Glaubenswelten
17.04.2026

Konzeptpapier

Was wäre, wenn …

Die katholische und evangelische Kirche in Deutschland setzen sich für den Frieden ein, sehen sich aber gezwungen, für einen möglichen militärischen Ernstfall vorbereitet zu sein. Ein Papier zeigt beängstigende Szenarien und was sie für die Seelsorge bedeuten könnten. 

Orientierung und Halt in schweren Zeiten: deutsche Soldatinnen und Soldaten bei einem Feldgottesdienst. Orientierung und Halt in schweren Zeiten: deutsche Soldatinnen und Soldaten bei einem Feldgottesdienst. Foto: © imago/epd

Gefallene müssen beerdigt werden, Verwundete brauchen Seelsorge, Kriegsgefangene Betreuung. So wie sich die Bundeswehr mit einem „Operationsplan Deutschland“ auf einen eventuellen NATO-Bündnisfall vorbereitet, haben auch die beiden großen Kirchen in Deutschland Pläne für den Verteidigungsfall aufgestellt. Wichtig ist den Kirchen: Das Konzept relativiert nicht ihre friedensethische Haltung, sondern bietet einen Rahmen für die Zeit, wenn alle Friedensbemühungen gescheitert sind. 

Ohne großes Aufsehen haben die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die katholische Deutsche Bischofskonferenz ein „Ökumenisches Rahmenkonzept Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall“ auf ihren Homepages veröffentlicht. „Es wäre grob fahrlässig, wenn wir in einem Verteidigungsfall nicht handlungsfähig wären“, sagte der evangelische Militärbischof Bernhard Felmberg im Gespräch mit der Katholischen Nachrichtenagentur: „Deshalb ist es gut und richtig, dieses Konzept jetzt zu haben – auch wenn unser größter Wunsch bleibt, dass es für immer in der Schublade bleiben kann.“

Bernhard Felmberg ist seit Oktober 2020 Bischof für die Evangelische Seelsorge bei der Bundeswehr. Zuvor war er im Entwicklungsministerium tätig. Bernhard Felmberg ist seit Oktober 2020 Bischof für die Evangelische Seelsorge bei der Bundeswehr. Zuvor war er im Entwicklungsministerium tätig. Foto: © imago/Funke Foto Services

Krisenstäbe auf allen kirchlichen Ebenen

Die Pläne des Bundesverteidigungsministeriums gehen davon aus, dass Deutschland im NATO-Bündnisfall zur wichtigen Logistikdrehscheibe würde – und dass mit Transporten von Verwundeten und Gefallenen ebenso zu rechnen wäre wie mit großen Fluchtbewegungen.

Das Papier der Kirchen soll helfen, die internen Strukturen zu organisieren. Angedacht sind etwa ein Lagezentrum innerhalb der Militärseelsorge, ein ökumenischer Krisenstab auf Bundesebene und weitere Krisenstäbe auf der Ebene der Bistümer und Landeskirchen und gegebenenfalls auch in Gemeinden. „Es ist klar zu bestimmen, wer wem wann was zu sagen hat“, heißt es in dem Papier. Es gehe darum, Ruhe und Ordnung sicherzustellen, Orientierung zu geben und handlungsfähig zu bleiben.

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Erhöhter Bedarf an Militärseelsorge

Zwischen den Zeilen kann man lesen, worauf sich nicht nur die Religionsgemeinschaften, sondern ganz Deutschland in einem Bündnis- oder Verteidigungsfall einstellen müsste: Da ist die Rede von einem deutlich erhöhten Bedarf an Militärseelsorge. Von mehr Seelsorge in Krankenhäusern, aber auch von mehr Beerdigungen, von der seelsorglichen Begleitung von Kriegsgefangenen und vom Überbringen von Todesnachrichten.

„Zu den Aufgaben gehört die würdevolle Bestattung mit dem seelsorglichen Fokus auf das Ereignis und die Zu- und Angehörigen“, heißt es darüber hinaus in dem Papier – und weiter: „Wenn die Zahl der Gefallenen sehr hoch sein sollte und ein Transport in die Heimat nicht mehr möglich ist“, müssten andere Möglichkeiten des Gedenkens an die Gefallenen für die Angehörigen geschaffen werden – also temporäre oder feste Gedenkorte und eine engere Zusammenarbeit mit Veteranen- und Selbsthilfegruppen.

Durch Truppenbewegungen im Land werde es außerdem „für die Zivilbevölkerung Einschränkungen in bisher unbekanntem Ausmaß geben“, heißt es in dem Papier weiter: „Das wird zu großer Verunsicherung führen und auch hier Betreuungsbedarf generieren.“ Ebenso sei mit einer großen Zahl traumatisierter Heimkehrer und mit zahlreichen Menschen auf der Flucht zu rechnen.

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Mehr Personal für die Seelsorge benötigt

„Eine solche Aufgabe kann die Militärseelsorge personell nicht allein schultern“, betonte Felmberg: „Das können die Kirchen im Ernstfall nur als Ganze leisten.“ Deshalb vernetze das neue Rahmenkonzept zivile und militärische Seelsorgestrukturen. So sollen etwa Gefängnisseelsorger ihr Wissen an Seelsorger weitergeben, die sich um Kriegsgefangene und das Wachpersonal kümmern werden. Ein Problem: Momentan werden die Stellen abgebaut, die dann gebraucht würden. In allen seelsorglichen Bereichen wäre mehr hauptamtliches Personal nötig, aber auch Menschen, die bereit sind, sich ehrenamtlich einzubringen. 

Das vorliegende Konzept gibt erst einmal Handlungsempfehlungen. Nun sind die Landeskirchen und Diözesen gefordert, daraus konkrete Leitfäden zu erarbeiten, damit die Seelsorge im militärischen Ernstfall weiterlaufen und entsprechend ausgebaut werden kann. Zusätzlich müssen Ausbildungskonzepte für ehrenamtlich tätige Seelsorger oder für kirchliche Mitarbeiter in den Krisenstäben entwickelt und verschiedene Handreichungen für Gottesdienstformate und Rituale geschrieben werden.

Auf scharfe Kritik stößt das Papier in der Friedensbewegung. „In erster Linie ist es Aufgabe der Kirche, alles dafür zu tun, dass es nicht zu militärischen Auseinandersetzungen kommt“, sagt etwa der Geschäftsführer der „Arbeitsgemeinschaft Dienste für den Frieden“, Jan Gildemeister. Und der Bundesvorsitzende der katholischen Friedensbewegung „Pax Christi“, Odilo Metzler, ergänzt: „Wir widersetzen uns einem Aufrüstungsimperativ, der versucht, Felder der Zivilgesellschaft zu besetzen, sowie im ‚Rahmenkonzept Seelsorge und Akutintervention im Spannungs- und Bündnisfall‘ sogar die kirchliche Seelsorge zu instrumentalisieren und dem Militärischen unterzuordnen.“ Es sei Aufgabe der Kirchen, auf die Vermeidung von Kriegen und auf Konzepte gemeinsamer Sicherheit hinzuarbeiten – und nicht, spekulative Bedrohungsszenarien zu unterstützen oder zu flankieren. (kna/kos)

Kommentar

Vorbereitung ist wichtig


Die christlichen Kirchen wollen keinen Krieg. Wer, wie die christliche Friedensbewegung, das behauptet, der verkennt die Realität. Sich auf einen militärischen Ernstfall vorzubereiten, ist keine Kriegstreiberei. Ob es zum Krieg kommen wird, ist keine Entscheidung der Kirchen. In einem solchen Fall ist es aber ihre zwingende Aufgabe, an der Seite der Menschen zu sein, die Angst haben und leiden. Die Kirchen müssen sicherstellen, dass sie ihren Dienst am Nächsten leisten können: Soldaten in ihren Ängsten auffangen, Verletzte in Krankenhäusern betreuen, Angehörige von verwundeten oder gefallenen Soldaten unterstützen, Todesnachrichten überbringen, traumatisierte Kriegsheimkehrer psychologisch begleiten.

Und sie wollen da sein für uns alle – denn Experten schätzen, dass Deutschland zu einer Drehscheibe für den Transport von Truppen, Fahrzeugen und Material wird. Das sehen und erleben zu müssen, wird große Teile der deutschen Bevölkerung schockieren. Wie gut, wenn dann evangelische und katholische Seelsorger als Gesprächspartner bereitstehen.

Die Kritik der christlichen Friedensbewegung an dem Konzeptpapier der Kirchen entbehrt jeder Grundlage. Ich kann nachvollziehen, warum sie so hart gegen das Papier wettern. Auch mir fällt es schwer, diese Seiten zu lesen und mich dieser Realität zu stellen. Die Szenarien, die dort beschrieben werden, machen Angst. Aber wir müssen gewappnet sein. „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“, war noch nie ein guter Ratgeber.

Kerstin Ostendorf 
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Kerstin Ostendorf
Artikel von Kerstin Ostendorf
Redakteurin der Verlagsgruppe Bistumspresse in Osnabrück