Veränderungen
Kirche wird anders – aber wie?
In einem neuen Projekt mit dem Titel „hinüber“ denken Seelsorger, Theologen und Ehrenamtliche von Würzburg über Linz bis Bozen über eine sich verändernde Kirche nach. Vergangenen Mai trafen sich hierfür 80 Frauen und Männer zu einer „hinüber Manufaktur“ im oberbayerischen Kloster Beuerberg und sprachen über kirchliche Transformationsfragen. Claudia Pfrang von der Freisinger Domberg-Akademie und Florian Schuppe vom Ressort Grundsatzfragen im Erzbischöflichen Ordinariat München sind die treibende Kraft dahinter.
Traditionelle Namensschilder in der Klosterkirche Mariä Himmelfahrt in Dietramszell. Foto: © imago/imagebroker
Warum haben Sie die Initiative gestartet und warum muss Kirche anders werden?
Pfrang: Vieles ist derzeit in Bewegung. Strukturen wandeln sich, Altes steht neben Neuem, neben Resignation und Frustration ist viel Energie spürbar. Neben oft schmerzvollen Abbrüchen zeigen sich längst vielfältige Aufbrüche – mal eher traditionell geprägt, mal auf eine ganz spezielle Zielgruppe hin orientiert. Zweifellos leben wir theologisch gesprochen in einem „schon und noch nicht“. Diese Situation der Veränderung in all ihrer Ambivalenz greift unser Netzwerk „hinüber“ auf.
Schuppe: Hier hilft auch ein Blick auf die jüngste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung: 56 Prozent der Bevölkerung in Deutschland verorten sich selbst als säkular und ohne konfessionelle Bindung, 25 Prozent sind religiös distanziert und von den 13 Prozent religiös gebundenen Frauen und Männern ist wiederum nur ein Teil kirchlich aktiv. Bei einem großen Teil dieser Hochverbundenen ist gleichzeitig ein großes Veränderungsbedürfnis zu erkennen. Nicht, dass sie insgesamt alles anders machen wollen, es gibt vieles, was wertgeschätzt wird und lebendig ist. Aber es gibt auch viele Felder, in denen sie ihre eigene Kirche nicht mehr verstehen. Sie hält ihrer Meinung nach an Dingen fest, die verhindern, dass der Glaube in einer säkularen Gesellschaft seine Kraft zum Wohl der Menschen entfaltet.
„Hinüber“, das ist ja bewusst doppelsinnig: dass etwas vorbei ist oder dass etwas ans andere Ufer gerettet wird. Was lässt die Kirche denn gerade hinter sich?
Pfrang: Hinüber – so die Teilnehmenden an der Manufaktur – ist eine Theologie und eine Kirche des erhobenen Zeigefingers, aber auch die bisherige Sexualmoral. Infrage gestellt wird auch eine überbordende Opfertheologie, die mehr das Kreuz sieht als die Auferstehung. Hinüber ist für viele die Sprache in der Liturgie, die viele Gläubige nicht mehr erreicht. Aber dieses „Hinüber“ ist nur eine Facette.
Schuppe: Wir haben uns in der „hinüber Manufaktur“ drei
Leitfragen gestellt: Was ist hinüber? Was sollen wir hinüberretten? Und
was ist schon drüben, also bewahrt für eine Kirche der Zukunft? Das ist
natürlich sehr individuell, und die einzelnen Gruppen sehen das
unterschiedlich. Was für den einen Heimat und Anker ist, ist für den
anderen eine ihm fremde Form geworden. Nehmen Sie als Beispiel die
Liturgie als den traditionellen Ort erlebter Gemeinschaft mit Gott und
den Menschen. An wenigen Orten wird so deutlich, dass die Formen und die
Sprache sehr viele Leute so nicht mehr erreichen. Sie bleiben einfach
weg. Und gleichzeitig sehen wir Gruppen, die sogar sehr traditionelle
Formen und die Sprache als hochaktuell für sich selbst erleben.
Für das erste Treffen der hinüber Manufaktur haben wir bewusst ein
deutungsoffenes Einladungsbild verwendet: eine Kirchenbank mit
traditionellen Namensschildern, wie sie bis heute mancherorts zu finden
sind. Das Bild lässt sich auf zweierlei Arten deuten: Hier weiß jeder,
wo sein Platz ist, weil das schon immer so war. Da muss man sich
einordnen. Das Bild lässt sich aber auch anders verstehen: Du bist
persönlich in dieser Kirche gemeint, mit deinem Namen gerufen und
wichtig. Es geht uns bei „hinüber“ nicht darum, beides gegeneinander
auszuspielen, oder gar um ein negatives Lamentieren. Sondern darum,
offen zu fragen: Was sollten wir zurücklassen und was mitnehmen, damit
wir Kraft für diesen Übergang haben?
Pfrang: Und Kirche verändert sich stetig, weil im Mittelpunkt ihres Handelns der Mensch und seine sich verändernde Lebenswelt stehen. Eines der großen Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils ist „Gaudium et spes“ („Freude und Hoffnung“). Es verlangt von den Christen, die Nöte, Ängste und Erwartungen der Menschen aufzunehmen. Im Voralpenland sind das andere als in anderen Ländern. Darum gestaltet sich die Transformation nicht überall gleich. Aber wir teilen auch weltweit wichtige Themen, wie etwa die Stellung der Frau. Das ist ja keine europäische Luxusfrage, sondern wird ebenso stark in Afrika diskutiert.
Aber was wären diese Grundlinien, die allen gemeinsam bleiben sollen oder automatisch bleiben?
Schuppe: Da lande ich bei der klassischen Theologie und den vier Grundvollzügen der Kirche: Liturgie (Gottesdienst), Diakonie (Dienst am Nächsten), Koinonia (Gemeinschaft) und Martyria (Zeugnis und Verkündigung). Diese vier Aspekte beschreiben die wesentlichen Aufgaben und das Selbstverständnis der Kirche. Sie sind eine ständige Selbstbefragung. Haben wir eine gemeinsame Form, unseren Gottesdienst zu feiern? Wie schaffen und leben wir Gemeinschaft und verbinden uns, besonders auch über unseren Wohlfühlkreis hinaus? Haben wir Menschen am Rand, ihre Anliegen und Sorgen im Blick? Und wie geben wir Zeugnis, teilen mit, was uns trägt?
Bei „hinüber“ geht es nicht darum, etwas Neues zu erfinden. Nein, wir wollen Formen suchen, wie diese Grundvollzüge heute aussehen können und wie wir Menschen, die diese Veränderung mitgestalten wollen, dafür zusammenbringen. Wir erleben leider immer wieder, dass sich Haupt- wie Ehrenamtliche, die vor Ort die Veränderungen kreativ gestalten, als Einzelkämpfer, ja fast auf verlorenem Posten fühlen. Da wollen wir Vernetzung schaffen, die persönliche und gemeinschaftliche Aufbrüche fördert.
Pfrang: Auf der „hinüber Manufaktur“ haben wir solche Aufbrüche im wahrsten Wortsinn vorgestellt, wie bisher Geschlossenes sich nach draußen öffnet. Etwa in St. Maria in Stuttgart. Dort haben die Seelsorger, ganz im Geist von „Gaudium et spes“, tatsächlich die Kirche für Initiativen der Menschen geöffnet – nach dem Motto: „Sie haben eine Idee? Wir haben einen Raum.“
„Himmel über Neuhausen“ will im Leben des Münchner Stadtteils sichtbar sein und lädt etwa zu Orgelspaziergängen durchs Viertel ein, damit sich die Bewohner begegnen können und Kirche als Ort der Begegnung erleben. In Miesbach betreibt die evangelische Kirchengemeinde das „Bunte Haus“. Da haben sich 20 Leute gefunden, die das Haus für die unterschiedlichsten Gruppen und Termine offen halten und auch die Schlüssel haben, sodass man nicht von den Öffnungszeiten im Pfarrbüro abhängig ist. Da kann der Gesprächskreis für Gemeinwohl-Ökonomie genauso einen Platz finden wie eine Künstlerin, die ihre Bilder ausstellen möchte.
Bei diesen Beispielen wird eben nicht zuerst von einer kirchlichen
Verwaltungslogik her gedacht, sondern daran, was Menschen in ihrem
Lebensraum brauchen oder nachfragen. Gleichzeitig wird eine Antwort auf
eine akute Kernfrage gegeben: Wie nutzen wir unsere Immobilien und
schaffen es, sie zu beleben, sie über Gottesdienste oder Gruppen in der
Pfarrei hinaus zu öffnen?
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In Ihrer Pressemitteilung zur „hinüber Manufaktur“ war zu lesen, dass es in Zukunft keine „Kirche ohne Sofa, Bibel, Kaffeemaschine und einen mobilen Altar geben“ werde. Ist es aber nicht gerade die wesentliche Eigenschaft eines Kirchenraums, dass er von der Wohnzimmeratmosphäre weg und in einen ganz anderen, spirituellen Raum führt? Und da wären wir auch wieder bei der Sprache: Kultsprache ist anders als der Plauderton …
Schuppe: Diese Frage finde ich sehr wichtig. Denn in diesen vier Gegenständen stecken ja auch die vier schon besprochenen Grundvollzüge der Kirche. Natürlich geht es nicht darum, behagliche und geschlossene Echokammern zu bilden, wo die Leute sich nur noch den Teil der Botschaft erzählen, der für sie wichtig ist. Das Sofa und die Kaffeemaschine stehen für eine große Sehnsucht nach Gemeinschaft vieler, unterschiedlicher Menschen, die zudem nicht unbedingt kirchlich gebunden sind. Die werden im klassischen Pfarreikontext oft übersehen oder nicht abgeholt. Die Bibel und der mobile Altar stehen für die lange Tradition der Hauskirche, in der die Frohe Botschaft in einem kleinen Kreis lebendig ist. Genauso braucht es aber auch die große Gemeinschaft an den Sonntagen und den Hochfesten mit ihrer eigenen liturgischen Sprache. Der Hauskreis wie die große Gottesdienstgemeinschaft haben ihre je eigene Berechtigung. Wenn ich mich in der einen Form nicht wohlfühle, kann ich Heimat in der anderen finden.
Pfrang: Wir müssen außerdem ehrlich sagen, dass wir in vielen sogenannten Sozialräumen keine großen Kirchen mehr werden füllen können. Dann ist vielleicht symbolisch gesprochen das Wohnzimmer der Ort, an dem Gebet, Gemeinschaft und Glaubensweitergabe geschehen. Es braucht für die Menschen vertraute Orte.
Und was ist mit der Eucharistie?
Pfrang: Die Grundfrage lautet: Was bedeutet Eucharistie überhaupt, also wie begegnen wir denn Jesus Christus und nehmen ihn auf? Da habe ich kein Patentrezept und wahrscheinlich gibt es auch keines. Aber einfach nur immer zu sagen, die Eucharistie sei Quelle und Höhepunkt des Glaubens, genügt nicht. Wenn sich die Gottesdienste immer mehr leeren und selbst von den meisten Katholiken nicht mehr besucht werden, dann ist zu fragen, wie dieses zentrale Sakrament Mittelpunkt für ihren Glauben und Stärkung für ihren Alltag werden kann.
Schuppe: Mir hilft auch ein Blick in die Ökumene. Die anglikanische Kirche kennt die sogenannten „fresh expressions of Church“, also frische Ausdrucksformen von Kirche. Die britische Gesellschaft ist ja enorm säkularisiert und die Verantwortlichen in der Church of England haben noch früher bemerkt, dass sie zunehmend neu gefordert sind. Sie fördert Gründer und bildet bewusst auch Priester zu „Pioneer Ministers“ aus, die neue Formen von Gemeinden gründen. Die Church of England kennt aber auch den anderen Weg: Sie hat Bischöfe damit beauftragt, die ganz unterschiedlichen Formen der „fresh expressions“ unterstützend über einen längeren Zeitraum zu beobachten und gut wahrzunehmen, wer sich nach einer ersten Phase der Gründung als der oder die erweist, der oder die organisatorisch und spirituell leitet und dies verantwortungsvoll und ernsthaft tut. Und dann kann es sein, dass gerade im Wissen um die Bedeutung der Sakramente solche Leitungspersönlichkeiten gefragt werden, ob sie sich – wir würden sagen – für diese Gemeinde weihen lassen möchten, um dann offiziell dort die Sakramente zu spenden und Eucharistie zu feiern. Natürlich ist das für die katholische Kirche nicht einfach zu übertragen, aber die Frage, wie die Sakramente wieder dort gefeiert werden, wo Menschen sie brauchen, finde ich auch für uns hochaktuell.
Das „hinüber“-Projekt hat vor allem den traditionellen und traditionsbewussten Alpenraum im Blick. Wie erleben Sie denn da die Bereitschaft, progressiv über Kirche nachzudenken?
Schuppe: Ich glaube gar nicht, dass unser Projekt so progressiv ist. Aber viele Menschen gehen oft von einem Kirchenbild und Formen des 19. Jahrhunderts aus. Das postuliert eine unveränderliche, streng hierarchische und blockhafte Kirche. Es gab aber immer Vielfalt, dynamische Entwicklungen und sogar Brüche. Als 1724 der Freisinger Dom umgestaltet worden war, sind nach zeitgenössischen Berichten die Leute schreiend herausgelaufen. Sie hielten das für so „greislich“ und modern, da konnte man doch keinen Gottesdienst feiern! Daneben gibt es aber immer Wiederentdeckungen traditioneller und schnell akzeptierte erneuerte Formen, die den Glauben sinnlich ausdrücken. Gerade heutzutage: etwa wenn Heilige Gräber wieder vom Speicher geholt und aufgebaut werden. Das ist ganz anders als in den 1970er und 1980er Jahren, als „progressive“ Theologen mit dieser oft tief verwurzelten Volksfrömmigkeit aufräumen wollten. Die ist aber eine ganz große Ressource.
Pfrang: Ich mag den Begriff der Tiroler Volkskundlerin und Kulturwissenschaftlerin Elsbeth Wallnöfer, die bei unserer Tagung zu Gast war. Sie hat vom „Charme der Volksreligiosität“ gesprochen. Diese fasziniert sogar noch kirchlich fernstehende Menschen, etwa bei Fronleichnam, das viele Menschen zum Mitmachen einlädt. Wenn sie nicht nur Folklore ist, dann übersetzt sie die abstrakte Theologie und macht sie greifbar. Gerade auf dem Land im Alpengebiet hat sich vieles bewahrt und hat Kraft. Selbstkritisch gesagt, ist das auch ein Auftrag für die „hinüber Manufaktur“: Da dürfen wir nicht zu urban denken und müssen den Blick weiten.
Schuppe: Es geht da um einen kirchlichen „Heimatsound“. Der will keinen Traditionsabbruch, sondern überlieferte Formen neu zum Klingen bringen, etwas, das vertraut und doch zeitgenössisch ist und deshalb verschiedenen, vielleicht sogar gegensätzlichen Gruppen etwas zu sagen hat.
Wer ist in der Pflicht, diese Veränderungen und neuen Aufbrüche anzustoßen und zu gestalten?
Pfrang: Wirkliche Transformation passiert nur, wenn sie von „unten“ vorangetrieben und von „oben“ gestützt wird. Das ist an den vielen Diözesansynoden der vergangenen Jahrzehnte zu sehen. Da gab es viele Reformanstöße, die versandet sind. Da war die Loyalität der Bischöfe gegenüber Rom oft größer als den eigenen Katholikinnen und Katholiken gegenüber. Hier hat sich auf den Leitungsebenen inzwischen einiges geändert. Vielleicht ist jetzt der Kairos da, also der entscheidende günstige Moment, die Kirche neu zu denken. Das soll die „hinüber Manufaktur“ unterstützen.
Der im Mai begonnene Austausch des „hinüber-Netzwerks“ wird online weitergeführt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wollen ein offenes Debatten- und Austauschforum entwickeln und etablieren. Im Herbst sind zwei weitere Veranstaltungen geplant, die nächste „hinüber Manufaktur“ ist für 2026 geplant. Weitere Informationen unter www.domberg-akademie.de.



