Glaubenswelten
24.09.2025

Faszination Engel in Bibel & Koran

Der Glaube an Engel ist für Juden, Christen und Muslime von großer Bedeutung. Andreas Renz, Leiter des Fachbereichs Dialog der Religionen im Erzbischöflichen Ordinariat München, erläutert die Engels-Vorstellungen in diesen drei Religionen.
    

Das berühmte Gemälde „Die Verkündigung“ von Leonardo da Vinci (um 1472) stellt den Moment dar, in dem der Erzengel Gabriel Maria die Geburt Jesu verkündet. Das berühmte Gemälde „Die Verkündigung“ von Leonardo da Vinci (um 1472) stellt den Moment dar, in dem der Erzengel Gabriel Maria die Geburt Jesu verkündet. Foto: © IMAGO / Zoonar

Engel sind seit Jahrtausenden faszinierende Wesen in den religiösen Traditionen, insbesondere im Judentum, Christentum und Islam. Ihre Darstellung und Bedeutung haben sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt und sind tief in der jeweiligen religiösen Theologie und vor allem Frömmigkeit verwurzelt. Während sie für den Glauben der einen eher von untergeordneter Bedeutung oder gar Kitsch und Esoterik sind, spielen sie in der Frömmigkeit anderer eine zentrale Rolle.

Das deutsche Wort „Engel“ geht auf das griechische „angelos“ zurück, das „Bote/Gesandter“ bedeutet. Im Hebräischen wird dafür das Wort „mal’ak“ verwendet. Es wurde als Lehnwort auch vom arabischen Koran übernommen. In all diesen Sprachen ist die grammatikalische Form männlich. Die Bezeichnung spiegelt die zentrale Funktion der Engel wider: Sie sind Gesandte Gottes, die seine Botschaften übermitteln, seinen Willen ausführen und die Menschen begleiten.

Engel in der Bibel und im Judentum

In der Hebräischen Bibel treten Engel in verschiedenen Kontexten auf: Sie werden häufig als Mittler und Boten dargestellt, die Gottes Willen an Menschen übermitteln. Ein bekanntes Beispiel ist die Verkündigung der Geburt Isaaks an Abraham und Sara (Gen 18–19; vgl. Koran 51,24–37). Engel sind Diener Gottes (vgl. Dan 7,10), sie werden aber auch als Retter und Beschützer des Volkes Israel oder einzelner Menschen gesehen, besonders Rafael („Gott heilt“) im Buch Tobit. In Psalm 91,11–12 heißt es: „Denn er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen. Sie tragen dich auf Händen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt“. Die Schutzengelvorstellung hat hier ihren Ausdruck gefunden. Im Buch Daniel (Dan 6) wird von einem Engel berichtet, der Daniel vor den Löwen schützt.

Engel erscheinen manchmal in menschlicher Gestalt, was ihre Zugänglichkeit für Menschen unterstreicht. Sie sind oft schön, strahlend und ehrfurchtgebietend, was ihre göttliche Herkunft betont. Der „Engel des Engel“ kann aber auch Vollstrecker einer göttlichen Strafe sein (vgl. 2 Kön 19,35).

Im frühen Judentum ab dem 2. vorchristlichen Jahrhundert und in der Apokalyptik werden die Engel auch zu Garanten der kosmischen Ordnung. Eine wichtige Rolle für die Engelsvorstellungen dann auch des Christentums spielten die sogenannten apokryphen Schriften, die nicht in den Kanon der jüdischen und christlichen Bibel aufgenommen wurden. So nennt etwa das äthiopische Henochbuch sieben Erzengel (Uriel, Raphael, Raguel, Michael, Sariel, Gabriel und Remiel), während der Satan und die Dämonen als gefallene Engel gesehen werden.

Bildliche Darstellungen von Engeln sind im Judentum eher selten: Nach 1 Kön 6,23–35 schmückten Cherubim als sichtbare Zeichen der Gegenwart Gottes den salomonischen Tempel, sie wurden jedoch wie die Serafim (vgl. Jes 6,1–3) erst nachbiblisch den Engeln zugeordnet. In Synagogen wie Bet Alpha aus dem 6. Jahrhundert sind Engel dargestellt.

Tobias und der Engel (Buch Tobit), Filippino Lippi, zwischen 1475 und 1480. Tobias und der Engel (Buch Tobit), Filippino Lippi, zwischen 1475 und 1480. Foto: © IMAGO / piemags

Das rabbinische Judentum warnt vor einer kultischen Anbetung der Engel, anerkennt aber neben den auch im Christentum anerkannten drei Erzengeln Michael, Gabriel und Raphael noch Uriel als vierten Erzengel. Im Talmud und in der jüdischen Mystik (Kabbala) spielt Metatron als „König der Engel“ eine wichtige Rolle als derjenige, der das Volk Israel aus Ägypten geführt habe. Wie im Christentum gibt es auch im Judentum die Vorstellung vom Einklang himmlischer und irdischer Liturgie. So heißt es in der Einleitung des Achtzehngebets: „Wir wollen deinen Namen in der Welt heiligen, so wie man ihn in den Himmelshöhen heiligt …“ In einem Gebet zur Begrüßung des Schabbats werden die Engel des Friedens und Gesandten des Ewigen begrüßt. 


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Engel im Neuen Testament und im Christentum

Im Neuen Testament nehmen Engel eine noch bedeutendere Rolle ein als in der Hebräischen Bibel. Der Erzengel Gabriel erscheint Maria und kündigt die Geburt Jesu an (Lk 1,26–38). Engel begleiten Jesus während seines 40-tägigen Wüstenfastens (Mt 4,11) und erscheinen am leeren Grab, um den Frauen die Auferstehung Jesu zu verkünden (Mt 28,2–7), sie helfen in Situationen der Bedrängnis, etwa bei der Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten (Mt 2,13–15) und Mt 18,10 weiß von Schutzengeln der Kinder.

Wie in den prophetischen Visionen sind auch nach der Offenbarung des Johannes Engel Akteure der himmlischen Liturgie (Offb 4,6–8). Nach dem Seher Johannes, der verschiedene Engel-Funktionsgruppen kennt (Offenbarungs-, Gemeinde-, Posaunenengel und so weiter) sind sie auch an den Endzeitereignissen beteiligt: Sie sind Boten des göttlichen Gerichts, eine Vorstellung, die in den christlichen Apokryphen wie der Petrusapokalypse dann weiter vertieft wird.

Die frühesten christlichen Engeldarstellungen waren noch ohne Flügel, diese kamen erst durch hellenistisch-römische Einflüsse ab dem 4./5. Jahrhundert auf. Der Mystiker Pseudo-Dionysius Areopagita (5./6. Jahrhundert) systematisierte erstmals die Engellehre und unterschied neun Engelgruppen oder Chöre in drei Hierarchiestufen. Da sich nach seiner Vorstellung diese himmlische Hierarchie auch in der weltlichen und kirchlichen Gesellschaft widerspiegeln sollte, war er quasi der Erfinder der „Hierarchie“, der heiligen Herrschaft. Der Philosoph Giorgio Agamben nannte die Engeldeshalb auch „Beamte des Himmels“. 

Wichtig wurden die Engel dann in der ost- wie westkirchlichen Liturgie: Im Gloria singen wir den Lobgesang der Engel, im Sanctus die Jubelrufe der Serafim, im Schuldbekenntnis bitten wir „die selige Jungfrau Maria, alle Engel und Heiligen, für mich zu beten bei Gott unserem Herrn“. Am 29. September feiert die Westkirche das Fest der drei Erzengel, am 2. Oktober das Schutzengelfest. In keiner anderen Religion wurden und werden Engel so häufig in der Kunst dargestellt wie im Christentum, oft mit charakteristischen Symbolen und Attributen, Michael etwa mit Schwert oder Lanze. Die Putten, Engel in Knabengestalt, kamen aus dem hellenistischen-römischen Bereich in die christliche Kunst und Ikonographie.

Als Fazit der biblischen und theologie- und frömmigkeitsgeschichtlichen Engelsvorstellung im Christentum lässt sich festhalten: Engel sind Boten und Diener Gottes, die die Distanz zwischen dem transzendenten Gott und der Erfahrungswelt des Menschen über-brücken helfen. Sie sind aber Geschöpfe und damit Gott und auch Jesus Christus untergeordnet. Nicht die Boten und ihr Wesen stehen im Zentrum, sondern die Botschaft und ihre Funktion.

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Engel im Islam

Engel spielen auch im islamischen Glauben eine wichtige Rolle. Neben dem islamischen Glaubensbekenntnis („Ich bezeuge: Es gibt keine Gottheit außer Gott, und Muhammad ist der Gesandte Gottes“) kennt die islamische Tradition sechs verbindliche Glaubensartikel und gleich nach dem Glauben an den einen und einzigen Gott folgt der Glaube an die Existenz der Engel – wohl deshalb, weil die Engel vielfältige Mittlerfunktionen zwischen Gott und Mensch haben.

Die wichtigste Mittlerfunktion ist die des Engels Gabriel (arabisch: Dschibril), denn er hat dem Propheten Muhammad die Offenbarungen des Korans übermittelt. Gabriel begleitete den Propheten Muhammad laut Prophetenbiografie auch bei seiner Nachtreise von Mekka nach Jerusalem auf dem Reittier Buraq und zeigte ihm schließlich die sieben Himmel. Die Verheißung der Geburt Jesu kennt zwar auch der Koran (vgl. Sure 19,16–21), doch hier wird nicht Gabriel als Überbringer der Kunde genannt, sondern der Geist Gottes, der in der islamischen Auslegung dann aber mit Gabriel identifiziert wurde (vgl. auch 26,193).

Der Engel Gabriel übermittelt dem Propheten Muhammad die Offenbarungen des Korans. Der Engel Gabriel übermittelt dem Propheten Muhammad die Offenbarungen des Korans. Foto: © IMAGO / CPA Media

Die Engel sind laut Koran Geschöpfe Gottes und geflügelte Wesen: „Lobpreis sei Gott, dem Schöpfer der Himmel und der Erde, der die Engel zu Boten gemacht hat, mit Schwingen, je zwei, drei oder vier!“ (Sure 35,1) Wie die biblischen Cherubim tragen sie den Thron Gottes (40,7; 69,17). Sie sind gehorsame Diener Gottes (43,19; 66,6), bilden seinen Hofstaat: Sie singen dessen Lobpreis und rühmen seine Heiligkeit (2,30; 21,19f; 42,5), werfen sich vor ihm nieder wie die Muslime im Gebet (16,49). Die Engel sind in ihrem Gehorsam gegenüber Gott Vorbilder für die Gläubigen. Sie fungieren – mit Gottes Erlaubnis – als Fürsprecher bei Gott für diejenigen, die umkehren und glauben (40,7; 42,5).

Der Koran kennt wie die jüdisch-christliche Apokalyptik die Vorstellung, wonach der Satan ein gefallener Engel ist, der hochmütig gegenüber dem Schöpfer war (Sure 38,71–76).

Nach dem Koran sind die Engel auch Helfer in der Gefahr (3,124f; 8,9; 66,4). Als Wächter schreiben sie wie Buchhalter die guten und schlechten Taten des Menschen auf (82,10–12; vgl. 43,80) und werden beim Jüngsten Gericht Zeugnis ablegen über die Taten des einzelnen Menschen. Nur einmal im Koran erwähnt ist der Engel Michael (Mika’il) und zwar in der Kombination mit Gabriel: „Wenn jemand Gott feindlich gesinnt ist und seinen Engeln, seinen Boten, Gabriel und Michael, dann ist auch Gott den Ungläubigen feindlich gesinnt.“ (2,98).

Engel spielen nach dem Koran und der islamischen Tradition auch eine wichtige Rolle im Todesgeschehen: Der Todesengel Izra’il (oder Azra’il) kommt im Auftrag Gottes, um die Menschen abzuberufen (vgl. 32,11; 7,37; 16,28). Mit sich führt er den Engel der Barmherzigkeit zu seiner Rechten und den Engel der Gerechtigkeit zu seiner Linken. Der Engel Israfil schließlich wird mit seiner Trompete am Jüngsten Tag von Jerusalem aus zur Auferstehung und zum Endgericht blasen. Die Rolle der Engel im Islam ist also ambivalent, je nachdem welchen Auftrag sie von Gott erhalten haben. Sie spiegeln in ihren Ämtern gleichsam die göttlichen Eigenschaften der Barmherzigkeit und der Gerechtigkeit wider. 

Die islamische Engelsvorstellung ist von der jüdischen und christlichen (besonders apokryphen) Tradition stark beeinflusst. Eine Engelverehrung wie im Christentum gibt es im Islam nicht, die Namen der vier islamischen „Erzengel“, Dschibril, Mika’il, Israfil und Izra’il, tauchen aber nicht selten auf islamischen Amuletten auf. Trotz Bilderverbot gibt es auch zahlreiche islamische Darstellungen von Engeln in alten Handschriften. 

Für jüdische, christliche und muslimische Gläubige ist die Existenz von Engeln ein Faktum. Der Engelglaube aber ist kein Selbstzweck, sondern steht im Dienste des Gottesglaubens. Engel sind Ausdruck der Überzeugung, dass Gott das Schicksal des Menschen nicht egal ist, sondern dass er stets nahe und gegenwärtig ist. Engel stehen für die Geborgenheit, für den überraschen Einbruch Gottes in diese Welt („Von guten Mächten wunderbar geborgen“). So können auch Menschen zu Engeln werden – wenn in ihnen Gottes Liebe und Gegenwart für andere erfahrbar werden.

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