Glaubenswelten
04.12.2025

Engel

Spaßmacher und Traumtänzer

Das 18. Jahrhundert war die große Zeit der Engel. Die Künstler des Barock und des Rokoko schufen Himmelswesen von großer Leichtigkeit und Eleganz. Nicht nur zur Weihnachtszeit zeigen sie: Himmel und Erde sind verbunden.
    

Entwurf eines knienden Engels des Barockbildhauers Johann Georg Pinsel. Entwurf eines knienden Engels des Barockbildhauers Johann Georg Pinsel. Foto: © Bayerisches Nationalmuseum, Karl-Michael Vetters

So vergeistigt, beseelt und gleichzeitig leibhaftig haben sich wohl nie wieder Engel auf der Erde niedergelassen wie damals im 18. Jahrhundert. Immer scheinen sie ein wenig zu schweben. Meistens sind sie nur aus Holz – aber alles andere als hölzern. Jens Burk kommt fast jede Woche an ihnen vorbei. Der Kunsthistoriker am bayerischen Nationalmuseum in München ist unter anderem für die Skulpturen aus dem Barock und Rokoko zuständig und hütet Kunstwerke von höchstem Rang, darunter viele Himmelsboten. Manchmal treten sie solo auf, manchmal in größeren Kompositionen. Gelegentlich sind es nur Entwürfe, wie der von Johann Georg Pinsel. Wer seine Figur entdeckt, staunt über die fast artistische Beweglichkeit, die in ihr steckt. Andere große Künstler sind Johann Baptist Straub oder Ignaz Günther.

Gerade im süddeutschen Raum sind Engel der Extraklasse entstanden. Zum einen, weil der katholische Süden geprägt war von einer Frömmigkeit, in der Engel als himmlische Boten eine selbstverständliche Rolle spielten. Zum anderen bot das hier beliebte Material Holz eigene Möglichkeiten. „Es ist leichter als Stein und erlaubt dynamischere Bewegungen“, sagt Burk. „Mit Holz kann man große Figuren auch in der Höhe platzieren. Das geht mit Marmor nicht, der etwa in Rom ein bevorzugtes Material war, wo selbst weit oben platzierte Engel aus Stuck oftmals nicht diese unübertroffene Eleganz und Leichtigkeit besitzen.“
    

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Frömmigkeit, Formgefühl und süddeutsche Meister

München war Anlaufstelle für Auftraggeber aus Klöstern oder dem Adel und entwickelte sich für die religiöse Holzbildhauerei „zu einem Ort von überragender Bedeutung“, sagt Burk. Das ist bis heute in vielen Kirchen rund um die Landeshauptstadt zu sehen: etwa in Berg am Laim im Münchner Osten, in Rott am Inn, Kloster Schäftlarn oder in Freising-Neustift. Dort sind die Werke der großen Bildhauer noch an ihrem originalen Platz und in ihrer ganzen Vielfalt zu sehen. Da gibt es den Engel, der sein nacktes rechtes Bein zeigt und dabei so elegant ausschreitet wie ein Model auf dem Laufsteg. Andere zeigen eine blanke Jünglingsbrust und wirken dennoch geschlechtslos. „Körperlose Körper“ nennt sie Jens Burk, „das sind keine Pin-up-Girls oder -Boys“. Mit Erotik haben sie nichts im Sinn. Diese Geistwesen tragen das „Gewand des Fleisches“, wie barocke Prediger das gerne nannten, nur, um den Menschen nahbar sein zu können. 

Denn eigentlich haben sie gar keinen Körper nötig. Aber er ist ein Statement: „Die Schönheit der Körper der Engel dient auch zur existenziellen Unterscheidung von Gut und Böse“, schreibt der Bonner Kunsthistoriker Roland Kanz in seinem Buch „Skulptur des 18. Jahrhunderts in Deutschland“. Ihre Makellosigkeit ist Symbol des Auftrags, die Liebe Gottes und seine Herrlichkeit zu vermitteln. Sie sind fassbare Zwischenwesen, die den Unfassbaren geschaut haben. Das Lächeln der Engel „ist nicht von dieser Welt“, so Kanz und „ihre Flügel sind mehr Zeichen ihrer Sphäre als Notwendigkeit ihrer Fortbewegung“.

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Putten mit Pointe – wenn Engel
zum Schmunzeln bringen

Gleichzeitig machen die Skulpturen klar, dass Engel jede Menge wichtiger Jobs im Kommunikationswesen zwischen Himmel und Erde zu erledigen haben. Wenn sie dicht am Tabernakel knien, stehen oder schweben, verdeutlichen Engel, dass in den Hostien das Göttliche anwesend ist, das sie schon geschaut haben. In der Bibel überbringen sie überwältigende Botschaften. „Fürchtet euch nicht“, sagen sie zu den Hirten an Weihnachten. Sie warnen und schützen etwa vor König Herodes, sie helfen und geben Rat bei Krankheit wie in der alttestamentlichen Tobit-Erzählung. „Ihr Tun ist immer gut“, schreibt Roland Kanz.

An den Engeln der Rokoko-Künstler wird das anschaulich. Die kleinen Engel, die Putten, geben die Künstler als Kleinkinder wieder, denen unbefangene Späße erlaubt sind. Sie setzen sich ungeschickt Kardinalshüte auf den Kopf; im niederbayerischen Sammarei fasst sich einer lachend an den Kopf, weil er vergessen hat, an einem Fuß den Schuh anzuziehen und am anderen den Strumpf. Sie seien kleine Unterhaltungskünstler, machten „den Ernst der Theologie leichter“, erläutert Kanz, „denn Lachen entlastet die Seele“.  

Der Sinkflug der späteren Engelbilder

Diese Vielfältigkeit und Vielschichtigkeit der Engelwelt haben die Bildhauer des Barock und des Rokoko zu einem einzigartigen Höhepunkt gebracht. Der Engelstyp aus dem 19. Jahrhundert wirkt dagegen meistens blutleer, hat das Leichte und Tänzerische verloren. Oder wie es Roland Kanz formuliert: „Er erlitt sozusagen einen Sinkflug vom himmlischen Alleskönner zum sakralen Langweiler.“

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Alois Bierl
Artikel von Alois Bierl
Chefreporter
Beschäftigt sich mit wichtigen Trendthemen wie Spiritualität.