Achtsamkeit
20.02.2025

Missbrauchs-Wunden offen zeigen

Im Münchner Dom steht nun ein Mahnmal für Betroffene sexuellen Missbrauchs. Die Ausfertigung des Kunstwerks „Heart“ des Künstlers Michael Pendry wurde am Altar installiert, wo sie bis Ostern verbleiben wird. Anschließend wird sie dauerhaft in der Krypta aufgestellt.
 

Foto: © Kiderle

An einer der Säulen im Münchner Dom steht die Figur eines geschundenen Christus’. Er zeigt seine Wunden. Nur wenige Meter davon entfernt ist ein Mahnmal aufgerichtet, das an das erlittene Unrecht und den Schmerz vieler Menschen erinnert: ein von Gittern durchbrochenes Herz aus vergoldeten Stäben. Es symbolisiert die Brüche und Lücken, die Betroffene sexualisierter Gewalt in ihrem Leben erfahren haben. Es erzählt von den erstarrten Gefühlen und dem inneren Gefängnis, die durch das oft jahrzehntelange Be- und Verschweigen in ihnen entstanden sind, aber auch von Hoffnung und Zuwendung.

Das Mahnmal sei „kein Endpunkt, sondern ein Ausgangspunkt“, unterstreicht Kardinal Reinhard Marx bei der Enthüllung. Der vor 15 Jahren ins Rollen gekommene Missbrauchsskandal „betreffe den Glauben und die Strukturen der Kirche“. Das Herz sei „aufgebrochen, aber nicht zerbrochen“, sagt der Kardinal und er dankt den Betroffenen, einen „gemeinsamen Weg zu gehen“.


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Betroffenen-Sprecher Kick:
„Wir haben viel erreicht“

Zusammen mit Kardinal Marx enthüllt Richard Kick das etwa 60 Zentimeter große Mahnmal. Er ist Sprecher des unabhängigen Betroffenenbeirats im Erzbistum München und Freising, der das Mahnmal initiiert und umgesetzt hat. Für ihn signalisiert es, dass das durch sexuellen Missbrauch erlittene Leid in der Kirche nun offen gezeigt wird: „Wir haben viel erreicht und stehen jetzt mit dem Mahnmal im Dom der Diözese.“ Wesentlich sei, dass die Betroffenen dadurch eine dauerhafte Aufmerksamkeit erfahren würden, „und die Aufarbeitung weitergehen kann“.

Richard Kick (links) und Kardinal Reinhard Marx enthüllen gemeinsam das Mahnmal. Richard Kick (links) und Kardinal Reinhard Marx enthüllen gemeinsam das Mahnmal. Foto: © Kiderle

Missbrauchs-Betroffene: „Es war sehr trostreich“

Wie zerstörerisch sexualisierte Gewalt das Leben begleitet, drücken bei der Enthüllung des Mahnmals eine von klagender Musik begleitete Tanzaufführung und Texte von Kick aus. Wie befreiend die Anerkennung dieses Leides ist, zeigen Bilder einer Wallfahrt nach Rom. 2023 begegneten Betroffene aus dem Münchner Erzbistum dort dem Papst, der ein Modell des durchbrochenen Herzens entgegennahm. Nun steht es vollständig ausgeführt auf einem Sockel dicht am Altar des Doms.

Dort legen Betroffene gebrochene Steine nieder, auf denen in kurzen Worten steht, wie der Missbrauch ihr Leben bestimmt hat: Von ihrer „Scham“ ist da zu lesen, dabei hätten sich die Täter schämen müssen. Vor diesen Steinen und dem Mahnmal bilden Betroffene einen Kreis und umarmen sich. Die mehreren hundert Besucher, Begleiter und Angehörigen sind in diesem Moment ganz still. Der Abend steht in Anlehnung an den Psalmvers 147,3 unter dem Titel: „Wer heilt die zerbrochenen Herzen?“ Natürlich habe er auch die Vergangenheit wieder aufgerissen, sagt danach eine betroffene Frau, „aber es war trotzdem sehr trostreich, von allen Seiten aufrecht und ehrlich und es hat mir gutgetan, dass ich mit meiner Erfahrung nicht allein gelassen werde“.

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Nachholende Gerechtigkeit

Das von dem Künstler Michael Pendry geschaffene Mahnmal sei auch ein Zeichen dafür, „dass man uns endlich empathisch entgegentritt und uns fragt, was wir brauchen“, so Kick. Die Betroffenen können es wagen, wie die Christusfigur an der Säule, ihre Wunden offen zu zeigen. Und sie sollten keine Angst mehr haben, mit ihren Erfahrungen nicht ernst genommen zu werden. Nach Ostern wird ihr Mahnmal dauerhaft in der Krypta des Doms seinen Platz finden. Kick und viele Betroffene werden es wohl nie ohne das Gefühl anschauen, dass sie in der Kirche etwas angestoßen haben, das ständige Wachsamkeit und wenigstens nachholende Gerechtigkeit verlangt.

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Alois Bierl
Artikel von Alois Bierl
Chefreporter und Kolumnenautor
Beschäftigt sich mit wichtigen Trendthemen wie Spiritualität.