Kommentar
Versöhnung ist keine Opfergabe
Niemand wünscht sich einen Frieden so sehr wie die Menschen in der Ukraine, weiß Renovabis-Hauptgeschäftsführer Thomas Schwartz. Doch solange täglich neue Wunden geschlagen werden, falle es schwer, von Versöhnung zu sprechen. Ein solcher Prozess könne erst beginnen, wenn auch der Aggressor ein ehrliches Interesse an einem gerechten Frieden bezeuge.
Bei einem russischen Raketenangriff auf die westukrainische Stadt Ternopil kamen mindestens 25 Menschen ums Leben. Foto: © imago/Anadolu Agency
Nun also gibt es einen Friedensplan. Er wird öffentlich, zwei Tage nachdem russische Raketen ein Wohnhaus in der Stadt Ternopil zerstört und mindestens 25 unschuldige Menschen ermordet haben. Erst in der vergangenen Woche war der griechisch-katholische Erzbischof von Ternopil-Zboriv Teodor Martyniuk bei Renovabis zu Gast. Er berichtete von der großen Aufgabe, Binnenvertriebenen Zugang zu Verpflegung und psychologischer Begleitung zu ermöglichen. Heute ist Martyniuk auf Bildern neben dem zerstörten Häuserblock zu sehen. Vor ihm liegen die Körper der geborgenen Opfer auf dem matschigen Boden. Er betet für sie und für die Verletzten, die nun ohne Zuhause einem kalten Winter entgegenblicken.
Niemand wünscht sich einen Frieden so sehr wie die Menschen in der Ukraine. Das Ausmaß von Gewalt, Unterdrückung und Zerstörung, mit dem sie jeden einzelnen Tag konfrontiert sind, übersteigt unsere Vorstellungskraft. Solange täglich neue Wunden geschlagen werden, fällt es schwer, von Versöhnung zu sprechen. Ein solcher Prozess kann überhaupt erst beginnen, wenn Waffen schweigen und wenn auch der Aggressor ein ehrliches Interesse an einem gerechten Frieden bezeugt.
Kann es einen gerechten Frieden geben, wenn dadurch Ukrainerinnen und Ukrainer unter russische Besatzung kommen oder dauerhaft unter dieser leben müssen? Sie sind dort der Willkür Russlands ausgesetzt. Wir wissen, dass alle verfolgt werden, die nicht der russisch-orthodoxen Religionsgemeinschaft angehören. Besonders jene, die ihre Unterstützung für das Besatzungsregime nicht zum Ausdruck bringen. So sind Fälle bekannt, in denen Geistliche verschiedener Konfessionen in den besetzten Gebieten gefangen genommen, entführt und gefoltert oder bei Beschuss getötet und verletzt wurden.
Wir wissen auch, dass die Menschen dort ihre ukrainische Sprache nicht mehr sprechen dürfen, ihre Kinder in der Schule mit Propaganda konfrontiert sind und ihre ukrainische Identität ausgelöscht werden soll. Was heute dort geschieht, ist das Gegenteil von Versöhnung. Im Friedensplan, der zwischen den USA und Moskau ausgearbeitet wurde, finden diese Menschen keine Erwähnung. Stattdessen soll die internationale Gemeinschaft ihre Heimat als Teil Russlands anerkennen. Sie werden zur Opfergabe.
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Grundsteine für eine Zeit nach dem Krieg
In diesen Fragen zeigt sich, was es bedeutet, wenn ein Friedensplan ohne Beteiligung des angegriffenen Landes entsteht. Die Ukraine, die seit mehr als zehn Jahren um ihre Existenz kämpft, soll einem Dokument zustimmen, auf das sie keinen Einfluss hatte. Ein gerechter Frieden, der echte Versöhnung möglich macht, muss aber unbedingt im klaren Interesse der Ukrainerinnen und Ukrainern sein.
Sie verdienen in ihrer Entscheidung unsere volle Solidarität: die Familien in Charkiw, die sich auf den Winter vorbereiten, während ganze Stadtviertel regelmäßig ohne Strom, Heizung oder Warmwasser sind. Die Kinder in Frontnähe, die seit Jahren in Lebensgefahr schweben, wenn sie nur nach draußen gehen, um zu spielen. Und die Menschen im Westen des Landes, die schon heute Wege für Veteranen schaffen, um sie wieder in die Gesellschaft zu integrieren und so Grundsteine legen für eine Zeit nach dem Krieg.
Wenn dieses Land Frieden findet, dann müssen wir bereit sein, bei Wiederaufbau, Reintegration und der Bewältigung der unvorstellbaren Traumata zur Seite zu stehen. Diesen Tag kann ich nicht erwarten. Aber er muss gerecht sein – für alle Ukrainerinnen und Ukrainer.
Pfarrer Professor Thomas Schwartz, Hauptgeschäftsführer von Renovabis,
dem Hilfswerk der deutschen Katholiken für Osteuropa
Pfarrer Thomas Schwartz ist Hauptgeschäftsführer des Osteuropa-Hilfswerks Renovabis. Foto: © Michael Kunz
Renovabis in der Ukraine
Über 20 Millionen Euro hat Renovabis seit Beginn der Vollinvasion 2022 in Projekte in der Ukraine investiert. Dabei legt das Hilfswerk einen besonderen Fokus auf die psychologische Unterstützung für Familien und Angehörige, um Belastungs- und Angststörungen, Depressionen sowie andere durch Traumata verursachte psychische Erkrankungen zu behandeln. Zugleich ermöglichen Nothilfe-Projekte den Menschen in frontnahen Gebieten Zugang zu Lebensmitteln, Medikamenten und Hygieneartikeln.



