Blind hören und singen
Aleksander Pavkovič ist von Geburt an blind und steht trotzdem mitten im Leben: als promovierter Sprachwissenschaftler, IT-Trainer für Blinde und Sehbehinderte, nebenberuflicher Diakon und Vorsitzender des Deutschen Katholischen Blindenwerks. Außerdem liebt der Münchner das Musizieren und Singen seit Kindertagen. Im Interview spricht er über die Kraft des Hörens, spirituelles Singen, das Leben ohne Bilder – und was Amseln einander erzählen.
Aleksander Pavkovič. Foto: © EOM
Aleksander, hast du schon einmal gejodelt?
Ja – und überhaupt jodle, singe und improvisiere ich gern auf allerlei Tonsilben, gern auch in Richtung Jazz.
Gibt es ein Lied aus deiner Kindheit, an das du dich erinnerst?
Keines, das mich besonders geprägt hätte. Aber interessant ist vielleicht folgende Begebenheit: Ein slowenisches volkstümliches Lied über eine bestimmte rote Weinrebe – das habe ich als Siebenjähriger auf dem Akkordeon nachgespielt und gern dazu gesungen. Und erst nach Jahrzehnten konnte ich auch aus eigener Erfahrung in den Text einstimmen, in dem von der „Königin des Weins“ die Rede ist – mit Bezug auf eben diese Rebe.
Hat Musik Farben? Geistliche Musik andere als weltliche?
Für mich hat Musik nichts mit „Farben“ zu tun; jedenfalls würde ich (als Geburtsblinder) nicht davon sprechen – bei anderen ist das jedoch ganz anders.
Wie sehr spürst du im Klang der Stimme deines Gegenübers dessen Gemütszustand?
„Stimme“ und „Stimmung“ – nicht umsonst sind diese Wörter verwandt. Mein Eindruck ist, dass Menschen zwar vielleicht ihre Gesichtszüge kontrollieren oder bewusst einsetzen (Stichwort: Pokerface), eine Poker-Voice gibt’s aber eher nicht – die Stimme ist weniger oft in dieser Weise kontrolliert oder schauspielerisch gekonnt verändert.
Auch deine Frau ist blind seit Geburt. Spielt da das aufeinander Hören eine noch größere Rolle, als Pendant zum Aufeinander-Schauen oder Aufeinander-Zugehen?
Wahrscheinlich ja. Einerseits hätte ein später erblindeter Mensch vielleicht den besseren Vergleich als ich, der ich ja nie gesehen habe – meine Frau ist ebenfalls geburtsblind –, andererseits sind wir sicherlich darauf angewiesen, sehr genau aufeinander zu hören: auf sprachliche Nuancen, auf Stimm- und Stimmungsschwankungen. Wir deuten also nicht Blicke oder stumme Gesten, sondern das Sprechen – und auch das Schweigen – des Gegenübers.
Welche Chancen birgt das „Nicht-Sehen“ – auch das Nicht-sehen-Müssen vielleicht?
Zum einen: alle Sinne ganz aktiv nutzen. Auch der Geruchssinn beispielsweise kann zur Orientierung dienen – wenn der Duft nach Gebäck, Obst und Gemüse mir sagt, wo innerhalb einer Straße ich mich gerade befinde. Am Klang erkenne ich beim Gehen, ob ich in engen Gassen oder auf einem weiten Platz bin – und vieles mehr in dieser Art. All das hilft nicht nur, sondern ist auch Schönheit, ist ein ästhetisches Erleben.
Und schließlich: Fokussieren. Vielleicht kann ich mich besser auf Dinge – vor allem aber auf Menschen – ganz einlassen, ganz konzentrieren, werde nicht abgelenkt.
Und das Nicht-sehen-Müssen – nun, das mag eine Chance sein: Vieles an der allgegenwärtigen Werbung, an Übertreibungen aller Art in Sachen Mode, Selbstinszenierung, vielleicht auch an der medial präsenten Übersexualisierung – das entgeht mir ganz einfach, und ich bin auch gar nicht neugierig darauf. Manche Menschen sagen mir, ich solle froh sein, das viele Leid der Welt nicht sehen zu müssen. Da aber bin ich nicht froh. Ich will die Blindheit nicht zum Vorwand nehmen, vor der Auseinandersetzung mit Leid, Unrecht und Grausamkeit zu fliehen.
Welche Rolle spielt das Singen in deiner Funktion als Diakon?
Ich bin ein ausgesprochener „Sing-Diakon“. Wenn ich Wortgottesdienste oder Andachten leite, wenn ich in der Messfeier dem Priester assistiere (das Evangelium verkünde, am Altar diene bei der Gabenbereitung usw.), dann singe ich oft und gern. Zum Beispiel ist es für mich immer ein Höhepunkt im Kirchenjahr, das große Osterlob, das Exsultet, zu singen – und die ganze Osterzeit hindurch den Entlassruf „Gehet hin in Frieden“ mit anschließendem doppeltem Halleluja voll Freude zu singen.
Erreicht man die Menschen durchs Singen – durch klingendes Gebet – womöglich besser?
Ja, ich glaube schon. Beim Evangelium ist das so eine Sache: Es ist Wort Gottes, das verkündet werden soll. Und doch hat ja vielleicht auch Jesus selbst das eine oder andere in so einem Rezitationston verkündet, damit man es sich gut merken kann – das kann durchaus damals üblich gewesen sein. Beim gesungenen Gebet könnte die Gefahr bestehen, dass der Wortlaut, der Textinhalt, nicht so zur Geltung kommt, sondern dass es einfach „schön klingt“. Das ist aber auch ein wichtiger Aspekt.
Ist Singen für dich immer auch spirituell?
Ja, wahrscheinlich schon. Auch, wenn ich einfach auf irgendwelchen Jazz-Tonsilben verspielt vor mich hinsinge – und erst recht, auch wenn es weltliche Lieder sind: Wenn ich zum Beispiel laut und von Herzen irgendwo eine Hymne oder sonst einen feierlichen Text mitsinge. Und das eingangs erwähnte slowenische Weinlied ist ja ein Lob auf Gottes Schöpfung.
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Wo findest du Ruhe, wenn du eine Weile nichts hören magst?
Das ist in der Stadt gar nicht so einfach. Immerhin wohnen wir so, dass auf der einen Seite keine stark befahrene Straße ist. Da kann ich dann am offenen Fenster sitzen und höre höchstens die Vögel singen oder – ganz in der Ferne – Kinder, die ausgelassen draußen spielen.
Was sagen dir die Geräusche der Großstadt?
Die Geräusche sagen etwas darüber aus, wie die Menschen leben: wenige Geräusche an einem Sonntagmorgen – die Stadt erholt sich, holt Atem. Laut geht es zu an Werktagen, nachmittags vor allem – Berufsverkehr, aggressives Gehupe und dergleichen. Auch Musik aus Lautsprechern ist allgegenwärtig – Musik aber, die nicht so recht wahrgenommen wird, sondern eher als Klangteppich dient.
Kirchenglocken setzen zwischendurch auch willkommene Akzente.
Hörst du Melodien im Vogelgezwitscher?
Ja, zumindest musikalische Motive und Themen. Und ich höre „Gespräche“ im Vogelgezwitscher: Bei den komplexen Tonfolgen, wie zum Beispiel die Amseln sie hören lassen, denke ich immer, sie erzählen sich gegenseitig immer wieder etwas ganz Neues.



