Achtsamkeit
07.12.2025

Warum Warten im Advent gut tut

Fabian Brand erklärt, warum bewusstes Warten im Advent neue Ruhe schenkt – und wie Entschleunigung unser Leben bereichern kann.
    

Foto: © AdobeStock - contrastwerkstatt

„Sie dürfen gerne vorgehen“: Diesen Satz hört man manchmal, wenn man beim Einkaufen an der Kasse steht. So mancher Kunde meint es gut und findet, man könne doch jemanden vorlassen, der nur wenig eingekauft hat. Jemand anderem den Vortritt lassen, damit es bei ihm schneller geht, damit er oder sie nicht so lange warten muss. Mich hat dieser Satz schon immer ein bisschen stutzig gemacht. Und irgendwann habe ich mir angewöhnt, auf dieses Angebot freundlich zu antworten: „Nein, danke, ich habe Zeit.“

In viele verdutzte Gesichter habe ich schon geschaut, weil manche Menschen das nicht verstehen. Sie verstehen nicht, dass es jemand nicht eilig hat, dass es jemand sogar in Kauf nimmt, dass es länger dauert, als es eigentlich müsste. Freilich mag es Situationen geben, in denen es schnell gehen muss und in denen die Schlange an der Kasse zur wahren Geduldsprobe wird. Doch das kommt in meinem Leben eher selten vor. Und schon oft habe ich bei mir selbst gedacht: Wenn die fünf Minuten Wartezeit an der Kasse schon Stress auslösen, sollte ich mein Leben wohl einmal gründlich überdenken!

Der Zeit hinterherhechten, um nicht
aus der Zeit gefallen zu sein

Nein, danke, ich habe Zeit: Für manche Menschen unserer Tage klingt dieser Satz wie eine massive Herausforderung. Denn damit wird doch das Gegenteil von dem ausgesagt, was wir eigentlich so gerne betonen: Ich habe keine Zeit. Keine Zeit, um Freunde oder die Familie zu besuchen, keine Zeit, um dem Hobby nachzugehen, keine Zeit, um sich eine kleine Auszeit zu nehmen und zu entspannen. Wir sind es gewohnt, keine Zeit zu haben. Und deswegen haben wir es auch immer eilig: Die Zeitersparnis an der Kasse nehmen viele dann gerne dankend an, denn Warten heißt, etwas von dieser kostbaren Zeit zu vergeuden. Untätigkeit geht gar nicht, wo die eigene Zeit schon so enge Grenzen hat, dass alles genau auf die Minute durchgeplant ist.

Doch wenn man sich einmal den Kontext anschaut, in dem wir Menschen leben, können wir oft gar nicht anders, als uns einfach an diese Beschleunigung anzupassen. Was heute im Internet bestellt wird, muss morgen schon geliefert werden. Nachrichten überschlagen sich, manchmal sogar minütlich. Es wird erwartet, dass man mehrmals am Tag seine Mails abruft, Nachrichten auf dem Smartphone innerhalb kürzester Zeit beantwortet und sowieso immer up to date ist. Bei so vielem Neuen, das auf unserer Erde entsteht und produziert wird, kommt man oft gar nicht mehr hinterher. Man hechtet der Zeit hinterher, um nicht aus der Zeit gefallen zu sein. Denn wer das tut, der gibt ja offenkundig zu, dass er das Spiel dieser Gesellschaft nicht mitspielt, sondern seine eigenen Lebensregeln aufstellt und sich damit ein Stück weit ausgrenzt.
     

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Advent als Gegenbewegung zur
Beschleunigung des Alltags

Nein, danke, ich habe Zeit: Zumindest die Kirche mit ihren uralten Ritualen und Symbolen bildet oftmals eine gegensätzliche Bewegung zu dem ab, was in der Gesellschaft gerade erwartet wird. So ist das auch mit der Vorbereitungszeit auf das Weihnachtsfest, dem Advent. Schon sehr früh hat man in der Kirche verstanden, dass man die großen und wichtigen Feste des Kirchenjahres nicht einfach so begehen kann. Vielmehr braucht man eine Vorbereitungszeit, um sich einzustimmen, um sich bewusst zu werden, auf welches Fest man gerade überhaupt zugeht.

Und man hat deshalb die Vorbereitungszeiten eingeführt: die vierzigtägige Fastenzeit vor Ostern und den Advent vor Weihnachten. Man wollte verhindern, dass Menschen in die großen und wichtigen Feste der Christenheit hineinstolpern. Dass man plötzlich ein Fest feiert, aber eigentlich noch gar nicht bereit ist für dieses Fest. Jede Vorbereitungszeit ist eine geschenkte Zeit: Denn sie versucht, uns bewusst herauszunehmen aus dem Trott des Alltags, um unsere Gedanken und Sinne auf ein Fest zu lenken.

Deswegen ist ein Grundgedanke des Advents, Zeit zu haben – Zeit zu haben und sich nicht stressen oder beeilen zu müssen. Vier ganze Wochen sind es im besten Fall, in denen wir uns auf Weihnachten einstimmen können. Schon in den frühen Jahren der Kirchengeschichte hat die Kirche gesagt: Nein, wir wollen nicht vorgehen, nicht überholen, damit wir schneller am Weihnachtsfest sind. Sondern wir wollen uns Zeit nehmen, wir wollen bewusst warten, damit Weihnachten ein umso schöneres Fest wird. Wartezeit ist wichtige Zeit!

Und das ist ein Gedanke, der dem entgegensteht, was wir heutzutage oft erleben: nämlich dass Wartezeit nur vergeudete Zeit ist. Nein, haben die Verantwortlichen in der Kirche damals gesagt.

Wartezeit ist keine verschwendete Zeit, sondern eine geschenkte Zeit. Eine Zeit, in der man sich einmal bewusst Zeit nehmen kann. Eine Zeit, in der man sich einmal bewusst mit dem Herzen auf Weihnachten einstellen kann.

Vorzugehen, schneller am Ziel zu sein, das wäre auch im Advent ganz einfach. Man müsste ja nur gleich alle vier Kerzen am Adventskranz entzünden, man könnte schon am ersten Dezember alle 24 Türchen des Adventskalenders öffnen. Man könnte am ersten Tag des Advents den Christbaum ins Haus holen und „Stille Nacht“ singen. Doch damit würden wir uns wieder nur der Beschleunigung der Welt hingeben – und wieder einmal bekennen, dass wir gar keine Zeit haben. Wie gewonnen, so zerronnen, könnte man sagen. Und was dann bleibt, ist, dass wir doch nur hineinstolpern in das große Fest, dass wir doch wieder einmal nicht warten können.

Jedes Jahr aufs Neue lädt uns der Advent ein, sich Zeit zu nehmen. Das ist vielleicht in unserer Welt, die immer schneller wird, ganz wichtig. Und so liegt es letztlich an uns selbst, wie wir diese Zeit gestalten. Mein Vorschlag ist, sie bewusst zu gestalten. Es gibt viele Kleinigkeiten, die uns dabei helfen – zum Beispiel der Adventskranz. Er zeigt sehr deutlich, dass es auf Entschleunigung ankommt: eben nicht alle vier Kerzen auf einmal entzünden, sondern schön der Reihe nach, im Abstand von einer Woche.

Der Adventskranz ist eine Hilfe, um sich bewusst zu machen, wie viel Zeit im Advent schon vergangen ist. Und noch wichtiger: wie viel Zeit noch vor uns liegt! Wir sagen gern: Wir zünden schon die zweite oder dritte Kerze an. Doch es lohnt sich, einmal die Perspektive zu wechseln: Wir haben noch drei Kerzen, die noch nicht brennen. Das heißt: Drei Wochen liegen noch vor uns, drei Wochen Zeit sind uns noch geschenkt. Drei Wochen, die wir so gestalten können, wie wir das möchten. Drei Wochen, in denen wir noch Zeit haben.

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Stille, Achtsamkeit und der Wert geschenkter Zeit

Eine andere kleine Übung ist, Stille zu suchen und auszuhalten. In unserem Alltag erleben wir immer wieder, dass unser Leben von so vielen Dingen übertönt wird – und seien es die Nachrichten, die in unser Leben dringen und uns oftmals in Unruhe versetzen und verwirren.

Bewusst Stille suchen: Das kann ein kleiner Augenblick sein, aber auch ein längerer Zeitraum. Man kann in der Frühe den Wecker einmal fünf Minuten eher stellen und diese fünf Minuten am Morgen einfach genießen. Sich hinsetzen und wissen: Ich habe jetzt diese Zeit, diese Zeit, die ich mir herausgenommen habe, um da zu sein und den Augenblick zu spüren.

Gerade am Morgen tut es gut, sich zu fragen, was heute bevorsteht, welche Aufgaben dieser Tag bringt. Sich aber auch immer wieder zu fragen: Wo kann ich heute die geschenkte Zeit des Advents auskosten, die geschenkte Zeit wertschätzen? Denn nur, wer sich dieses Zeitgeschenks bewusst ist, kann es genießen!

Nein, danke, ich habe Zeit: Jahr um Jahr will uns der Advent einladen, diesen Satz einmal öfter zu sagen. Einmal häufiger aus dem schnellen Hamsterrad des Alltags auszubrechen und sich der Langsamkeit der Zeit bewusst zu werden. Sensibel sein für den Lauf der Zeit, Wartezeiten auch positiv wertschätzen und entschleunigen: Das sind Dinge, die uns die Adventszeit Jahr um Jahr aufs Neue lehrt!

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Fabian Brand
Artikel von Fabian Brand
Autor
Fabian Brand hat katholische Theologie in Würzburg und Jerusalem studiert. Neben wissenschaftlichen Publikationen schreibt der habilitierte Theologe auch Bücher aus dem Bereich Pastoral und Spiritualität. Fabian Brand ist regelmäßig mit Vorträgen zu Theologie und Brauchtum im ganzen Land unterwegs.