Ein Satz vom Himmel gefallen – was den Synodalen Weg im Innersten bewegt
Der Synodale Weg war für viele mehr als ein kirchlicher Reformprozess – ein Blick auf geistliche Erfahrungen, innere Brüche und Spiritualität in Zeiten des Umbruchs.
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September 2022. Die Synodalversammlung tagt in Frankfurt. Der Grundlagentext zur Sexualmoral ist vor wenigen Minuten an der Mehrheit der Bischöfe gescheitert. Ein Schock! Die Stimmung emotional aufgeladen – Tränen flossen. Menschen waren fassungslos. Auch Schwester Katharina Kluitmann war entsetzt und wütend über die Entscheidung. Der Synodale Weg war an einem Kipppunkt.
Um wieder ins Gespräch zu kommen, wurde eine Aussprache angesetzt. Die Franziskanerin hatte nicht vor, sich zu äußern: „Es gibt genug Leute, die was sagen.“ Doch dann – so beschreibt sie es mit bebender Stimme – „fiel ein Satz vom Himmel“. Sie schrieb ihn auf und wusste: „Den muss sie jetzt sagen.“ In dem Moment war der Heilige Geist im Spiel. Davon ist die Ordensschwester aus Münster überzeugt, die von sich selbst sagt, dass sie nicht besonders charismatisch oder mystisch veranlagt ist.
„Bleiben Sie auch bei uns?“ – Ein Moment,
der den Synodalen Weg prägte
Sie drückte auf den Knopf für die Redeliste – und kam überraschend direkt dran. Obwohl die Mikrofone eigentlich auf das Sprechen im Sitzen ausgelegt sind, war für sie klar: Sie muss dazu aufstehen. Und dann sagte sie den Satz, der danach viral ging: „Liebe Bischöfe, Sie sagen immer, wir sollen zusammenbleiben, wir sollen dabeibleiben. Dafür habe ich immer plädiert, aber ich frage mich jetzt: Bleiben Sie auch bei uns?“
Der Synodale Weg als geistlicher Prozess
Als Reaktion auf die zuvor veröffentlichte MHG-Missbrauchsstudie hat 2019 der Reformprozess der katholischen Kirche begonnen. Ziel war es, die Kirche zu einem sicheren Ort zu machen und systemische Ursachen zu verändern. Sechs Jahre haben Laien und Bischöfe miteinander gerungen – über Macht und Gewaltenteilung, priesterliche Lebensform, Frauen in Diensten und Ämtern sowie Sexualmoral. Schwester Katharina war eine von 230 Mitgliedern dieses Reformprozesses. Sie ist davon überzeugt, dass der Prozess vom Heiligen Geist angestoßen wurde und dass es ein „Moment der Geschichte“ war.
Sr. Katharina Kluitmann in der Synodalversammlung. Foto: © Synodaler Weg/ Maximilian von Lachner
Geistliche Begleitung:
Wahrnehmen, was im Raum ist
Von
Beginn an war der Prozess als geistlicher Weg angelegt. Ein Kreuz und
eine Kerze waren stets sichtbar – als Erinnerung daran, dass es hier um
mehr ging als um einen parlamentarischen Gesprächsprozess. Die Theologin
Maria Boxberg und Pfarrer Siegfried Kleymann (Anmerkung: Er übernahm
nach dem Tod 2021 von Pater Bernd Hagenkord SJ diese Aufgabe)
begleiteten die Synodalversammlungen kontinuierlich. Sie waren bei allen
Versammlungen anwesend und ansprechbar.
Nach dem Durchfallen
des Grundtextes zur Sexualmoral waren sie zum Beispiel „fast wie
Notfallseelsorger“ unterwegs, erinnert sich Boxberg. Doch auch bei
persönlichen Themen seien die Menschen auf sie zugekommen. Zum Beispiel,
als eine Synodale überlegte, aus dem Prozess auszusteigen. Da habe
Boxberg mit ihr gemeinsam überlegt, was diejenige im Moment brauche. Und
auch bei der Mitarbeit in Foren seien Menschen für eine
Entscheidungsfindung auf sie zugekommen.
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Zwischen Verletzung und Vertrauen
Viola Kohlberger gehört mit ihren 33 Jahren zu den jüngeren Synodalen. Im Rahmen des Prozesses kam es zu einem unangenehmen Aufeinandertreffen mit Kardinal Rainer Maria Woelki. Sie empfand die Situation als Machtmissbrauch und machte sie öffentlich. Dieser Vorfall mit dem Kölner Kardinal hat ihre Spiritualität nachhaltig beeinflusst.
Viola Kohlberger meldet sich in der Synodalversammlung zu Wort. Foto: © Synodaler Weg/Marko Orlovic
Bevor sie in den Gottesdienst geht, informiert sie sich nun, wer worüber predigt. Sie wählt ihren Platz so, dass sie schnell wieder gehen kann, und Gottesdienste mit vielen männlichen Zelebranten empfindet sie als unangenehm. „Diese Machtdemonstration fühlt sich schlimm an“, sagt sie. Auch wenn sie von anderen weiß, dass sie die geistliche Begleitung als hilfreich empfanden, war sie für die Angebote nicht mehr zugänglich. Und doch erzählt auch sie, dass es Momente gab, in denen sie etwas gespürt habe, das sie nicht losließ. Sie nennt es eine „heilige Geisteskraft“, die da war. Sie selbst habe auf sie vertraut und ihre Redebeiträge daher nie ausformuliert: „Ich habe darauf vertraut, dass mir die richtigen Worte einfallen und mich die anderen verstehen.“
Geistliche Erfahrung beim Synodalen Weg
Schwester Katharina hat den Heiligen Geist bei keinen anderen Konferenzen so deutlich gespürt wie bei den Synodalversammlungen. Für sie gehören Emotionen und Gefühle zu einem geistlichen Prozess, mit denen dann sinnvoll umzugehen sei. „Geistliche Dinge kann man nicht machen, denn dann wären es keine geistlichen Dinge“, sagt die Franziskanerin. Man könne allerdings dafür einen Rahmen schaffen, in dem das Wirken des Heiligen Geistes gehoben werden kann. Einen solchen zu finden, darin sieht sie eine Herausforderung. Denn bei so vielen Menschen kommen unterschiedliche Formen von Spiritualität zusammen.
„Der Heilige Geist hat
keine andere Chance als uns“
Den
geistlichen Begleitern ging es beim Synodalen Weg darum, eine
wohlwollende Atmosphäre zu schaffen, in der wahrgenommen werden konnte,
was im Raum war – auch das Unausgesprochene. Das könne auch bedeuten,
dass sich Blockaden zunächst nicht lösen lassen, sagt der geistliche
Begleiter Pfarrer Siegfried Kleymann. Sie würden kein Rezept ausstellen,
um zu sagen, so müsse es gehen.
Für den Synodalen Konstantin
Bischoff ist alles menschliche Handeln geistlich. Während der Konferenz
gehöre vom Seitengespräch bis zum Wortbeitrag oder der Verschriftlichung
eines Textes alles dazu, sagt der Pastoralreferent aus München: „Der
Heilige Geist hat keine andere Chance als uns.“
Der Reformdialog Synodaler Weg begann Ende 2019. Dabei berieten die deutschen katholischen Bischöfe und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) zusammen mit weiteren Delegierten über die Zukunft kirchlichen Lebens in Deutschland. Schwerpunktthemen waren die Sexualmoral, die priesterliche Lebensform, Macht und Gewaltenteilung sowie die Rolle von Frauen in der Kirche. Ausgangspunkt bildete eine jahrelange Kirchenkrise, die der Missbrauchs-Skandal verschärft hat.
Höchstes beschlussfassendes Organ war die Synodalversammlung, die Ende Januar 2026 in Stuttgart noch einmal zusammenkam, um eine Bilanz zu ziehen. Unterdessen gehen die Gespräche zwischen Bischöfen und Laien weiter. Aus den Synodalversammlungen ging ein Synodaler Ausschuss hervor, der seinerseits den Grundstein für ein neues Gremium, die Synodalkonferenz, legte. Stimmt der Vatikan zu, könnte diese Synodalkonferenz im November ihre Arbeit aufnehmen.
Wie eine Synode hatte auch der Synodale Weg nur beratenden Charakter. Das letzte Wort bei einer möglichen Umsetzung der Beschlüsse in ihrem Bistum lag bei den Ortsbischöfen. Das sollte die Einheit mit der Weltkirche gewährleisten und einen nationalen Sonderweg verhindern. Auch die geplante Synodalkonferenz wird sich an die Vorgaben aus Rom zu halten haben.



