Diese Basilika ist ein Höhepunkt. Sie ist auch ein Berührungspunkt mit einer anderen Realität. Und ein würdiger Schlusspunkt unserer kleinen Rundreise durchs Erzbistum. 

Dass unser Ziel ein so außergewöhnlicher Ort ist, bleibt zunächst verborgen. Wie im Hügelland nördlich von München üblich, präsentiert sich die Landschaft in weitem Umkreis gleichförmig, sanfthügelig, allemal unspektakulär. Auch der Petersberg, bei Eisenhofen in der Gemeinde Erdweg gelegen, ragt als waldige Anhöhe gerade mal 25 Meter hoch über den flachen Niederungen des Glonntals auf – aber vor lauter Bäumen sieht man erst einmal gar nichts. Erst aus nächster Nähe wird die Kirche plötzlich sichtbar.


Säulen, Pfeiler, Bögen und das Halbrund der Apsis harmonieren perfekt miteinander. Säulen, Pfeiler, Bögen und das Halbrund der Apsis harmonieren perfekt miteinander. Foto: © Joachim Burghardt

Römerstraße und Wittelsbacher-Burg

Schon die Römer scheint es zu dieser Anhöhe hingezogen zu haben, denn genau hierüber führten sie ihre Straßen von der Freisinger und der Münchner Gegend her, die sich dann gemeinsam nach Augsburg fortsetzten. Im Mittelalter fanden die Wittelsbacher den Petersberg als Standort für ihre – nicht mehr vorhandene – Burg Glaneck passend. Die Burg wurde zu Beginn des 12. Jahrhunderts in ein Kloster umgewandelt, das als neue Heimstatt für Benediktinermönche diente. Diese waren von Bayrischzell über Fischbachau auf den Petersberg gekommen. Schon nach 16 Jahren zogen sie nach Scheyern weiter, die Klosterkirche aber blieb – und steht bis heute an Ort und Stelle. 

Betritt man die Petersberg-Basilika, spürt man eine besondere Würde und Harmonie des Raums, der weder zu klein noch zu weit, sondern wohlproportioniert wirkt. Die Ausstattung ist schlicht, die Blicke werden nicht zur Seite oder nach oben hin abgelenkt, sie gehen vor zur reich verzierten ostseitigen Apsis, wo uns wie schon in einigen zuvor besuchten romanischen Kircheneine große Weltenrichter-Darstellung begegnet. Die Nebenapsiden zeigen die Heiligen Martin und Benedikt.


Die Hauptapsis ist prächtig ausgemalt. Die Hauptapsis ist prächtig ausgemalt. Foto: © Joachim Burghardt

Türschloss aus dem Fröttmaninger Kircherl

Ein kurioses Ausstattungsdetail erwähnt der Hobby-Kirchenforscher Hans Schertl auf seiner Internetseite www.kirchenundkapellen.de: Demnach stammt das Türschloss auf der Innenseite des Eingangsportals aus der Fröttmaninger Kirche Heilig Kreuz, die wie die Petersberg-Basilika vom Abriss bedroht war ... 

Auch wenn sie zwischenzeitlich barockisiert und wieder „zurückromanisiert“ wurde, gilt die Basilika St. Peter und Paul am Petersberg heute als besterhaltenes romanisches Gotteshaus im Erzbistum. Mit ihrem Weihejahr 1107 wird sie sogar „älteste Kirche Oberbayerns“ genannt – das ist mit Blick auf den Gesamteindruck des Baukörpers berechtigt, allerdings mit der Einschränkung, dass es in anderen Kirchen noch ältere Bestandteile gibt (etwa in den Klosterkirchen in Seeon und auf Frauenchiemsee) und dass auch am Petersberg bei Weitem nicht jeder Stein aus dem 12. Jahrhundert, sondern teils von späteren Baumaßnahmen stammt. 

Dennoch, ob von außen oder im Inneren, die Petersberg-Basilika ist ein Juwel, einzigartig im oberbayerischen Raum und als Sehenswürdigkeit ein Muss für kirchlich und kunstgeschichtlich Interessierte. Man braucht Zeit für diesen Schatz im Wald. Zeit, um Stille zu erfahren – auch die innere. Zeit, um alles auf sich wirken zu lassen – auch das Unsichtbare. 


Wissenswert

Die Petersberg-Basilika ist täglich von 8 bis 17 Uhr geöffnet. Im Sommerhalbjahr finden sonn- und feiertags jeweils um 14.30 Uhr kostenfreie Kirchenführungen statt. Auch ohne Auto ist der Petersberg vom S-Bahn-Halt Erdweg aus gut zu erreichen (einfache Strecke 1,2 Kilometer).

Innehalten-Leseempfehlung
Joachim Burghardt
Artikel von Joachim Burghardt
Redakteur
Immer auf der Suche nach spannenden, kontroversen und kuriosen Themen rund um Glauben und Wissen.