Gewalt gegen Polizisten
2.400 schwer verletzte Polizisten
Seit Jahren steigen die Zahlen von Gewalttaten gegen Polizisten. Sie werden im Dienst angespuckt, geschlagen und getreten. Frank Peter Bitter ist im Erzbistum Berlin für die Polizeiseelsorge zuständig. Auf seine Initiative baut das Land ein Zentrum zur seelischen Stärkung für Polizeibeamte auf.
Nicht immer verlaufen Polizeieinsätze so friedlich wie hier am 1. Mai 2025 in Berlin. Foto: © imago/A. Friedrichs
Schlagzeilen machen nur die schrecklichsten Fälle. Etwa der Mord an dem Polizisten Rouven Laur durch einen Islamisten in Mannheim vor gut einem Jahr. Dabei gibt es in Deutschland ein grundsätzliches Problem: Seit Jahren steigen die Gewalttaten gegen Polizistinnen und Polizisten kontinuierlich an. 2023 wurden 105.000 Polizeikräfte im Dienst angegriffen, mehr als 2.400 von ihnen wurden dabei körperlich schwer verletzt.
Die zunehmende Gewalt und den sinkenden gesellschaftlichen Respekt gegenüber Uniformierten betrachtet Frank Peter Bitter (60) mit Sorge. Der Pastoralreferent und systemische Therapeut ist im Erzbistum Berlin für die Polizeiseelsorge zuständig. Er sagt, die Attacken hätten oft nicht nur körperliche Folgen. „Die meisten Beamten versuchen zwar, das professionell wegzustecken. Doch bei vielen baut sich immer mehr Frust und Enttäuschung auf. Da werden Wertemodelle erschüttert“, sagt Bitter. „Eigentlich wollen Polizisten den Menschen helfen. Doch von vielen Bürgern werden sie verachtet, angespuckt, geschlagen und getreten.“ Im schlimmsten Fall könnten die dauernden Anfeindungen zu einer „moralischen Verletzung“ führen, wie Mediziner das Phänomen nennen.
Rückzug bis hin zum Suizid
Bitter erklärt, das Krankheitsbild sei zuerst beim Militär entdeckt worden. Es ist vergleichbar mit einer posttraumatischen Belastungsstörung und habe ähnliche Folgen: innerer Rückzug, gesellschaftliche Entfremdung, Sucht, Depressionen bis hin zum Suizid. Damit es nicht so weit kommt, versucht der Seelsorger, „die Beamten zu sensibilisieren, gut auf sich selbst zu achten und möglichst viel untereinander zu sprechen“. Beamten, die bereits in eine Depression gerutscht sind, rät er, sich auch anderweitig professionelle Hilfe zu suchen.
Aus Erfahrung weiß der Seelsorger, dass Polizisten nicht gerne
Schwäche zeigen. Mit einer diagnostizierten Depression beispielsweise
dürfen sie keinen Dienst an der Waffe mehr tun. Weil sie das als Stigma
erleben, schweigen viele. „Vor allem ältere Beamte versuchen daher oft,
alles wegzudrücken“, hat der Seelsorger beobachtet. Etliche Polizisten
halten sich an ihren Erfolgen und Festnahmen fest. Bitter sagt: „Die
wollen ihre Aktenberge abbauen, damit möglichst wenige Straftäter frei
rumlaufen.“
Wachsende Kriminalität
In Bitters Zuständigkeitsbereich, den Bundesländern Berlin und Brandenburg, arbeiten 35.000 Polizisten. Für Bitter reicht das nicht. Denn neben der wachsenden Kriminalität gibt es in der Hauptstadt unzählige Großveranstaltungen und Staatsbesuche. Zudem finden hier jährlich rund 7.500 Demonstrationen statt. „Der Personalmangel und die Arbeitsbelastung sind enorm“, sagt der Seelsorger. Hinzu kommt, dass sich viele Beamte mit menschlichen Abgründen auseinandersetzen müssen. Mit Mord, sexuellem Missbrauch, Kinderpornografie.
Polizisten, die in den sozialen Brennpunkten der Stadt arbeiten, also
an Orten, an denen Übergriffe, Gewalt und Kriminalität zum Alltag
gehören, rät der Seelsorger schon mal, sich nach einer Weile in eine
andere Dienststelle versetzen zu lassen: „Damit sich bei den Beamten
nichts verfestigt und sie irgendwann die Bevölkerung nur noch als
feindselig wahrnehmen.“ In seinen Seminaren und Workshops bietet er auch
Yoga, Atemtechniken und Meditationen an. „Prävention und Resilienz
spielen eine große Rolle“, sagt er.
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Austausch und Selbstbesinnung
Auf Bitters Initiative hin baut die Berliner Polizei aktuell ein Zentrum zur Stärkung von Haltung und Resilienz der Beamten auf. Vorbild ist das „Zentrum für ethische Bildung und Seelsorge“ in Nordrhein-Westfalen. Ab dem kommenden Jahr werden am Standort Spandau der Sozialdienst der Polizei, Psychologen, Seelsorger und die sogenannte Einsatznachsorge interdisziplinär zusammenarbeiten. In einer speziellen, von Moderatoren begleiteten Ausstellung, mit Darstellungen besonders herausfordernder Einsätze, sollen die Polizisten auf berufliche Belastungen vorbereitet werden.
Zudem werde an dem Zentrum ein Kraftraum entstehen. „Eine Art Muckibude für die Seele“, so Bitter. Mit Bildern, Videos und Seminaren sollen die Beamten animiert werden, ihre eigenen Kraftquellen zu entdecken und zu nutzen. „Zum Beispiel das Gespräch mit Freunden oder Kollegen, ein Ausgleichssport, die Familie, die Natur und natürlich Spiritualität“, sagt Bitter. „Außerdem wird an dem Ethikzentrum ein Raum der Stille eingerichtet.“
Vertrauliche Einzelgespräche
Mit seinem Angebot schafft der Pastoralreferent Möglichkeiten zum Austausch und zur Selbstbesinnung, die sonst bei der Polizei oft zu kurz kommen. In den streng vertraulichen Einzelgesprächen mit ihm könnten „die Menschen alles rauslassen: ihren ganzen Frust, den Ärger und auch ihre Traurigkeit ansprechen, sich Luft machen, damit sie einfach mal wieder durchatmen können“, sagt Bitter. Der Seelsorger ist überzeugt, dass bereits Gespräche eine Menge bewirken können. Seine Tätigkeit, so sagt er, könne man gut mit drei B’s zusammenfassen: „Begleiten, beraten, beistehen. Und wenn Christen zusammensitzen, kommt vielleicht noch das vierte B dazu: Beten.“
Von Andreas Kaiser



