Glaubenswelten
15.04.2026

Draht nach oben

Gott im Alltag spüren

Wie kann ich mit Gott in Kontakt kommen? Wie kann ich meine Beziehung zu ihm stärken? Wie kann mir diese Beziehung im Leben helfen? In unserer neuen Serie geben Seelsorgerinnen und Seelsorger Antworten darauf. Den Anfang macht die Benediktinerin Mirjam Grote.
    

Foto: © Frank Flores


Jede und jeder hat ihn, den Draht zu Gott. Da ist sich Schwester Mirjam Grote (53) sicher. Dabei kommt es nicht darauf an, ob jemand religiös ist oder spirituell begabt, ob jemand in der Bibel liest oder nicht, ob jemand Gebete spricht oder meditiert. „Es beginnt mit der Sehnsucht nach jemandem, der mir nahe ist. Und die kennt eigentlich jeder“, sagt die Benediktinerin.

Im Gästehaus ihres Klosters im niedersächsischen Dinklage trifft sie viele Menschen, die sich fragen, wie Gott in ihr Leben kommt. Ob er eine Botschaft für sie hat. Und ob er antwortet, wenn man fragt. „Gott ist wirklich im Alltag zu finden“, sagt Schwester Mirjam. Seine Gegenwart sei erfahrbar, egal, „ob ich zu Hause ein Kind betreue oder meine sterbende Mutter pflege, ob ich Kartoffeln schäle oder Hemden bügele“.

Wie kann man Gott im Alltag finden und erleben?

Aber wie findet man Gott im Alltag? Genau darum geht es in unserer neuen Serie. Wir besuchen Ordensleute und Priester, Theologinnen und Geistliche Begleiter und lassen uns von ihnen zeigen und erklären, wie wir Gott näherkommen können – ob im Tagesrückblick oder mit dem eigenen Körper, in der Natur oder in der Gemeinschaft, in der Bibel oder in der Musik.

Jeder Mensch hat seinen eigenen Zugang zu Gott. „Beten ist nicht kompliziert, aber der Beginn ist vom Typ abhängig“, sagt Schwester Mirjam. Die einen bräuchten vorformulierte Gebete, andere beteten frei, wieder andere fänden Gott im Tanzen, beim Malen, im Garten oder in der Stille: „Wenn jede und jeder dem nachgeht, was seine Art des Betens ist, dann ist das ein guter erster Schritt auf dem Weg zu Gott.“
  

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Sr. Mirjam Grote hat die Erfahrung gemacht, dass der Kontakt mit Gott Veränderungen im Leben bewirkt. Sr. Mirjam Grote hat die Erfahrung gemacht, dass der Kontakt mit Gott Veränderungen im Leben bewirkt. Foto: © Abtei Burg Dinklage


Bei allem ist es entscheidend, dass wir mit unserer Aufmerksamkeit in der Gegenwart sind. Nicht in der Vergangenheit, nicht in der Zukunft. „Wenn ich mich auf das Hier und Jetzt ausrichte, spüre ich, was mich umgibt, was mich trägt“, sagt Schwester Mirjam. „Dann bin ich aufmerksam für die kleinen Gesten, für das Lächeln meines Kindes. Dann merke ich, wie es mir und anderen geht.“

Manchmal brauchen wir Anregungen, um besser in der Gegenwart bleiben zu können. Zum Beispiel die Natur. Für Schwester Mirjam ist sie „eine Offenbarung Gottes“, die einen mit dem Schöpfer verbindet. Vögel, Wald und Wiesen könnten wie eine Kathedrale sein, „ein Raum, in dem ich mich zu Hause fühle“, sagt sie. Auch eine Geste wie das Kreuzzeichen oder ein Gebet wie das Vaterunser könnten eine Hilfe sein, „aus dem Kopf heraus in Gottes Gegenwart zu kommen“.

Auch andere Menschen können helfen, Gott zu erfahren. Schwester Mirjam erlebt in ihrem Kloster, dass sich Gäste in ihrer Sehnsucht nach Gott gegenseitig unterstützen. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten bekommen sie Antworten, nach denen sie schon lange gesucht haben. Oder sie erfahren Verständnis für ihren Glauben und ihre Zweifel. Eine Gemeinschaft hilft auch, zu beten und zu meditieren. Zusammen ist es manchmal einfacher, die richtigen Worte zu finden oder die Stille auszuhalten.

Als Geistliche Begleiterin erlebt Schwester Mirjam aber auch, dass sich viele Menschen vor Gott fürchten oder ihn auf Abstand halten, weil sie in ihrer Erziehung von Gott als strafendem Richter gehört oder Gewalt durch Geistliche erfahren haben. Sie sagt, für diese Menschen sei es umso wichtiger, sich heute zu fragen: Wer ist Gott für mich? Schon diese Frage könne helfen, ein neues Vertrauen zu Gott zu finden.

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Gottesbeziehung stärken: Wege zu
mehr Vertrauen und Gelassenheit

Verlieren, sagt die Ordensfrau, könne man die Verbindung zu Gott nicht: „Es heißt ja im Schöpfungsbericht, dass wir das Ebenbild Gottes sind. Und wenn er uns geschaffen hat, dann wohnt sein Geist in uns.“ Es ist nur so, dass Gott unser Beten nicht immer sofort erhört – zumindest nicht so schnell, wie wir uns das vorstellen. „Gerade in der Zeit der sozialen Medien, die immer sofort eine Antwort parat haben, ist das schwer zu ertragen“, sagt Schwester Mirjam. „Früher hat man Briefe geschrieben, sie weggeschickt und vielleicht Wochen später eine Antwort erhalten.“

Wer sich Gott zuwendet und Geduld mitbringt, wird mit der Zeit Veränderungen in seinem Leben bemerken. Schwester Mirjam sagt: „Ich kann anderen Menschen freier und offener begegnen. Ich spüre wieder Dankbarkeit. Die Angst wird kleiner, vielleicht auch die Angst vor dem Tod. Ich kann im Alltag gelassener sein, was auch immer geschieht.“

Wie man einen Draht zum Himmel finden kann, dafür gibt es in den kommenden Ausgaben viele Ideen. Schwester Mirjam glaubt, dass es dabei keine Grenzen gibt: „Gott hat vielfältige Möglichkeiten, uns anzusprechen und uns seine Gegenwart erfahren zu lassen. Manchmal passiert das in ganz unscheinbaren Dingen.“

Schwester Mirjam Grote lebt in der Benediktinerinnenabtei Burg Dinklage. Sie wirkt dort als Gastschwester und Geistliche Begleiterin, ist verantwortlich für kranke und ältere Schwestern, hilft in der Küche und im Garten, in der Schola und im Klosterladen. 

Barbara Dreiling
Artikel von Barbara Dreiling
Redakteurin der Verlagsgruppe Bistumspresse in Osnabrück
Barbara Dreiling ist ist unter anderem für Kulturthemen zuständig.