Rituale
28.11.2025

Auf Weihnachten warten 

Der Advent ist die Vorbereitungszeit auf Weihnachten. Doch wer wartet wirklich bis zum 24. Dezember, um die ersten Plätzchen zu probieren? Ines Schaberger ergründet, warum das Warten schwer fällt – und stellt drei Ideen vor, den Advent zu gestalten. 
    

Foto: © Max Beck

Als ich zwei Monate lang bei einer Fast-Food-Kette arbeitete, stellte ich fest: Menschen warten nicht gern, weder auf ihren Burger noch auf ihre Pommes. Ebenso ungeduldig bin ich selbst an der Supermarktkasse, in der Warteschleife beim Kundenservice oder beim Computerupdate.  

Dabei bestehen das Leben aus lauter Momenten des Wartens. Eine kleine Umfrage unter Freundinnen und Bekannten zeigte: Menschen warten gerade auf… 

- die Geburt ihres Enkelkindes

- einen neuen Morgen

- Heizöl für den Winter

- ein Prüfungsergebnis
 
- inneren Frieden in einer hektischen Zeit

- den Ruhestand 

Je nachdem, worauf sie warten, empfinden sie die Wartezeit als quälend oder inspirierend. Doch niemand kann sie beschleunigen, weder durch hektische Betriebsamkeit noch durch den genervten Blick auf die Uhr. 

Der Zauber des Wartenkönnens 

In einer beschleunigten Gesellschaft, die alles sofort will, ist das Erwarten schwierig geworden. Auch mir fällt es schwer, die Spannung zwischen dem „Nicht mehr“ und dem „Noch nicht“ auszuhalten. Wenn etwas Altes zu Ende geht und ich spüre, dass ich daraus hinausgewachsen bin, sehne ich mich oft nach dem Neuen. Doch es hat noch nicht begonnen, ich bin noch nicht hineingewachsen. Diese Schwellenzeiten sind anstrengend. Und doch bergen sie eine Chance.  

Im Warten liegt die Möglichkeit, 

- Erlebnisse zu reflektieren und sie zu Erfahrungen werden zu lassen, 

- Altes loszulassen und innerlich zu reifen, 

- in der Unsicherheit das Vertrauen wachsen zu lassen, 

- und Kraft aus der Vorfreude auf etwas zu schöpfen. 

Foto: © AdobeStock - Gina Sanders


Eine Sache, auf die ich gern warte, ist Weihnachten. Die damit verbundene Wartezeit, den Advent, begehe ich bewusst – zum Beispiel mit dem Adventskranz. Diesen erfand ein evangelischer Pfarrer im 19. Jahrhundert, indem er 24 Kerzen auf einem Wagenrad befestigte. Heute sind es nur noch vier – für jeden Adventssonntag eine. Doch damals wie heute wird es mit jeder Kerze heller, bis zu jenem Tag, an dem Christinnen und Christen die Ankunft (lat: adventus) Jesu feiern.  


Doch wer Weihnachten schon den ganzen Advent über feiert, läuft Gefahr, am Festtag selbst weder Freude daran noch Energie dafür zu haben. 

Nicht selten bleibt am Ende die Enttäuschung, dass das Fest nicht mehr so bezaubert wie in Kindertagen.


Anzeige

Drei Ideen für den Advent 

Die folgenden drei Ideen und Rituale können dabei helfen, den Advent bewusst zu erleben und die Vorfreude auf Weihnachten langsam wachsen zu lassen: 

1. Rorate-Gottesdienste 

Draußen ist es dunkel, doch drinnen wärmen und erleuchten Kerzen die Kirche. Dazu erklingt ruhige Musik. Geschichten und Gebete füllen den Raum; sie handeln vom Licht in der Dunkelheit und von hoffnungsvoller Erwartung. 

Rorate-Gottesdienste zelebrieren den Übergang zwischen Nacht und neuem Morgen. Sie sorgen für einen besinnlichen Start in den Wochentag, noch vor aller Hektik und Betriebsamkeit. Um nicht nur die Seele, sondern auch den Körper für den Tag zu stärken, wird oft nach dem Gottesdienst ein gemeinsames Frühstück angeboten. 

Mein Tipp: Besuchen Sie einen Rorate-Gottesdienst in Ihrer Nähe. Bringen Sie eine Laterne oder eine Kerze mit Tropfschutz mit und tragen Sie das Licht nach Hause oder zur Arbeit. 
 

Foto: © AdobeStock - alisluch


2. Musik hören oder machen 


Viele Menschen können „Last Christmas“ und andere Weihnachtslieder, die ab Mitte November in allen Geschäften und Radiostationen auf und ab laufen, nicht mehr hören. Doch der Advent bietet weit mehr Musik, die das Warten feiert, statt Weihnachten vorwegzunehmen: 

- „Wir sagen euch an den lieben Advent“ (Gotteslob Nr. 223): Der Klassiker unter den Adventsliedern besteht aus je einer Strophe für jede Kerze auf dem Adventskranz. 

- „O come, o come Emanuel“: Das ursprünglich lateinische Adventslied besingt die Hoffnung und Vorfreude darauf, dass das Licht der Welt kommen und die Finsternis erhellen möge.  

- „Kündet allen in der Not“ (Gotteslob Nr. 221) ist ein tröstliches Adventslied, das zu Vertrauen und neuem Mut einlädt. 

Auch zeitgenössische Musikerinnen und Musiker greifen adventliche Themen auf:  

„Winter Song“ fragt danach, wie Liebe wieder lebendig werden kann und erzählt von der Hoffnung auf Licht und ein Wiedersehen.  

- Coldplays „Fix you“ thematisiert das Warten und Aushalten und die Hoffnung auf Licht, das den Weg weist. Es öffnet einen Raum für Sehnsucht und Ganzsein. 

- In „May it be“ singt Enya von einem Versprechen, das in einem schlummert und wünscht, dass das Licht einen auf dem oft schwierigen Weg begleitet. 

Mein Tipp: Stellen Sie eine Advents-Playlist zusammen – ohne Weihnachtslieder, aber mit Liedern, die die Erwartung und die Hoffnung zelebrieren. Oder musizieren Sie mit anderen zum Beispiel beim gemeinsamen Adventsliedersingen. 

[inne]halten - das Magazin 25/2025

Suche nach Einheit

Papst Leo beschwört am Ort des Konzils von Nizäa die Gemeinschaft der Christen.

Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.


3. Sich auf Herbergssuche machen 


Josef und die hochschwangere Maria suchen eine Herberge in Betlehem, in der sie willkommen sind und das Jesuskind zur Welt kommen kann – diese biblische Erzählung inspirierte den alten Brauch der Herbergssuche, der bis heute gepflegt wird. Zwei Personen, beispielsweise Kinder, spielen Maria und Josef, eine dritte Person den sie abweisenden Herbergsvater. Dazu wird das Lied „Wer klopfet an?“ gesungen. Andernorts wird ein Marienbild im Advent von Familie zu Familie weitergegeben.  

Mein Tipp: Laden Sie in diesem Advent Freundinnen oder Freunde zu sich nach Hause ein, ohne Plätzchenberge oder Perfektionsanspruch. Eine Tasse Tee und ein ehrliches Gespräch genügen: Tauschen Sie sich darüber aus, was in Ihrem Leben „Nicht mehr“ und „Noch nicht“ ist.  

Fazit 

Der Advent lässt mich erahnen: Es lohnt sich zu warten. Das Neue reift heran, leise und unscheinbar. Das Entscheidende lässt sich nicht erzwingen, sondern wächst oft langsam. Doch wenn es dann da ist, ist es umso schöner. 

Innehalten-Leseempfehlung
Ines Schaberger
Artikel von Ines Schaberger
Journalistin und Theologin
Jahrgang 1993, ist Pilgerseelsorgerin in St. Gallen und Gastgeberin des Podcasts „fadegrad“ mit inspirierenden Lebensgeschichten.