Buchtipp
Mehr als medizinische Fakten
Der frühere Leiter des medizinischen Büros im französischen Marienwallfahrtsort Lourdes, der Arzt Patrick Theillier, hat ein Buch über Heilungen verfasst. Wir haben mit der Lourdes-Expertin Irmgard Jehle vom Bayerischen Pilgerbüro darüber gesprochen.
Zur Erscheinungsgrotte in Lourdes pilgern viele Menschen mit Erkrankungen und Behinderungen. Foto: © imago/Le Pictorium
Sie sind eine profunde Kennerin des französischen Marienwallfahrtsorts Lourdes und haben Dr. Patrick Theillier, der von 1998 bis 2009 dort das medizinische Büro leitete, persönlich gekannt. Wie hat er auf Sie gewirkt?
Dr. Theillier ist ein tiefgläubiger Mensch und ein profunder Mediziner – er kommt ja aus der medizinischen Praxis, er war Hausarzt –, der sehr auf die Menschen zugeht. Ich habe das Gefühl, dass er sich dem Menschen ganzheitlich zuwendet. Er sieht ihn nicht nur als Fall, sondern als Menschen mit seiner Lebens- und vor allem auch seiner Glaubensgeschichte.
In seinem soeben auf Deutsch erschienenen Buch „Lourdes: Gnadenort der Heilungen“ schreibt Theillier: „Lourdes ist ein Ort ständiger prophetischer Heilung.“ Teilen Sie diese Ansicht?
Ich teile diese Ansicht vollkommen. In Lourdes ereignen sich täglich Heilungen. Nicht alle sind spektakulär und man darf sie auch nicht auf die medizinischen Wunderheilungen reduzieren.
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Nicht einmal ein Prozent der in Lourdes gemeldeten Heilungen wurden von der katholischen Kirche offiziell als Wunder anerkannt, bisher genau 72. Hierfür müssen strenge Kriterien, unter anderem ein plötzliches Eintreten und ein dauerhaftes Fortbestehen der Heilung, erfüllt werden. Wie beurteilen Sie diese Kriterien?
Die Kirche ist einfach sehr vorsichtig und will sichergehen, dass es sich um Heilungen handelt, die mit wissenschaftlichen Möglichkeiten nicht zu erklären sind. Es gibt ja den Spruch: „Man wird leichter in Rom heiliggesprochen als in Lourdes als Wunderheilung anerkannt.“
Dr. Theillier hat zahlreiche Heilungen in seinem Buch beschrieben – auch solche, die nicht offiziell als Wunder anerkannt wurden. Was, denken Sie, möchte er damit bewirken?
Jeder, der in Lourdes ist oder der mit Menschen, die geheilt worden sind, in Kontakt kommt, spürt, dass da einfach mehr ist als die rein medizinischen Fakten. Dr. Theillier möchte zeigen, dass es nicht auf diese speziellen Einzelphänomene ankommt, sondern es ist ihm auch wichtig, das Zeugnis aufzuzeigen, das durch diese Menschen gegeben wird.
Irmgard Jehle ist Geschäftsführerin des Bayerischen Pilgerbüros. Foto: © Bayerisches Pilgerbüro gGmbH
Im Sinne der 72 offiziell anerkannten Wunder nein, aber ich habe einige Geheilte gekannt und es auch als Heilung erlebt, wenn Menschen erzählen, wie sie durch das Erlebnis in Lourdes anders mit ihrer Lebensgeschichte umgehen. Ich hatte zum Beispiel Kontakt zu einer Frau, die schwer krebskrank war und mit ihrem Leben haderte. Sie ist dann mit ihrem Mann nach Lourdes gefahren und hat mir am Ende der Reise gesagt: Ich kann jetzt mit dieser Krankheit leben. Das ist für mich eine seelische Heilung. Und ich habe selbst erlebt, wie Lourdes auch mich verändert: wie sich so manches relativiert und hinterher anders anfühlt.



