Glaubenswelten
18.07.2025

Wege zu Toleranz und Verständigung: Interreligiöses Bildungsprojekt an Grassauer Mittelschule 

Die Eugen-Biser-Stiftung zu Besuch an der Grassauer Mittelschule: Zum fünften Mal üben die Schülerinnen und Schüler mit einem multireligiösen Bildungsteam religiöse Verständigung, Konfliktlösung und einen vorurteilsfreien Umgang miteinander. 
    

Interreligiöser Dialog zwischen Schülerinnen und Schülern an der Mittelschule Grassau. Interreligiöser Dialog zwischen Schülerinnen und Schülern an der Mittelschule Grassau. Foto: © Krka/SMB

Im Grassauer Hefter-Saal geht ein aufgeregtes Tuscheln durch die Reihen. Alle Stühle sind besetzt, die Jugendlichen aus den Klassen Sieben bis Neun quatschen und lachen, während ihre Lehrer und die Referenten der Eugen-Biser-Stiftung noch letzte Vorbereitungen treffen. Zum fünften Mal findet an der Mittelschule im bayerischen Grassau der Projekttag zu interreligiöser Verständigung statt. Einige der Schüler haben schon letztes Jahr teilgenommen, für manche ist es das erste Mal. Eine von ihnen ist die Achtklässlerin Iman. Sie hat interreligiöse Verständigung schon von Haus aus erlernt: Ihr Vater ist Moslem und ihre Mutter russisch-orthodox. Sie selbst fühlt sich beiden Religionen zugehörig, sie glaubt einfach an Gott, meint Iman. Trotz der ländlichen Lage im Chiemgau ist die Mittelschule durch verschiedenste Religionen geprägt. Deshalb will die katholische Religionslehrerin Maria Steindlmüller mit dem Projekt zeigen: „Jeder hat hier in unserer Schule Platz und jeder darf hier zuhause sein“. 

Interreligiöser Dialog auf den Spuren
von Eugen Biser   

Um die Schüler abzuholen, macht ein Quiz den Einstieg. Wie viele Muslime leben wohl in Bayern? Die meisten Jugendlichen schätzen den Bevölkerungsanteil zu hoch ein. Das sei häufig so, erklärt Selcen Güzel – die Islampädagogin des multireligiösen Bildungsteams. Insbesondere durch die negative Medienberichterstattung wirke die Anzahl der Muslime höher als sie eigentlich ist. Überraschungsmomente wie dieser sollen den Schüler einen ersten Einblick darin geben, wie sehr Vorurteile unsere Denkmuster lenken. 

Das Ziel, Vorurteile abzubauen und das Zusammenleben in einem Einwanderungsland wie Deutschland zu stärken, verfolgt die Eugen-Biser-Stiftung mit unterschiedlichen Programmen seit zehn Jahren – mit dem Projekt „Religiöse Vielfalt gemeinsam Lernen und Leben in Bayern und Baden-Württemberg“ sind die Verantwortlichen an Schulen im gesamten deutschen Süden unterwegs. Finanziell unterstützt werden sie dabei unter anderem auch durch die Europäische Union. Dabei beruft sich die Stiftung auf den katholischen Theologen und Religionsphilosophen Eugen Biser und seinen Grundgedanken, dass das Wissen um die bedingungslose Liebe Gottes der Mittelpunkt für ein Leben in Frieden sei. Dieses Prinzip setzen die multireligiösen Referenten im Dialog mit den Schülern um. 
     

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Werte vermitteln - Vorurteile auflösen 

In verschiedenen Workshops arbeiten Lehrer und Referenten beim Projekttag an der Grassauer Mittelschule mit den Jugendlichen zu Vorurteilen, Verständigung und den Lebensrealitäten anderer Religionen. Dazu hält eine Gruppe - die „Rasenden Reporter“ - die Eindrücke aus den Workshops in einem kurzen Handyfilm fest. Güzel nutzt in ihrem Kurs „Ich sehe was, was du nicht siehst“ einen ähnlichen Ansatz wie bei dem Quiz zu Beginn des Projekttags: Im Stuhlkreis betrachtet die Gruppe Bilder, die in ihrer Mitte ausgebreitet sind. Eines davon zeigt ein Bauwerk, das auf den ersten Blick aussieht wie eine klassische Moschee. Güzel erklärt: Eigentlich sei das Gebäude eine Zigarettenfabrik. Vorurteile und Annahmen, die für uns ganz natürlich wirken, würden so hinterfragt. 

Die jüdische Soziologin Ruth Zeifert möchte mit den Schülern einen gewaltfreien Umgang mit Konflikten üben. Was die Referentin überrascht: Viele Jugendliche (äußern) berichten, Konflikten lieber aus dem Weg zu gehen - das sei eine Sache des Respekts. Zeifert widerspricht ihnen. Ein gesunder und offener Umgang mit Konflikten sei zentral für ein gutes Zusammenleben: „Gewaltfreie Kommunikation ist eine Technik, die man lernen kann. Wir üben, empathisch zu sein und auch, Empathie zu empfangen.“ 

Religion durch Begegnung erleben 

Die Referenten nutzen die Zeit mit ihren Schülern auch, um ihnen die Lebensrealitäten mit anderen Religionen aufzuzeigen. „Mir ist es besonders wichtig, dass die Schüler den Islam und muslimisches Leben als Normalität kennenlernen“, so Güzel. Mit Erfolg: Kaum haben die Schüler die Gelegenheit, fragen sie drauf los. Besonders Güzels Kopftuch interessiert die Jugendlichen: Warum soll man das Kopftuch tragen? Wieso trägt Güzel es wie ein Turban? Weshalb tragen manche Frauen eine Burka? Die Islampädagogin beantwortet die Fragen gerne und ausführlich, in ihrer weichen Stimme ist die Begeisterung für ihre Arbeit zu spüren. 

Das Kopftuch ist an diesem Tag nicht nur in Zusammenhang mit dem Islam zu sehen. Serafim Armanca, Referent für das orthodoxe Christentum, hat einige Fotos aus Gottesdiensten mitgebracht. In den Kirchenbänken sind mal mehr, mal weniger Köpfe zu sehen, die von einem Schleier, meist aus weißer Spitze, bedeckt sind. Das sei auch im orthodoxen Christentum eine Tradition, erklärt Armanca. Doch gebe es hier gravierende Unterschiede zwischen den Ländern. In Griechenland seien Kopftücher kaum zu finden, in Russland wiederum sei es ein verbreitetes Ritual. 

Auch Zeifert möchte vor allem Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen zeigen. Sie hat deshalb die ersten Sätze der Thora und die der Bibel mitgebracht. „Das hat richtig Eindruck bei den Schülern gemacht, als wir gemerkt haben: Das ist ja das Gleiche!“ Am wichtigsten ist ihr jedoch, dass die Schüler verstehen, unter welchen Bedingungen Juden in unserer Gesellschaft leben. Denn durch falsche Verdächtigungen und Antisemitismus brauchen viele Menschen besondere Sicherheitsvorkehrungen, so Zeifert.

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Das Bildungsprojekt bewährt sich 

Lehrerin Maria Steindlmüller freut sich über den erneuten Erfolg des Projekts: „Es ist immer wieder schön zu sehen, dass die Schüler super mit dabei sind und echtes Interesse zeigen, für das im Schulalltag sonst meistens keine Zeit ist.“ Auch wenn das Thema Religion unter Jugendlichen oftmals als verstaubt gilt, ist die Begeisterung der Schüler spürbar, wenn ihr nur Raum gegeben wird. Dem stimmt auch der evangelische Referent Andreas Enders zu. Besonders an dieser Stelle sei es spannend zu sehen, wie sehr unser Alltag und unsere Familien von Religion, auch von Interreligiosität, geprägt sind. „Da merken die Jugendlichen, dass es sie und ihre Identität doch selbst betrifft.“

Iman hätte das Bildungsteam der Eugen-Biser-Stiftung gerne öfter zu Besuch. Denn sie spürt, dass der Rassismus und die Konflikte in der Gesellschaft immer mehr zunehmen. Jeder denke, nur selbst Recht zu haben, glaubt die Achtklässlerin. Der Projekttag sei eine Gelegenheit für Diskussionen, Meinungsaustausch und Kompromisse gewesen. Mit diesem Feedback werden die Referenten der Stiftung wohl im nächsten Jahr gerne wiederkommen. Damit Vielfalt und Toleranz an der Mittelschule in Grassau weiterhin wachsen können.

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Lilly Krka
Artikel von Lilly Krka
Volontärin